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Die Mauer und ihre Bilder

26.7.2011

Adressaten und Rezipienten



Implizite Propaganda, welche die Weltöffentlichkeit gewinnen will, arbeitet anders. Sie versucht Bilder, deren augenscheinliche Unmittelbarkeit und Authentizität sie in den Rang unbestechlicher Zeugen eines Geschehens erhebt, so zum Sprechen zu bringen, dass die Empfänger deren "eingeschriebene" Botschaft ausdeuten (wie es 1961 schon der Berliner Senat erkannt hatte). Den letzten Schritt im Kommunikationsprozess leisten also die Rezipienten. Sie erst setzen - gewissermaßen in ihrem Kopf - die "richtige" Bildunterschrift unter das Foto, wobei ihnen dessen artifizieller Charakter nicht bewusst ist.[18] Gleichwohl konnte man gewiss sein, dass, wann immer das "Bauwerk der Unmenschlichkeit" über solche Bilder beschworen wurde, Menschen, die in demokratischen Systemen sozialisiert worden waren, es automatisch auch als Bauwerk der Unrechtmäßigkeit wahrnahmen. Schließlich wurden elementare Menschenrechte wie Selbstbestimmung und Freizügigkeit mit Füßen getreten. Unversehens war aus der emotionalen eine politische Qualität erwachsen - und ein propagandistischer Effekt.

Diese weltweite Wirkung der Mauerbilder brachte das SED-Regime in Rage. Vor allem gegen den immer mitschwingenden Vorwurf der Unrechtmäßigkeit wehrte es sich vehement. Wie jedermann das Recht habe, seine Haustür zu verschließen, so habe auch ein Staat das Recht auf Sicherung seiner Grenzen. Wer diese verletze, sei dafür selbst verantwortlich. In Wahrheit habe die Mauer ("Sie steht ganz ruhig da!"), welche den Kriegsplänen der Bonner Kriegstreiber einen Riegel vorgeschoben habe, den Weltfrieden gerettet. Deswegen gebühre ihr der Ehrenname "antifaschistischer Schutzwall".[19]


Als die gebetsmühlenartige Wiederholung dieser Argumentation nicht verfing, rüstete man entsprechende, für Westbesucher produzierte Broschüren massiv mit Bildmaterial auf (siehe die Abbildung 3 der PDF-Version).[20] Es entstand ein peinlicher Wettlauf um die grausamer zugerichteten "Maueropfer". Was sich auf Ostseite aufbieten ließ, waren aber ausschließlich Angehörige der (bewaffneten!) Grenztruppen, die von eigenen Kameraden oder bei Schusswechseln mit der West-Berliner Polizei zu Tode gekommen waren. Eine "eingeschriebene" Botschaft hatten diese Fotos ebenfalls nicht. In weitschweifigen, von der Staatssicherheit gedrechselten Bildunterschriften sollte glaubhaft gemacht werden, dass gedungene "Meuchelmörder" hinter diesen "Attentaten" steckten.[21]

Das kam allzu offensichtlich als Propaganda daher. Ein genauerer Blick auf die Details zeigt, dass man noch immer mit den schon zu Stalins Zeiten praktizierten Tricks (Inszenierungen, Montagen, Fälschungen) arbeitete. Dies galt sogar für das Foto, das eine hohe Bedeutung für die Binnenpropaganda der DDR erlangte, indem es vier Betriebskampfgruppenmitglieder als lebenden Schutzwall vor dem Brandenburger Tor zeigte. Schon die Art und Weise, in welcher die Helden passgenau vor die vier Säulen drapiert worden waren, offenbarte, dass es ein gestelltes Foto war. Als beim Berlin-Jubiläum 1987 die Erinnerung daran sinnfällig gemacht werden sollte, wurde es vor einer Pappkulisse des Brandenburger Tores nachgestellt. Die pompöse Inszenierung war freilich ein Notbehelf. Das Originalfoto war seit Jahren für den Wiederabdruck gesperrt.


Fußnoten

18.
Insofern arbeiteten diese Bilder schon nach dem Prinzip der "Visuellen Kommunikation", wie sie von Werner Kroeber-Riehl in den 1970er Jahren für die Werbewirtschaft entwickelt und etwa in der Kampagne der visuell "geöffneten Horizonte" ("Wir machen den Weg frei!") für die Volksbanken/Raiffeisenbanken umgesetzt wurde.
19.
Als Erfinder der Formel "Antifaschistischer Schutzwall" gilt ZK-Mitglied Horst Sindermann, der im Auftrag des SED-Politbüros im Herbst 1961 eine ideologische Begründung für den Mauerbau zu erarbeiten hatte. Zur Rechtfertigung erklärte Sindermann im Mai 1990 dem "Spiegel": "Wir wollten nicht ausbluten, wir wollten die antifaschistisch-demokratische Ordnung, die es in der DDR gab, erhalten. Insofern halte ich meinen Begriff auch heute noch für richtig." Zit. nach: Siegfried Prokop, Die Berliner Mauer (1961-1989). Fakten, Hintergründe, Probleme, Werder/Havel 2009, S. 56.
20.
Die Broschüre "Was ich von der Mauer wissen muss" (etwa 1962) kommt noch ganz ohne Bildmaterial aus, im Gegensatz zu "Warum Mauer, wie lange Mauer?" von 1965.
21.
Die Behauptungen in den Bildunterschriften haben sich allesamt als Fälschungen erwiesen. Am 18.4.1962 war Jörgen Schmidtchen "von einem fahnenflüchtigen NVA-Offiziersschüler erschossen", am 23.5. Peter Göring "von einem Querschläger aus der Waffe eines West-Berliner Polizisten tödlich getroffen"; vgl. Hans-Hermann Hertle, Die Berliner Mauer/The Berlin Wall. Monument des Kalten Krieges, Bonn (bpb) 2009, S. 109. Gleiches galt für Reinhold Huhn oder Egon Schultz.

 

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