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30.6.2011 | Von:
Marcel Hartwig

Der 11. September im nationalen Bewusstsein der USA

Zweites "Pearl Harbor"?

Viele Nachrichtensprecher, Zeitungen und öffentliche Einrichtungen adaptierten Referenzen auf "Pearl Harbor" und den Zweiten Weltkrieg in ihrer Sprache und ihren Sendeprogrammen: In den Nachrichten wird vom "Pearl Harbor of Terrorism" gesprochen; der New Yorker platziert online die "Talk of the Town"-Kolumne vom 20. Dezember 1941, um die Stimmung nach "Pearl Harbor" mit der vom 11. September zu vergleichen; die Library of Congress reinitiiert das "Witness and Response"-Zeitzeugen-Projekt, 60 Jahre nach seinem ersten und einzigen Durchlauf anlässlich des Angriffs auf Pearl Harbor.[16]

Beobachter schlussfolgerten aus den in den Nachrichten, Dokumentarfilmen und im Kino vielfach mediatisierten Pearl-Harbor-Erinnerungen, dass es in der Zeit nach den Terroranschlägen einen starken Bedarf gegeben habe, für das Ereignis einen bestimmten historischen Kontext herzustellen.[17] Dieses Bedürfnis schienen viele Staatsbürger zu teilen, besuchten sie doch unmittelbar nach den Angriffen verstärkt das USS Arizona Memorial auf Hawaii, jenen zum Gedenken an die Opfer des japanischen Überraschungsangriffs auf Pearl Harbor eingerichteten Erinnerungsort.[18] Zwar mögen die Unterschiede der Angriffe auf Pearl Harbor und der vom 11. September 2001 offensichtlich sein: Der eine gilt als militärische Operation knapp 2500 Meilen vor der Westküste auf dem Territorium der Vereinigten Staaten, die anderen als terroristische Anschläge mit zivilen Opfern mitten in den militärischen und finanziellen Zentren der USA. Dennoch lassen "die als infam und heimtückisch verstandenen Angriffe diese Kluft verschwinden. (...) Der 7. Dezember 1941 erscheint der amerikanischen Führung als ein Präzedenzfall dafür, wie ein Trauma nicht nur zu überwinden ist, sondern (...) auf Jahre hinaus patriotischen Profit abwirft."[19]

"Pearl Harbor" und "9/11" als nationale Traumata verstanden, bestärken ein Nationalgefühl mit der Folge, dass diese Traumaerfahrung auch für eine Kriegsrechtfertigung funktionalisiert werden kann. Diese Art der Trauerarbeit kann unter Umständen zur Verdrängung des Traumas selbst beitragen: Die Trauer wird abgelöst durch das öffentliche Bekenntnis zu nationalen Mythen, sowohl auf politischer als auch auf kultureller Ebene. Beide Ereignisse können daher als zwei identitätskonstituierende Eckpfeiler der USA als Weltmacht gelten: In der Stilisierung beider Ereignisse als Zeitkoordinaten des American Century scheint ihre wesentliche historische Funktion darin zu bestehen, epochale Momente zu markieren, in denen die verschiedenen Kluften in der Gesellschaft verschwinden und eine geschlossene amerikanische Nation einem gemeinsamen Feindlich-Fremden gegenübersteht.

Mit anderen Worten: Im Kontext amerikanischer Geschichte versinnbildlichen "Pearl Harbor" und "9/11" zuallererst eine durch äußere Kräfte zerstörte Machtposition. Jedoch ist es der amerikanischen Nation durch gemeinsamen Zusammenhalt und gesellschaftsweiten Entbehrungen gelungen, mit dem Triumph im Zweiten Weltkrieg auch "Pearl Harbor" zu einer Erfolgsgeschichte zu wandeln. Im Freudschen Sinne findet somit in der Zuschreibung des 11. September als ein "Neuer Tag der Schande" eine Wiederholung von Verdrängungsprozessen statt, indem allein das Erinnernswerte wiederholt wird: "Remember Pearl Harbor" im global verstärkten "The World Will always Remember September 11", wie der ehemalige Präsident George W. Bush am 11. Dezember 2001 verkündete - ein zweites "Pearl Harbor" als Reenactment (zwanghafte Wiederholung) des gemeinhin letzten "guten Krieges".

Weiterhin bestätigt die wiederkehrende Erinnerung an "Pearl-Harbor" die nationale Identität der USA als Großmacht in dem zwanghaften Verweis auf ihren Ursprung aus dem Zweiten Weltkrieg. Die zivile Katastrophe "9/11" bekommt mit dem "Ground Zero" einen militärischen Charakter und gipfelt im "Krieg gegen den Terror". Nahezu einstimmig wird das Kriegsmotiv in den öffentlichen Diskursen weitergereicht. Die brennenden Zwillingstürme sind das fixierte Moment der "9/11"-Erinnerung, das kollektiv abrufbar und neu erfahrbar ist. Das spezifische Leid der individuell traumatisierten Subjekte verschwindet in einem kollektiven Traumadiskurs. Die Überreste des zerstörten World Trade Centers sollen für die nächsten Jahre ein mit blickdichten Bauzäunen umgebenes "Loch" im Finanzzentrum der USA sein. Ebenso wie Fernsehkanäle das Zeigen verwundeter und toter Körper ablehnen, ist der Krieg aus dem eigenen Land in das ferne Afghanistan und später den Irak verlagert worden[20] - Dieses Vorgehen markiert das nationale Trauma "9/11" als eine Verdrängungserinnerung.

Fußnoten

16.
Vgl. E.S. Rosenberg (Anm. 14), S. 175ff.
17.
Vgl. Marcia Landy, America under Attack, in: Wheeler Winston Dixon (ed.), Film and Television after 9/11, Carbondale 2004, S. 84.
18.
Vgl. Yujin Yaguchi, War Memories across the Pacific, in: Comparative American Studies, 3 (2005) 5, S. 345-360.
19.
C. Daufenbach (Anm. 7), S. 229.
20.
Vgl. Elisabeth Goren, Society's Use of the Hero Following a National Trauma, in: The American Journal of Psychoanalysis, 67 (2007) 1, S. 45.