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5.7.2011 | Von:
Erik Gawel

Die Allmendeklemme und die Rolle der Institutionen. Oder: Wozu Märkte auch bei Tragödien taugen

Um Allmendeprobleme zu bewältigen, müssen kollektive Verfügungsrechte kei­neswegs zwingend suspendiert werden – etwa durch Privatisierung oder staatli­che Bewirtschaftung. Doch auch Kollektivsysteme haben ihre Grenzen.

Einleitung

Der Begriff der "Allmenderessource" (common pool resource) beschreibt ein natürliches (Fischgrund, Weideland) oder von Menschen geschaffenes Ressourcensystem (Bewässerung), das von einer Mehrheit von Nutzern in Anspruch genommen wird; dabei ist ein Ausschluss von der Nutzung bzw. deren Begrenzung gegenüber potenziellen Ressourceninteressenten technisch nicht möglich, nicht zu angemessenen Kosten organisierbar oder aber durch kollektive Nutzungsregeln bewusst suspendiert.[1] Das Ergebnis sind entweder kollektive Verfügungsrechte (common property rights) oder aber fehlende Verfügungsrechte (open access) über eine Ressource, deren individuelle Indienstnahme zugleich Einschränkungen bei anderen Nutzungen verursacht (Rivalität). Unter solchen Bedingungen unterliegen die Ressourcenzugriffe durch rational-eigennützige Individuen sogenannten Freifahrer-Problemen, die in der Neuzeit als tragedy of the commons [2] verschlagwortet wurden, deren Erörterung jedoch ideengeschichtlich weit zurückreicht.[3] Demnach werden kollektiv verfügbare, aber rivale Ressourcen im Ergebnis durch rationale Individuen nicht effizient genutzt und sind durch Übernutzung möglicherweise sogar in ihrem Bestand bedroht. Kern des Problems ist der Anreiz zum Freifahren, also der Möglichkeit der Aneignung der Ressourcenfrüchte ohne Rücksicht auf den gleichzeitigen Verzehr kollektiver Nutzungschancen und die dadurch motivierte Zurückhaltung bei (gemeinsamen) Ressourcenschutzanstrengungen.

Bei reinen öffentlichen Gütern ist nicht die Nutzung problematisch, sondern ihre Bereitstellung: An einer inflationsfreien Wirtschaft, stabilen Finanzmarktsystemen, einem Hochwasserdeich oder einem Schutzschirm äußerer Sicherheit können sich beliebig viele Nutzerinnen und Nutzer gleichzeitig störungsfrei "erfreuen", die Nutzungen sind ja nicht rival. Fraglich ist hingegen, wie ein solches Gut in die Welt kommen kann, das jedenfalls einem privaten Anbieter aufgrund der Freifahrerproblematik keine hinreichenden Erlöse verspricht. Bei Allmendegütern, vor allem den natürlichen Ressourcensystemen, deren Bereitstellung (und Reproduktion) die Natur bereits für uns übernommen hat, sind gerade die Inanspruchnahmen entscheidend, da die einzelnen Nutzungen rival in dem Sinne sind, dass die Verfügungen einzelner zugleich die Nutzungsmöglichkeiten anderer herabsetzen.

Mit Blick auf natürliche Ressourcen wird vielfach der Klimaschutz als Beispiel für ein prominentes Problem öffentlicher Güter in Abgrenzung zum Allmendeproblem bei Meeren, Fischgründen oder Wildtierbeständen angeführt.[4] Während aber die Nutzung eines stabilen Klimasystems und die Beiträge zum Klimaschutz selbst nichtrival sind, bleibt das Atmosphärensystem selbst, das als Senke für Treibhausgase in Anspruch genommen wird, gerade eine Allmenderessource, bei der allzu große Einträge zu "Überfüllungskosten" durch Klimaschäden führen. Diese "Atmosphärensenke" nachhaltig zu bewirtschaften, beschreibt das zum Klimaschutz korrespondierende Allmendeproblem. Die theoretische Unterscheidung zwischen reinen öffentlichen Gütern und Allmendegütern verliert dadurch an praktischer Schärfe.

Ähnlich verhält es sich mit anderen umweltbezogenen global commons: Die Biodiversität des globalen Genpools ist ein reines öffentliches Gut, die Habitate, die dieses Gut produzieren, etwa die tropischen Regenwälder, müssen rival bewirtschaftet werden. Ein Ressourcensystem (etwa ein Wald) kann daher ein Allmendegut sein, das zugleich private (Holz) wie öffentliche Güter (Ökosystemfunktion) produziert. Ein solches Ressourcensystem kann freilich auch Ergebnis menschlichen Schaffens sein (Brücke, Bewässerungssystem) - hier ergeben sich zusätzlich die freifahrerbedingten Bereitstellungsprobleme für die Systeme selbst.

Fußnoten

1.
Diese Unterscheidung in den Ursachen ist von erheblicher Relevanz, zumal früher nicht zutreffend zwischen common property (res communes, gehört allen) und open access (res nullius, gehört niemandem) unterschieden wurde. Garrett Hardin soll später bedauert haben, in seinem berühmten Aufsatz von 1968 (Anm. 2) nicht präziser von der "tragedy of the unregulated commons" gesprochen zu haben. Siehe dazu auch rückblickend die Beiträge in Garrett Hardin/John Baden (eds.), Managing the Commons, San Franciso 1977.
2.
Der Begriff wird auf William Forster Lloyd, Two Lectures on the Checks to Population, Oxford 1833, zurückgeführt, wurde aber zeitgenössisch populär durch den berühmten Beitrag des Ökologen Garrett Hardin, The Tragedy of the Commons, in: Science, 162 (1968), S. 1243-1248.
3.
Vgl. Joachim Radkau, Natur und Macht, München 2002. Seiner Zeit weit voraus war insbesondere 1739 David Hume, A Treatise of Human Nature, Oxford 1978, der zwei Nachbarn die erfolgreiche Entwässerung einer gemeinschaftlichen Aue exakt aufgrund der heutzutage als relevant erachteten Informations- und Kommunikationsbedingungen zutraute, jedoch keine realistische Chance sah, das Problem durch "a thousand persons" erfolgreich lösen zu lassen.
4.
Vgl. etwa Bodo Sturm/Joachim Weimann, Experimente in der Umweltökonomik. FEMM Working Paper 7/2001, Magdeburg 2001, S. 6.

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