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30.6.2011 | Von:

Der 11. September als globale Zäsur? Wahrnehmungen aus Lateinamerika, Nahost, Russland und Indonesien

Auswirkungen auf den Nordkaukasus

Der Krieg gegen den internationalen Terrorismus lag auch aus anderen Gründen im nationalen Interesse der Moskauer Führung. Die Vergeltungsaktion der US-Truppen in Afghanistan nach dem 11. September half dabei, die eigene "Bekämpfung von Terroristen" in Tschetschenien nach außen und im eigenen Land zu legitimieren. "Wenn die Zivilbevölkerung bei der Anti-Terroroperation in Afghanistan Schaden erleidet, dann ist dies nicht den Staaten der Anti-Terrorkoalition anzulasten, sondern den Machthabern, die diese Menschen in Geiselhaft halten", machte Putin bei einem Auftritt in Brüssel die angeblichen Parallelen deutlich.[23] "Genauso war es auch in Tschetschenien." Auch in der russischen Bevölkerung habe die Sicht vorgeherrscht, dass vor allem islamische Extremisten aus dem Ausland den Tschetschenien-Konflikt schürten.

Das Bekenntnis Moskaus zum gemeinsamen Kampf gegen den Terror diente dazu, sich westliche Unterstützung für den eigenen Kampf gegen Terroristen zu sichern. Malaschenko bringt es auf diese Formel: "Wir haben Terrorismus, Ihr habt Terrorismus." So habe man versucht, den Tschetschenien-Konflikt auf einen einfachen Nenner zu bringen. Russland hatte aufgrund der Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien viel Kritik im Westen geerntet. Nun verhalf die Teilnahme an der neuen Terrorallianz Moskau dazu, von den eigentlichen Problemen abzulenken. Mit Erfolg: Die Kritik an der Moskauer Tschetschenien-Politik verstummte merklich. In Berlin versicherte Bundeskanzler Gerhard Schröder seinem Freund Putin, er wolle den Tschetschenien-Krieg künftig differenzierter bewerten.[24]

Malaschenko vermisst bis heute in der Moskauer Führung konstruktive Ansätze für eine Lösung. Längst hat sich der Ursprungskonflikt in Tschetschenien auf den ganzen Nordkaukasus ausgeweitet. Die sozialen und ethnischen Spannungen nehmen ebenso zu wie die Zahl der Terrorakte. Auch Moskau war wiederholt Ziel von Anschlägen - zuletzt mit dem Selbstmordanschlag in der Ankunftshalle des Flughafens Domodedovo im Januar 2011: "In Moskau nimmt man die Probleme der Region nur als einen Krieg mit Banditen wahr", rügt Malaschenko. Auch die russischen Zeitungen übernähmen undifferenziert die politischen Vereinfachungen von "Terroristen" und "Banditen", ohne sich mit den vielschichtigen Ursachen der Konflikte zu beschäftigen. "Die USA kämpfen in Afghanistan, aber bei uns sieht es schlimmer aus, weil der Nordkaukasus Teil unseres Landes ist." Nach Einschätzung von Experten befindet sich die Strategie zur russischen Terrorbekämpfung nach einem Jahrzehnt in einer "konzeptionellen Sackgasse".[25]

Fußnoten

23.
Zit. nach: M. Thumann (Anm. 1).
24.
Vgl. ebd.
25.
Aglaya Snetkov, Terrorismus in Russland: von einer existenziellen Bedrohung zum Sicherheitsrisiko und einer konzeptionellen Sackgasse, in: Russland-Analysen vom 20.5.2011.