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30.6.2011 | Von:
Marcel Hartwig

Der 11. September im nationalen Bewusstsein der USA

Nationale Ängste und die Rolle der Zwillingstürme

Im April 2009 lebten für viele New Yorker die Bilder der Anschläge wieder auf: Eine Boeing 747 begleitet von zwei F-16-Kampfjets kreiste im Tiefflug über Lower Manhattan. Die in Aufruhr versetzten Bürger verließen ihre Büros, wählten den Notruf und sprachen vielerorts von einem zweiten "9/11".[2] Die Reaktionen verdeutlichen, dass in New York noch nicht alle zur Tagesordnung übergegangen sind. Im Gegenteil: Schock, Trauer und Aufruhr sitzen nach wie vor tief. Nicht zuletzt waren es diese unterbewussten Ängste, die Hunderte New Yorker nach der Verkündung von Osama bin Ladens Tod im Mai 2011 zu ungezwungenen und unüberlegten Freudentänzen vor den laufenden Kameras internationaler Medien animierten.

Es ist anzunehmen, dass sich die Angst vor einem "zweiten" 11. September auch deswegen unbewusst und emotional festgesetzt hat, weil die Terrorangriffe weltweit über Fernsehbilder mitverfolgt werden konnten.[3] Es sind die Größe und die symbolische Macht der Angriffe, die dem zerstörten WTC das Sinnbild einer emotionalen Wunde geben: Schließlich wird dadurch der Glaube an die Unverwundbarkeit der USA erschüttert. Auch außerhalb der USA ist der symbolische Charakter von "9/11" nachvollziehbar, gilt das WTC neben dem Pentagon als ein "globales Symbol für Amerika". Während das Pentagon als militärisches Ziel gelten kann, markiert das zerstörte WTC die zivile Katastrophe.

Daher ist der 11. September heute ein Datum, das mit den dominanten Bildern der Anschläge in New York und Washington eng verwoben ist. Die Kognitionspsychologen Roger Brown und James Kulik bezeichnen solch ein Phänomen als Blitzlichterinnerung (flashbulb memory). Hierunter zählen jene Erinnerungen, "die den Moment bezeichnen, an dem eine Person zum ersten Mal von einem sehr überraschenden und emotional aufrüttelnden Ereignis erfährt. Als prototypisch kann die Nachricht von der Ermordung Präsident John F. Kennedys gelten. Jeder kann sich lebhaft daran erinnern, wo er war, als er diese Nachricht erhalten hat, was er gerade gemacht hat, wer ihm davon erzählt hat, und was unmittelbar danach passiert ist."[4] Demnach ist es gerade die emotionale Relevanz der Bilder eines solchen Ereignisses, die sie zu einem medialen Speicher für eine kollektiv geteilte Erfahrung erheben. Selbiges trifft für die zahlreichen Aufnahmen der brennenden Zwillingstürme zu: Aufgrund der häufig wiederholten Bilder von der Kollision der Flugzeuge mit dem WTC entstand mit den Medienberichten über die Angriffe zeitgleich das ikonische Bild der Anschläge; die Vernichtung der beiden Türme bleibt bis heute bildlicher Auslöser der Blitzlichterinnerung an jenen Tag.

Doch weshalb können Bilder von brennenden Türmen einen national relevanten Sinn erhalten? Die Antwort ist zunächst in der nationalen Bedeutung des WTC zu suchen. Es stand vor allem für die wirtschaftliche und finanzielle Machtposition des Landes.[5] Das war jedoch nicht immer der Fall: Vor den Anschlägen war das WTC für viele ein kühler Bürokomplex und ein wenig beliebtes Bauwerk. Noch bevor der Architekt Minora Yamasaki die zwei Türme des WTC im Jahr 1973 fertigstellte, wurde kritisiert, dass der moderne Monolith "New York seines Charakters berauben, die Skyline ruinieren und nachhaltig den Fernsehempfang stören" würde.[6] Bis zum ersten Terroranschlag auf das Gebäude am 26. Februar 1993 galt das WTC sogar als "'unamerikanisch', weil ein großer Teil des benötigten Stahls aus Japan importiert wurde".[7]

