APUZ Dossier Bild

30.6.2011 | Von:

Strategien zur Bekämpfung von Terrorakteuren und Aufständischen

Ausstattung der amerikanischen Streitkräfte

Die in der Sicherheitsstrategie von 2002 enthaltenen Vorgaben machten keine grundsätzlichen Veränderungen bei den amerikanischen Streitkräften erforderlich. Die USA besaßen bereits einen effizienten, schnell einsetzbaren Militärapparat, der so ausdifferenziert war, dass er der politischen Führung eine breite Palette von Einsatzoptionen im "Krieg gegen den Terror" ermöglichte - von größeren Interventionen zum Sturz von missliebigen Regierungen bis hin zu "Spezialaufgaben" wie der Liquidierung einzelner Personen. Dennoch versuchte die Bush-Regierung durch die Ausweitung von konventionellen Rüstungsprogrammen quer durch nahezu alle Waffensysteme eine zusätzliche Sicherheitsmarge zu schaffen. Sie zielte dabei im Allgemeinen nicht auf die Verbesserung spezifischer Fähigkeiten zur Terrorismusbekämpfung, sondern auf die Verstärkung der weltweiten militärischen Präsenz der USA und den Ausbau des amerikanischen Technologievorsprungs im Rüstungssektor.

Bereits vor den Anschlägen vom 11. September strebte das Pentagon unter der Leitung des damaligen US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld eine Beschleunigung der Transformation des amerikanischen Militärapparates in Richtung einer auf modernste Militärtechnologie bauende, interventionsgeeignete Stand-Off Precision-Strike Force an. Der Quadrennial Defense Review, eine vom US-Verteidigungsministerium in Auftrag gegebene Studie zur Verteidigungsplanung, die alle vier Jahre erscheint, hatte im September 2001 deutlich gemacht, dass es das Ziel amerikanischer militärbezogener Technologieentwicklung sein musste, in allen Bereichen die Überlegenheit über mögliche Gegner bis hin zu einer vollständigen militärischen Dominanz auszubauen.[19] Durch präzise Schläge mit Abstandswaffen gegen ausgewählte militärisch relevante Ziele der Gegner sollten vor allem eine Reduzierung der Risiken für die eigenen Truppen und die Reduzierung von Kollateralschäden beim Gegner - nicht zuletzt mit Blick auf ein globales Publikum - erreicht werden. Zudem bestand die Aussicht, dass amerikanische Kriegsziele auch ohne die Besetzung fremden Territoriums und damit zu relativ geringen Kosten erreicht werden konnten.[20]

Die Erfahrungen der Interventionen während des Zweiten Golfkrieges 1991 und der Balkan-Kriege in den 1990er Jahren sowie die an der RMA ausgerichteten militärstrategischen Grundannahmen haben auch den Planungsprozess für das militärische Vorgehen in Afghanistan bestimmt: Das Operationskonzept basierte auf den Vorgaben des damaligen Verteidigungsministers, auf modernste Technologie und Präzisionswaffen zu setzen und weniger Gewicht auf konventionelle Bodentruppen zu legen.[21] In der ersten Phase des Krieges in Afghanistan nutzte das amerikanische Militär zur Zielaufspürung, Informationsübermittlung und Zielzerstörung einen global gespannten Schirm aus neuen Informationssystemen, angefangen bei Satelliten über Aufklärungsdrohnen bis hin zu Spezialeinsatztruppen, die mittels Laserdesignatoren feindliche Ziele markierten. Der bereits bei vorhergegangenen militärischen Interventionen der USA beobachtbare Trend hin zum Einsatz luftgestützter, präzisionsgesteuerter Abstandswaffen setzte sich fort.[22] Insbesondere das Zusammenwirken von CIA-Spezialisten und Spezialeinsatzkräften in Verbindung mit mit Präzisionswaffen bestückten Flugzeugen hat offenbar effektiv zur Entmachtung des Taliban-Regimes beigetragen.[23]

Der rasche militärische Erfolg in Afghanistan war für viele Militärexperten eine Überraschung, da der an herkömmlichen konventionellen Kriegen orientierte amerikanische Militärapparat für eine Bekämpfung transnationaler Akteure wie terroristischer Gruppen nicht speziell ausgerüstet war. Sein Umfang, seine technische Ausstattung, interne Differenzierung und Adaptionsfähigkeit haben es jedoch möglich gemacht, mit den vorhandenen Mitteln gezielt auch gegen die Taliban vorzugehen.[24] Zwar blieb zu diesem Zeitpunkt unklar, inwiefern die Al Qaida-Strukturen tatsächlich geschwächt werden konnten. Dennoch schuf die Vertreibung des Taliban-Regimes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zur Durchführung von militärischen Operationen gegen terroristische Gruppen oder Führungen von "Terrorstaaten" - 2002 bezeichnete US-Verteidigungsminister Rumsfeld das "afghanische Modell" jedenfalls als Beispiel, das auch im Irak anwendbar sei.[25]

Tatsächlich konnte auch im Irak die eigentliche Kriegsphase schnell beendet werden: Den USA gelang es, aufgrund des Zusammenwirkens aller Truppenteile auf Basis moderner Kommunikations- und Führungssysteme und des Einsatzes von Präzisionswaffen mit einer relativ geringen Anzahl von Truppen überlegene militärische Macht zu entfalten.[26] Der Krieg bestätigte trotz einiger offensichtlicher Planungsfehler und zwischenzeitlicher Probleme zunächst die "Rumsfeld-Doktrin".[27] Der Irak-Krieg galt zudem als Beleg dafür, dass die "Transformationsstreitkräfte" grundsätzlich in der Lage waren, auch den gefürchteten "Städtekampf" in kurzer Zeit und ohne größere eigene Opfer zu gewinnen.

Fußnoten

19.
Vgl. US Department of Defense, Quadrennial Defense Review, Washington, D.C. 2001, S. 7f., S. 15f., S. 41.
20.
Vgl. Bernard Fook Weng Loo, Decisive Battle, Victory and the Revolution in Military Affairs, in: Journal of Strategic Studies, 32 (2009) 2, S. 199.
21.
Allerdings hat das Vorgehen gegen die Taliban und Al Qaida auch den Einsatz afghanischer militärischer Kräfte als Ersatz für US-Bodentruppen umfasst.
22.
Vgl. Eric Schmitt, Improved U.S. Accuracy Claimed in Afghan Air War, in: The New York Times (NYT) vom 9.4.2002.
23.
Vgl. Vernon Loeb, Afghan War Is a Lab for U.S. Innovation, in: WP vom 26.3.2002.
24.
Vgl. Thom Shanker/Eric Schmitt, Service Chiefs Say Afghan Battle Will Help Military Get Smarter, Stronger and Faster, in: NYT vom 10.9.2002.
25.
Vgl. Defense Department Report vom 9.8.2002.
26.
Vgl. John H. Cushman/Thom Shanker, War in Iraq Provides Model of New Way of Doing Battle, in: NYT vom 10.4.2003; Michael R. Gordon, Speed and Flexibility, in: ebd.
27.
Vgl. Donald Rumsfeld, Guidelines to be Considered When Committing U.S. Forces, in: NYT vom 14.10.2002.