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Der arabische Frühling und das Ende der "Antithese des 11. September" - Essay


30.6.2011
Die "Antithese des 11. September" – dass der Islam unvereinbar mit westlichen Werten sei – hat ihre Überzeugungskraft verloren. Der arabische Frühling zeigte uns ein anderes Bild "der Muslime" und "des Westens".

Einleitung



Der 11. September 2001 hat ein Jahrzehnt geprägt. Er beeinflusste die Geopolitik und veränderte auch unsere Sichtweisen: Neben den Kriegen im Irak und in Afghanistan beeinflussten die Angriffe durch Al Qaida sowohl in den USA als auch in europäischen Ländern die öffentlichen Debatten und das politische Klima. Fast zehn Jahre kreisten die von Publizisten und Politikern geführten Diskussionen um ein zentrales Thema: die Vorstellung einer fundamentalen Unvereinbarkeit westlicher Werte mit dem Islam.

Die Idee eines "Kampfes der Kulturen" findet sich in vielen Überlegungen wieder, am deutlichsten jedoch im beispiellosen Aufstieg populistischer Parteien mit explizit anti-islamischer Agenda. Viele dieser Parteien befinden sich in kleineren Ländern Europas (wie die Dänische Volkspartei, die niederländische Partei für die Freiheit, die Schweizerische Volkspartei), doch auch in den USA und in Frankreich verzeichnen sogenannte Islamkritiker großen Zulauf. Sicherlich ist die Entstehung dieser Bewegungen nicht ausschließlich als Reaktion auf den 11. September 2001 zu verstehen, verdanken sie ihren "Erfolg" doch auch einer bereits länger anhaltenden Abneigung gegenüber der Einwanderung aus nichtwestlichen Ländern. Doch verliehen ihnen die Angriffe vom 11. September einen ungeahnten Auftrieb und - was vielleicht noch wesentlicher ist -: Es gelang ihnen, ihre innenpolitischen Anliegen wirksam mit der vermeintlich weltweiten Bedrohung durch den Islam zu verknüpfen. Der niederländische Politiker Geert Wilders hielt Reden am Ground Zero in New York, in denen er vor der "islamischen Gefahr" warnte. Seine Partei für die Freiheit nennt widerspenstige junge Immigranten "Straßenterroristen" und spielt damit auf ihre "großen Brüder" von Al Qaida an.

Doch beschränkte sich die Wirkung des 11. September nicht auf diese Bewegungen und Parteien. Die damit verbundenen Aspekte beeinflussten den gesamten politischen Diskurs. Mein eigenes Land, die Niederlande, ist hierfür ein gutes Beispiel. Einst war das Land (wenn auch nicht immer gerechtfertigt) bekannt für seine Toleranz, nun ist es zur "Brutstätte" für Populismus und Islamfeindlichkeit geworden. Meinungsführer wie Pim Fortuyn, Ayaan Hirsi Ali, Theo van Gogh und Geert Wilders starteten eine "Islam-Debatte", die den niederländischen Äther und die heimischen Zeitungen seit Jahren dominiert. Auch traditionelle Parteien sahen sich gezwungen, darauf zu reagieren, und übernahmen Forderungen der Populisten, um nicht zu viele Wählerstimmen zu verlieren. Dies führte zu einem Gesetzesentwurf zum Verbot von Burkas sowie zu Vorschlägen für ein Verbot muslimischer Parteien und muslimischer Bücher - und für die Einführung einer Kopftuch-Steuer. Eine parlamentarische Abstimmung über das Verbot nach muslimischen Regeln durchgeführter (wie auch koscherer) Schlachtungen steht bevor. Zudem kam es zu Unruhen und politisch motivierter Gewalt - was die Idee nährte, dass sich Muslime und westliche Gesellschaften in der Tat in einem unvermeidlichen Konflikt befänden. Leicht lassen sich Beispiele aus anderen Ländern hinzufügen: Frankreich verbot Frauen in öffentlichen Ämtern das Tragen von Kopftüchern. Die Schweiz befragte ihre Bürgerinnen und Bürger, ob Minarette in ihre Landschaft passen. In den USA meinten einige, dass ihr Präsident Barack Obama heimlich ein Muslim sei. Auch wenn nur wenige diesen Mutmaßungen Glauben schenkten, war doch die dahinter stehende Prämisse, dass er, "wenn er ein Muslim wäre", ungeeignet sei, das Land zu regieren. Selbst in Deutschland, lange ein Vorbild an politischer Korrektheit in den öffentlichen Debatten, wurde kürzlich die Diskussion darüber eröffnet, ob Deutschland sich abschaffe. Auch dem Werk von Thilo Sarrazin liegt die Annahme zugrunde, dass sich westliche Werte dort, wo islamische Werte im Vormarsch seien, im Niedergang befänden.