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30.6.2011 | Von:

Strategien zur Bekämpfung von Terrorakteuren und Aufständischen

Vom Hightech-Krieg zur Aufstandsbekämpfung

Es zeigte sich jedoch bald, dass rasche militärische "Siege" keineswegs mit einer umfassenden Befriedung und einem demokratischen Aufbau der betroffenen Staaten einhergehen müssen. Im Irak formierte sich nach der eigentlichen Kriegsphase eine Aufstandsbewegung (und später ein Al Qaida-Ableger), die Selbstmordattentate gegen die stationierten ausländischen Truppen und schließlich auch gegen Mitglieder der irakischen Sicherheitskräfte und die Zivilbevölkerung verübte. Die Art und Weise wie Landstreitkräfte (US-Army) und Marinekorps (US-Marine Corps) im Verbund mit schlecht ausgebildeten irakischen Sicherheitskräften hunt and kill-Operationen zur Aufstandsbekämpfung betrieben, verstärkte das Problem.[28]

Konfrontiert mit dem Aufstand mussten US-Army und US-Marine Corps ihre Strategie zur Aufstandsbekämpfung überdenken. Die Neufassung des Field Manual 3-24 Counterinsurgency (Feldhandbuch der US-Armee, das die Strategie zur Aufstandsbekämpfung vorgibt) vom Dezember 2006 kann als deutliche Kritik an dem Vorgehen der USA im Irak bis zu diesem Zeitpunkt gelesen werden.[29] Als wichtigste Aufgabe von Counterinsurgency-Operationen wird hier auf die Gewährleistung von Sicherheit für die Zivilbevölkerung verwiesen, um Aufständische besser isolieren und die Voraussetzungen für ökonomische Entwicklung, bessere Regierungsführung, die Ausbildung von Sicherheitskräften und die nationale Versöhnung schaffen zu können - die jedoch in Abkehr von der "Rumsfeld-Doktrin" nur mit erheblich mehr Truppen durchzuführen waren.

2007 schließlich veranlasste die Bush-Regierung die Entsendung von zusätzlichen 30000 Soldaten in den Irak. Das amerikanische Militär verlegte in der Folgezeit seinen Fokus von der Verfügung über Feuerkraft und häufige Patrouillen mit gepanzerten Fahrzeugen auf "Fußtruppen" und intensivere Kontakte mit der lokalen Bevölkerung.[30] Dass sich die Lage im Irak stabilisierte, wird aber auch geheimen Kommandos aus CIA und dem Joint Special Operations Command (JSOC) zugeschrieben, die gezielt Al Qaida-Mitglieder und Kommandeure aufständischer Gruppen im Irak getötet oder gefangen genommen haben sollen.[31]

Counterinsurgency wurde bald zum vielgebrauchten Schlagwort und in der für den Irak entwickelten konzeptionellen Form als "Idealstrategie" auch für Afghanistan angesehen. Die Entscheidung der US-Regierung unter Barack Obama, auch hier die Anzahl der Truppen zu erhöhen und die Bereitschaft, mit "moderaten" Taliban in einen Dialog einzutreten, folgte fraglos dem im Irak angewandten Modell.

Fußnoten

28.
Vgl. Mark Moyar, A Question of Command, New Haven, Connecticut 2009.
29.
Vgl. David Petraeus/James Mattis, Counter Insurgency: FM3-24/MFM3-24, Department of the Army and Navy, Washington, D.C. 2006.
30.
Vgl. Elizabeth N. Saunders/Todd S. Sechser, The Army You Have: The Determinants of Military Mechanization, 1979-2001, in: International Studies Quarterly, 54 (2010), S. 481f.
31.
Vgl. Bob Woodward, Why Did Violence Plummet?, in: WP vom 8.9.2008.