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5.7.2011 | Von:
Volker Stollorz

Elinor Ostrom und die Wiederentdeckung der Allmende

Geht es um nachhaltige Ressourcenverwaltung, wird gerne die "Tragik der Allmende" ins Feld geführt: Eigennutz führe zur Übernutzung von Gemeingü­tern. Ostrom hat gezeigt, dass es auch anders geht.

Einleitung

Manchmal sind es Theorien, die den Fortschritt im Denken blockieren. Eine der vielen Barrieren in einer erstaunlichen akademischen Karriere erlebte Elinor Ostrom schon als Doktorandin. Als die motivierte junge Frau 1960 ein erstes Stipendium erhalten hatte, monierten Mitglieder im Finanzkomitee ihrer Fakultät, es handele sich um eine "Verschwendung knapper Ressourcen", wissenschaftliche Stipendien an Frauen zu vergeben. Deren Berufung auf eine Professur sei unwahrscheinlich. Ein historischer Irrtum! Die Grenzgängerin Elinor Ostrom erhielt 2009 als erste Frau den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, in Anerkennung für ein Lebenswerk, das sich der Organisation von Kooperation widmet. Die Preisträgerin habe erkannt, verkündete das Nobelkomitee, dass Menschen "häufig raffinierte Mechanismen" der Entscheidungsfindung und Regeldurchsetzung erfunden hätten, um "drohende Interessenkonflikte" im Umgang mit Gemeingütern zu entschärfen, jenseits von Staat und Markt.[1]

Das Thema der Wirtschaftswissenschaftlerin Elinor Ostrom sind die Gärten der Gemeingüter, der sogenannten Allmenden, in denen Menschen sich um knappe Ressourcen wie Wasser, Wiesen und Wälder und deren gemeinsame Nutzung streiten und dabei zwar oft, aber, anders als vielfach angenommen, keineswegs immer scheitern. In der Wirklichkeit gibt es ihn also sehr wohl, den vernünftigen Gemeinsinn in Gruppen. Das Motto von Ostroms Lebenswerk ließe sich in einem Satz auch so formulieren: "Lasst Menschen mehr Allmenden wagen."

Geht es darum, endliche Ressourcen nachhaltig zu verwalten und zu verteilen, dann erzählen Planer, Politiker und Ökonomen gerne die alte Geschichte von der "Tragik der Allmende", die der amerikanische Mikrobiologe und Ökologe Garrett Hardin 1968 in seinem berühmten, folgenreichen Essay "The Tragedy of the Commons" zum allgemeinen Gesetz erhob. Sein prägnantes Bild: eine Weide, auf die jeder seine Schafe zum Grasen treiben darf. Sie werde die Herdenbesitzer mit der Zeit dazu verführen, immer mehr Schafe zu halten und auf dem Markt zu verkaufen, bis auf der Weide irgendwann kein Gras mehr nachwächst. Der freie Zugang zu endlichen Ressourcen führe, so Hardin, unweigerlich zu deren Übernutzung. Individuell höchst rationales, an der Durchsetzung der eigenen Interessen orientiertes Handeln hätte demnach für das Kollektiv verheerende Folgen. Zwar weiß im Grunde jeder Einzelne, dass unkooperatives Verhalten auf Dauer allen schadet. Trotzdem will keiner der Dumme sein, der selber Maß hält, um dann hilflos mit ansehen zu müssen, wie die anderen profitieren, indem sie die Ressourcen eigennützig weiter ausbeuten - ein Dilemma, aus dem sich die Menschen Hardin zufolge aus eigener Kraft nicht befreien könnten. "Freiheit auf der Allmende", so das Fazit Hardins, "bringt allen Beteiligten den Ruin."[2]

In der Tat wurde diese Tragödie in der Geschichte der Menschheit schon oft erlebt und erlitten: Meere werden überfischt, Wälder abgeholzt, Weideland verödet, Böden verseucht. Aber handelt es sich hier wirklich um einen Automatismus? Wer heute mitten in Berlin durch den Prinzessinnengarten schlendert und sich an dieser Enklave "urbaner Landwirtschaft" erfreut, wer sich das kreative Engagement von Bürgerinnen und Bürgern um die Daseinsvorsorge in sich entvölkernden Städten anschaut oder teilnimmt am Ringen vieler Kommunen um die Rückeroberung von verwaisten städtischen Brachen, die weder für den Staat noch für private Investoren attraktiv erscheinen, der kann kaum ermessen, welchen Kraftakt es bedeutete, den Boden für die Wiederauferstehung einer ökonomischen Theorie der Gemeingüter zu bereiten. Was sie interessant macht, ist die Tatsache, dass sie quer liegt zum Primat der modernen Privat- und Gemeineigentumstheorien. Auch Ostrom ahnte nicht, welchen Kontinent an verschütteten Erfahrungen sie auf ihrer "intellektuellen Reise" durch die Gärten der Allmende entdecken würde. Mit Beharrlichkeit suchte sie mit ihrem Ehemann Vincent nach den Lücken in den zubetonierten Theoriegebäuden der Wirtschafts- und Politikwissenschaften. Sie erkundete - empirisch und interdisziplinär - die Grenzfälle bei der Nutzung privater und öffentlicher Güter, fand Risse im Beton, entstaubte historische Verwirrungen. Das Ergebnis sind Blaupausen einer nachhaltigen, regionalen Ressourcenverwaltung. Ostroms Datenbank am Center for the Study of Institutional Diversity in Tempe (US-Bundesstaat Arizona) enthält über 1000 Fallstudien zur erfolgreichen kollektiven Nutzung knapper Gemeingüter (common pool resources) - eine wahre Schatztruhe voller empirischer Beispiele, die zeigen, wann Menschen sehr wohl imstande sind, miteinander zu kooperieren und Ressourcen dauerhaft zu schonen. Ostrom leitet daraus keine Patentrezepte her. Aber sie hat es geschafft, aus dieser Fülle von Beispielen eine Reihe von Bedingungen und Handlungsmustern herauszufiltern, an denen sich bemessen lässt, ob tendenziell mit Konflikten beladene Auseinandersetzungen um Gemeingüter eher gelingen oder scheitern.

Fußnoten

1.
The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel 2009, Press Release 12.10.2009.
2.
Garrett Hardin, The Tragedy of the Commons, in: Science, 162 (1968) 3859, S. 1243-1248, hier: S. 1244.

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