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30.6.2011 | Von:

Der 11. September als globale Zäsur? Wahrnehmungen aus Lateinamerika, Nahost, Russland und Indonesien

Neue Bedeutung Zentralasiens

Nach dem 11. September gewannen auch die zentralasiatischen Staaten für die US-Politik an strategischem Interesse. Da die früheren Sowjetrepubliken in unmittelbarer Nachbarschaft Afghanistans liegen, wurde vor allem Usbekistan zum wichtigen Partner der USA in der Terrorismusbekämpfung.[26] Auch Kirgistan und Tadschikistan unterstützten den "Krieg gegen den Terror". Trotz der Annäherung Moskaus an Washington wurde dieses US-Engagement in einer wichtigen Einflusszone russischer Politik, dem "Nahen Ausland", von einigem russischen Misstrauen begleitet. Dies zeigte sich vor allem in Äußerungen russischer Militärs. So kritisierte Generalstabschef Anatolij Kwaschnin die Nutzung von Militärbasen in Zentralasien durch US-Militär noch, als die Truppen längst in Usbekistan waren.[27]

Anders als in Kirgistan sah die usbekische Führung in der Annäherung an Washington eine Chance, sich stärker vom Moskauer Einfluss zu emanzipieren. Doch die enge Partnerschaft zwischen den USA und Usbekistan veränderte sich nach dem Massaker im usbekischen Andijan im Mai 2005, als Regierungstruppen mehrere hundert Zivilisten erschossen. Während das Regime von Präsident Islam Karimow behauptete, es habe sich um einen von Islamisten geplanten Staatsstreich gehandelt, hagelte es Kritik aus dem Ausland. Als die US-Regierung sich sogar an der Evakuierung von Flüchtlingen aus Andijan beteiligte, war Karimow so verärgert, dass er am 29. Juli anordnete, die US-Truppen müssten innerhalb von 80 Tagen das Land verlassen. Obwohl die usbekische Regierung versuchte, Moskau zu substanziellen Sicherheitsgarantien zu bewegen, war der Kreml nicht dazu bereit, in den Konflikt einzugreifen und dadurch einen möglichen Machtgewinn in der Region auszukosten. Auch im Juni 2010 zeigte sich die Moskauer Zurückhaltung in der Region, als die kirgisische Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa unmittelbar nach dem Ausbruch von Unruhen im kirgisischen Osch die russische Führung darum bat, einzugreifen und der Regierung in Bischkek zu Hilfe zu kommen. Beide Beispiele deuten darauf hin, dass Moskau inzwischen nicht mehr eine dominante Rolle in Zentralasien anzustreben scheint.[28]

Fußnoten

26.
Vgl. Rainer Freitag Wirminghaus, Zentralasien und der Kaukasus nach dem 11. September, in: APuZ, (2002) 8, S. 3.
27.
Vgl. M. Thumann (Anm. 1).
28.
Vgl. Christian Wipperfürth, Nach dem "Reset". Russland und der Westen in Zentralasien, in: Zentralasien-Analysen vom 21.9.2010.