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30.6.2011 | Von:
Marcel Hartwig

Der 11. September im nationalen Bewusstsein der USA

"9/11" und der "gute Krieg"

Während "Pearl Harbor" und "9/11" Risse im narrativen Geflecht historischer Kontinuitäten eines amerikanischen Nationalstaates verursachten, liegt die Sicherung des übrigen "Gewebes" über den Rückgriff auf Ursprungslegenden und national etablierte Symbole nahe. Nach den Angriffen vom 11. September soll der mit der Einrichtung der Heimatschutzbehörde und der Verabschiedung der USA Patriot Act (Gesetze zur Stärkung und Einigung Amerikas durch die Bereitstellung angemessener Instrumente zur Terrorismusbekämpfung) gestaltete "Sicherheitsstaat" nicht nur das Land vor Feinden schützen, sondern auch die nationale Identität bewahren. Nun ist die Konstruktion einer nationalen Identität kein statischer Vorgang, sondern unterliegt einem ständigen Wandlungsprozess. Wenn nun die USA als "imaginierte Gemeinschaft" nach dem Zweiten Weltkrieg in der Rolle einer Supermacht die internationale Bühne betraten und diese Macht einsetzten, um im Kalten Krieg den Blockstaaten die Stirn zu bieten, sind sie auch bestrebt, diese nationale Identität in neue Kontexte einzubinden.[21]

Diskurse nationaler Identitätsbildung scheinen gekoppelt an eine Risiko- oder Gefahrenrhetorik. Die amerikanische Außenpolitik rechtfertigt kriegerisches Vorgehen im Ausland und den Einsatz individuellen Lebens für das Wohl der Nation. David Campbell, Kultur- und Politikwissenschaftler in Durham, erkennt in den außenpolitischen Diskursen der USA die gleichzeitig ablaufende Wissensproduktion von Feind und nationale Identität, indem er festhält, dass die "Grenzen einer Staatsidentität durch die Repräsentation von Gefahren als integraler Bestandteil der Außenpolitik gesichert sind".[22] Um sicherzustellen, dass der Staat seine Grenzen und seine Bevölkerung in der evozierten Risikosituation zu schützen vermag, ist die Konstruktion eines Feindlich-Fremden zur Wahrung nationaler Identität nötig. Diese Darstellung findet eben nicht nur in der amerikanischen Außenpolitik statt, sondern durchzieht die gesamte Nation.

Abschließend kann festgehalten werden, dass die "Pearl Harbor"-Erinnerung, indem sie ein sinnstiftendes Bezugssystem zur "9/11"-Erinnerung aufbaute, auch Einfluss auf die Darstellung von Selbst- und Feindbildern ausübte. Diese spiegelte sich auch in den öffentlichen Diskursen wider: So ließ sich beispielsweise das Time-Magazin in seiner Trennung zwischen Selbst- und Feindbild von der Kriegserinnerung leiten. Für das Titelbild zum Sturz von Saddam Hussein wählte die Ausgabe vom 21. April 2003 eine mit einem großen roten Kreuz durchgestrichene Portraitskizze des Diktators. Diese Darstellung erinnerte an die beiden Titelbilder zum Ende des Zweiten Weltkriegs: Am 7. Mai 1945 zeigte der Titel ein ebenso durchgestrichenes Portrait von Adolf Hitler, am 20. August desselben Jahres wählte das Magazin eine schwarz durchkreuzte japanische Flagge. Dieselbe Darstellung wählte das Nachrichtenmagazin nach der Meldung vom Tod Osama bin Ladens. Der amerikanischen Bevölkerung ist im April 2003 der Vergleich zwischen Hitler und Hussein durchaus bekannt: Wie eine Evaluation der amerikanischen Medien im Jahr 1990 ergab, fiel er zum Beispiel bis zum Ausbruch des Zweiten Golfkrieges im August desselben Jahres allein 1170 Mal.[23] Auch auf Osama bin Laden trifft dieser Vergleich zu: Gilt er im öffentlichen Verständnis doch als Verkörperung des "Islamfaschismus".[24]

Am 2. Mai 2011 gibt US-Präsident Barack Obama den Tod Osama bin Ladens bekannt. Wie diese Nachricht die Perspektive auf den "Krieg gegen den Terror" zukünftig verändert, kann und soll an dieser Stelle nicht prognostiziert werden. Anzunehmen ist jedoch eine Veränderung im Umgang mit den hier diskutierten medialen Repräsentationen von "9/11". So fragt zum Beispiel bereits am gleichen Tag der amerikanische Journalist Kevin Fallon: "Will bin Laden's Death Make 9/11 Movies Easier to Watch?"[25] Eine Antwort darauf ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich. Jedoch haben bereits im Zweiten Weltkrieg die amerikanischen Erfolge in der Schlacht um die Midway-Atolle 1942 eine Wende im Kriegskino ermöglicht. Plötzlich war ein Sieg in Aussicht und das Kriegskino populärer denn je. Dem "Spiegel" zufolge gibt es derzeit ein starkes Bedürfnis, alsbald einen Hollywoodfilm über die Operation zur Tötung Osama Bin Ladens zu drehen, eine der favorisierten Anwärterinnen sei Kathryn Bigelow: Das Projekt "Kill bin Laden" soll von der Oscar-Gewinnerin 2010, die mit ihrem Kriegsfilm "Tödliches Kommando - The Hurt Locker" im Jahr 2008 ein Drama um ein Bombenräumungskommando im Irak verfilmte, bereits Anfang 2012 in die Kinos kommen.

Wie auch immer sich die Reaktionen auf das mediale und hier als national relevant diskutierte Bild eines brennenden WTC in den kommenden Monaten verändern mögen, gewiss ist jedoch, dass sich im Jahr 2011 der 11. September zum zehnten und "Pearl Harbor" zum 70. Mal jähren. Für beide Jahrestage sind Fertigstellungen beziehungsweise Veränderungen an den Erinnerungsorten angekündigt. Wie diese Pläne andeuten, werden beide Ereignisse in der nationalen Erinnerungsarbeit in einem engen Zusammenhang bleiben. Damit kann die bisher tradierte Traumaerinnerung an "Pearl Harbor" in "9/11" fortbestehen und findet so einen Weg in das kulturelle Gedächtnis der USA. In dieser Weise prägt sie voraussichtlich noch über viele Generationen als national relevante, epochale Geschichtswende nachhaltig das Selbstbild der Nation.

Fußnoten

21.
Vgl. David Campbell, Writing Security: United States Foreign Policy and the Politics of Identity, Manchester 1992, S. 9.
22.
Ebd., S. 3.
23.
Vgl. Wolfram Wette, Wem der Vergleich Saddam Husseins mit Adolf Hitler dient, in: Frankfurter Rundschau vom 29.3.2003.
24.
Vgl. Daya Kishan Thussu, Televising the 'War on Terrorism', in: Anandam P. Kavoori/Todd Fraley (eds.), Media, Terrorism and Theory, Lanham 2006, S. 3-19.
25.
Kevin Fallon, Will bin Laden's Death Make 9/11 Movies Easier to Watch?, in: The Atlantic vom 2.5.2011.