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Das Ende der amerikanischen Supermacht nach "9/11"?


30.6.2011
Die US-Politik seit dem 11. September 2001 habe dazu geführt, dass die USA ihre einzigartige Machtposition im internationalen System langfristig nicht mehr behaupten können. Doch alle Abgesänge haben sich bislang stets als voreilig erwiesen.

Einleitung



Wieder einmal herrscht Untergangsstimmung in Amerika. Nach der Selbstüberhöhung zu Anfang des neuen Jahrtausends, als etwa Charles Krauthammer den Vereinigten Staaten absolute Supermacht bescheinigte,[1] wird seit einiger Zeit wieder die These vom Niedergang der USA beschworen. Die Außen- und Innenpolitik des Landes seit dem 11. September 2001, so der Tenor der Abgesänge, hätten dazu geführt, dass die USA ihre einzigartige Machtposition im internationalen System langfristig nicht mehr behaupten können. Die im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus geführten Kriege im Irak und in Afghanistan werden als Beweise dafür genannt, dass die militärischen Missionen die Armee überfordern und das Land überdehnen.

Die enormen Kosten dieser Kriege, die (auch damit einhergehende) massive Staatsverschuldung und eine verheerende Wirtschafts- und Finanzpolitik hätten den ökonomischen Abstieg der USA eingeleitet. Durch den vom Völkerrecht nicht gedeckten Einmarsch im Irak, die Gräueltaten in Abu Ghraib, die Willkürherrschaft in Guantanamo und die Einschränkung der Bürgerrechte durch den USA Patriot Act (Gesetz zur Bekämpfung des Terrorismus und Stärkung des nationalen Zusammenhalts) hätten die Vereinigten Staaten darüber hinaus massiv an Glaubwürdigkeit und Anziehungskraft verloren. Schließlich sehen die "Decline-isten" den Niedergang Amerikas durch den Aufstieg aufstrebender Mächte wie China oder Indien beschleunigt.

Die These vom amerikanischen Niedergang ist jedoch keineswegs ein neues Phänomen - und alle Abgesänge haben sich bislang stets als voreilig erwiesen. In den späten 1950er Jahren löste der "Sputnik-Schock" ähnliche Ängste wie heute aus. Es folgten der "Missile Gap" der Präsidentschaftskampagne John F. Kennedys und die "Carter Malaise" Ende der 1970er Jahre. In den 1980er Jahren fürchtete man den Aufstieg Japans und sorgte sich um die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit. 1987 schrieb Paul Kennedy in seinem Bestseller The Rise and Fall of Great Powers die "imperiale Überdehnung" herbei.[2] Nur wenige Jahre später endete der Kalte Krieg mit einem Sieg des Westens, das Sowjet-Imperium kollabierte, die japanische Wirtschaft stagnierte, und die USA waren als einzig verbleibende Supermacht ökonomisch, militärisch, diplomatisch und kulturell mächtiger denn je. Anfang des 21. Jahrhunderts waren die Vereinigten Staaten bei einem Anteil von fünf Prozent der Gesamtbevölkerung verantwortlich für ein Viertel des weltweiten ökonomischen Outputs und für fast die Hälfte aller globalen Militärausgaben. Darüber hinaus besaßen sie ausgeprägte kulturelle Strahlkraft.[3]

Doch müssen die aktuellen Abgesänge auf die USA allein deshalb falsch sein, weil sie sich in der Vergangenheit nicht bewahrheitet haben? Oder haben die nach "9/11" begonnene Politik der Regierung Bush und die im Namen des Kampfes gegen den Terror geführten Kriege nun tatsächlich zu einem Machtverlust der USA geführt? Statt "Bound to Lead"[4] nun also "Bound to Decline"?

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Fußnoten

1.
Vgl. Charles Krauthammer, The Unipolar Moment Revisited, in: The National Interest, (2002) 70, S. 5-17.
2.
Paul Kennedy, The Rise and Fall of Great Powers, New York 1987.
3.
Vgl. Joseph S. Nye, The Future of American Power. Dominance and Decline in Perspective, in: Foreign Affairs, 89 (2010) 6, S. 2.
4.
ders., Bound to Lead. The Changing Nature of American Power, New York 1990.