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30.6.2011 | Von:

Strategien zur Bekämpfung von Terrorakteuren und Aufständischen

Handlungsreichweite islamistischer Terrorakteure

Selbstdelegitimierung findet auch auf Seiten der Terrorakteure statt. So hat sich die "Attraktivität" des jihadistischen Terrorismus seit den Anschlägen von 2001 nachhaltig verringert. Die Ursache hierfür liegt zum einen in der indirekten Selbstdelegitimierung Al Qaidas durch ihre exzessive terroristische Gewaltanwendung mit vielen zivilen Opfern gerade unter der muslimischen Bevölkerung, was auch innerhalb des Terrornetzwerkes zu schweren Auseinandersetzungen führte.[8] So führten Ermordungen von Glaubensgenossen im Irak, im Jemen, in Afghanistan und in Pakistan zu fallenden Sympathiewerten, wie Meinungsumfragen in der islamischen Welt[9] oder unter Al Qaida-Aussteigern[10] zeigen.

Zum anderen ist es der mangelnde Erfolg im Sinne positiv-konstruktiver Gestaltungskraft: Die von Al Qaida angebotenen Ordnungs- und Gesellschaftskonzepte entsprechen nicht den Bedürfnissen einer sich modernisierenden und nach Freiheit strebenden Gesellschaft. Anfangs war die Taktik Al Qaidas insofern erfolgreich, als dass sie Sympathien wecken und Unterstützung generieren konnte.

Ihr Vorgehen bestand darin, die Kritik an subjektiv wahrgenommenen Missständen in demokratischen und kapitalistischen Gesellschaften zu instrumentalisieren, indem sie diese Kritik verknüpfte mit (religiöser) Identität, Demütigungs- und Opfererfahrungen, die westlichen Staaten angelastet wurden: Gegen den "imperialistischen Feldzug der Ungläubigen gegen die muslimische Welt", den "fernen Feind", will man sich verteidigen.[11] Für die meisten Muslime gelten aber der Selbstmordakt und das Töten als blasphemisch. Eine wesentlich zentralere Rolle spielt die Unzufriedenheit mit den eigenen Regimen, dem "nahen Feind". Davon zeugen die zahlreichen Al Qaida-Ableger mit ihren vorrangig lokalen Agenden. Das gilt auch für die Taliban in Afghanistan, die ihre Aufstandsbewegung im regionalen und nationalen Kontext begründen.

Die gegenwärtigen revolutionären Umbrüche in der arabischen Welt verdeutlichen auch das Scheitern Al Qaidas hinsichtlich ihres Ziels, die autoritären arabischen Regime stürzen zu wollen: Während Al Qaida mit seinen terroristischen Methoden diese Regime eher stärkte und deren Bindungen an den Westen indirekt vertiefte, gelang es den arabischen Massen durch (weitgehend) friedliche Massenproteste in verhältnismäßig kurzer Zeit, einen Teil dieser Regime (Tunesien und Ägypten) zu stürzen. Dass Al Qaida von dieser Entwicklung genauso überrascht wurde wie die westliche Staatengemeinschaft, verdeutlicht deren mangelnden Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in der arabischen Welt. Zudem vermittelten die US-geführten Interventionen in Afghanistan und im Irak die Botschaft, dass die Folge jihadistischer Terroraktivitäten nicht ein Weniger, sondern ein Mehr an "westlicher Präsenz" in der islamischen Welt ist: War es ein erklärtes Ziel Al Qaidas, die westliche Präsenz (die Präsenz "der Kreuzritter") in der islamischen Welt zu verringern oder zu beseitigen, so wurde das Gegenteil erreicht.

Fußnoten

8.
Vgl. Alia Brahimi, Crushed in the Shadows, in: Studies in Conflict & Terrorism, 33 (2010) 2, S. 102, S. 106.
9.
Vgl. Pew Global Attitudes Projekt, Osama bin Laden largely discredited among Muslim publics in recent years, vom 2.5.2011, online: http://pewglobal.org/2011/05/02/osama-bin-laden-largely-discredited-among-muslim-publics-in-recent-years (18.5.2011).
10.
Vgl. Patrick Porter, Long Wars and long telegrams, in: International Affairs, 85 (2009), S. 298.
11.
Matenia Sirseloudi, Radikalisierung von europäischen Muslimen - Radikalisierungsprozesse in der Diaspora, in: APuZ, (2010) 44, S. 39-43.