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5.7.2011 | Von:
Silke Helfrich
Felix Stein

Was sind Gemeingüter? - Essay

Vielseitigkeit der Gemeingüter

Wir haben es bereits angedeutet: Da der Begriff an Gemeinschaften gebunden ist, bezeichnet er nicht die Ressourcen an sich - zunächst Wasser, Land, Wälder und dergleichen, zunehmend auch Software, Sprache und Kulturtechniken -, sondern vielmehr deren Verbund mit spezifischen Formen sozialer Übereinkünfte in der kollektiven Nutzung derselben. Gemeingüter entstehen überhaupt erst dann, wenn Nutzergemeinschaften Zugangs- und Nutzungsregeln aushandeln, die allen dienen. Scheitern die dazu nötigen Aushandlungsprozesse (aus welchen Gründen auch immer), werden Gemeinressourcen oft entweder privatisiert oder verstaatlicht, vereinnahmt oder vernutzt. In keinem dieser Fälle aber sind sie dann noch Gemeingut. Man kann die traditionellen Commons also am besten als Referenz auf eine gemeinschaftlich getragene Ressourcenmanagement-Strategie verstehen,[9] die immer unter Berücksichtigung kultureller, ökologischer, ökonomischer wie institutioneller Bedingungen erarbeitet werden muss. Dies setzt eine intensive und möglichst direkte Kommunikation der Nutzerinnen und Nutzer miteinander voraus und macht die Commons so komplex wie das Leben selbst.

Drei Grundbausteine sind daher für den Commonsbegriff von besonderer Wichtigkeit.[10] Der erste Baustein ist materiell; er bezieht sich auf die Ressourcen selbst: das Wasser, der Boden, der genetische sowie der digitale Code, die Kulturtechniken und natürlich die Erdatmosphäre. All das und viel mehr sind "Gemeinressourcen" (common pool resources). Jeder Mensch hat prinzipiell das gleiche Recht sie zu nutzen. Sie wurden von keinem Einzelnen erzeugt und stehen keinem Einzelnen zu. Der zweite Baustein ist sozial; er verweist auf die Menschen, die diese Ressourcen in Anspruch nehmen. Die Idee der Gemeingüter ist ohne die Bindung an konkret handelnde Menschen in bestimmten sozialen Umgebungen nicht denkbar. Die Gemeinschaft oder all jene Menschen, die gemeinsam eine Ressource nutzen, machen Ressourcen überhaupt erst zu Gemeingütern. Der dritte Baustein ist regulativ; er umfasst die Regeln und Normen, die im Umgang mit Gemeingütern gelten.

Der Umgang mit einem Gemeingut nimmt je nach Zusammenspiel der Grundbausteine unterschiedliche Formen an. Doch gemeinsam ist den Commons, dass die Regeln von der jeweiligen Nutzergemeinschaft weitgehend selbst bestimmt werden sollten. Das gelingt nur, wenn eine Gruppe von Menschen ein gemeinsames Verständnis vom Umgang mit einer Ressource entwickelt. Den komplexen sozialen Prozess dahinter bezeichnet der amerikanische Historiker Peter Linebaugh als commoning.

Zwei Politikwissenschaftler haben maßgeblich zur Beschreibung und strukturierten Erfassung dieser Komplexität beigetragen: Elinor und Vincent Ostrom. Sie gründeten 1973 den "Workshop in Political Theory and Political Analysis" an der Indiana-Universität in Bloomington, heute der wohl lebendigste und multidisziplinärste Commons-Studienort der Welt. Die Ostroms forschten unbeeindruckt von den weltpolitischen Umbrüchen an ihrem Lebenswerk, für das Elinor Ostrom 2009 als erste Frau den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Ihr wichtigstes Verdienst besteht neben der Entwicklung von acht "Design Principles" für erfolgreiches Ressourcenmanagement[11] in der konsequenten Umsetzung eines multidisziplinären Forschungsansatzes und der nicht minder konsequenten Unterscheidung zwischen zwei Analyseebenen: der Gemeinressource als solcher und im Unterschied dazu dem formellen oder informellen Eigentumsregime.

Ostrom hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten systematisch mit einer Vielzahl lokaler und regionaler Managementstrategien für Gemeinressourcen befasst und unzählige Feldstudien zum Thema analysiert und verglichen. Insbesondere für den Umgang mit komplexen oder globalen Ressourcensystemen bezieht sie sich frühzeitig auf ihren Mann, der gemeinsam mit Charles Tiebout und Robert Warren bereits Anfang der 1960er Jahre für ein polyzentrisches Governance-Konzept plädierte, und verfolgte diesen Ansatz konsequent weiter. Polyzentrische Governance bezeichnet das Vorhandensein von vielen, formal voneinander unabhängigen Zentren der Entscheidungsfindung, die sich aufeinander sowie auf zentrale Institutionen oder Konfliktlösungsmechanismen beziehen können.[12] Denn Gemeingüter, so betont Ostrom, bedürften "anderer Institutionen als offene Wettbewerbsmärkte oder stark zentralisierte Regierungsinstitutionen".[13] Sie würden auch und gerade jenseits von Markt und Staat gedeihen. "Statt eines einzigen Modells, das eine Vielzahl von Problemen vor Ort zu bewältigen hat, entstehen aus einer polyzentrischen Theorie Prinzipien für das effiziente Design lokaler Institutionen, die von informierten und engagierten Bürgern und Behörden angewendet werden können."[14] In anderen Worten: Selbstorganisation ist Trumpf, auch wenn sie in der klassischen Wirtschaftstheorie praktisch nicht vorkommt.

Fußnoten

9.
Vgl. Michael Madison/Brett Frischmann/Katherine Strandburg, Reply: The Complexity of Commons, in: Cornell Law Review, 95 (2010), S. 841.
10.
Angelehnt an Silke Helfrich/Rainer Kuhlen/Wolfgang Sachs/Christian Siefkes, Gemeingüter - Wohlstand durch Teilen, hrsg. von der Heinrich Böll Stiftung, Berlin 2010, online: www.boell.de/downloads/Gemeingueter_
Report_Commons.pdf (20.5.2011), S. 11.
11.
Vgl. den Beitrag von Volker Stollorz in dieser Ausgabe.
12.
Vgl. Elinor Ostrom, Beyond Market and States: Polycentric Governance of Complex Economic Systems. Draft Nobel Lecture, December 8, 2009, online: www.uga.edu/pol-sci/courses/2010/ostrom.pdf (20.5.2011).
13.
Dies., Polycentric Systems as One Approach for Solving Collective-Action Problems, 2008, S. 1, online: http://dlc.dlib.indiana.edu/dlc/bitstream/handle/
10535/4417/W08-6_Ostrom_DLC.pdf?sequence=1 (20.5.2011).
14.
Ebd., S. 7.

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