Doch nach seiner Fertigstellung veränderte das WTC sukzessive die wahrgenommene Raumidentität von New York City, und das Bauwerk erhielt eine nach außen wirkende repräsentative und identitätsstiftende Funktion. Insbesondere über die Populärkultur erreichte die neue Skyline von Manhattan ein Massenpublikum: Aufnahmen der Zwillingstürme aus der Vogelperspektive wurden zur unausgesprochenen Regel für zeitgenössische Bildaufnahmen der Stadt. Sie prägten die Wahrnehmung und die Symbolhaftigkeit der Twin Towers als finanzielles Machtzentrum und für den von ihnen ausgehenden technologischen Fortschritt. Mit dem ersten Terroranschlag auf das WTC im Jahr 1993 verstummten letztlich auch die Kritiker des Baus, und das WTC wurde zu einem national relevanten Symbol.

Der Dichter David Lehman fasst diesen Wandel zusammen: "I never liked the World Trade Center (...)/The twin towers were ugly monoliths/That lacked the details the ornament the character/Of the Empire State Building and especially/The Chrysler Building, (...)/The World Trade Center was an example of what was wrong/With American architecture,/And it stayed that way for twenty-five years/Until that Friday afternoon in February/When the bomb went off and the buildings became/A great symbol of America, like the Statue/Of Liberty at the end of Hitchcock's Saboteur. (...) I began to like the way/It comes into view as you reach Sixth Avenue/From any side street, the way the tops/Of the towers dissolve into white skies/In the east when you cross the Hudson/Into the city across the George Washington Bridge."[8]

Aufgrund dieser herausragenden nationalen Bedeutung bedurfte die Zerstörung des mächtigen Symbols einer sinnstiftenden Erzählung, um ihren Ereignischarakter auch verbal greifbar zu machen. Denn am 11. September 2001 schien für viele Menschen in New York und den USA die Zeit stehengeblieben zu sein. Es fehlten die Worte, um die Emotionen, die angesichts der Bilder von den brennenden Türmen aufkamen, zu beschreiben. Die Medien zitierten an jenem Tag wiederholt Sätze wie "A horrific event", "There are no words" oder "I can't imagine anything worse than this". Verbale "Unzugänglichkeit" gilt als typisches Symptom für psychoanalytische Traumata, weshalb die Professorin für Internationale Beziehungen Jenny Edkins die Ereignisse vom 11. September als traumatisch für die US-Gesellschaft deutet.[9] Dieses Phänomen bestätigt die Beobachtungen des Philosophen Slavoj iek über die Veränderung der symbolischen Ebenen wahrgenommener Realität nach dem 11. September: "Nicht die Realität ist in unsere bildliche Vorstellung eingebrochen, sondern das Bild ist in unsere Realität eingedrungen und hat sie zerschmettert."[10] Doch wie ist zu erklären, dass "9/11" noch immer als Katalysator für den anhaltenden "Krieg gegen den Terror" gelten kann?

Fußnoten

2.
Vgl. Handelsblatt vom 28.4.2009.
3.
Vgl. Barbara Frederickson et al., What Good Are Positive Emotions in Crises?, in: Journal of Personality and Social Psychology, 84 (2003) 2, S. 365-376.
4.
Roger Brown/James Kulik, Flashbulb Memories, in: Cognition, 5 (1977), S. 75.
5.
Vgl. Jon Bird, The Mote in God's Eye, in: Journal of Visual Culture, 2 (2003) 1, S. 90.
6.
Borgna Brunner, Time Almanac 2003, Boston 2002, S. 445.
7.
Claus Daufenbach, Ground Zero & Vietnam, in: Sabine Sielke (Hrsg.), Der 11. September 2001, Frankfurt/M. 2002, S. 225.
8.
David Lehman, World Trade Center, in: Paris Review, 136 (1995) 4.
9.
Vgl. Jenny Edkins, Forget Trauma?, in: International Relations, 16 (2002) 2, S. 243.
10.
Slavoj iek, Passions of the Real, in: David Slocum (ed.), Hollywood and War, New York 2006, S. 93.