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7.6.2011 | Von:
Ingo Petz

Belarus? Uns doch egal! Eine Polemik

Belarus ist ein weißer Fleck in Osteuropa: ein Land, das seit 2004 zwar an der Grenze der EU liegt, dessen Geschichte und Kultur den meisten im Westen aber leider egal ist.

Einleitung

Belarus kann man eigentlich nicht übersehen. Wie ein unförmiger Reibekuchen liegt das Land in Osteuropa - zwischen Polen im Westen und Russland im Osten, den Ländern und den europäischen Geistesrichtungen, die das Schicksal von Belarus entscheidend geprägt haben. Wer eine Reise macht von West nach Ost oder umgekehrt und nicht gerade das Flugzeug nimmt, der kommt an Belarus nicht vorbei. Von deutschen Diplomaten, die zur Zeit der Sowjetunion gedient haben, hört man zuweilen den Satz: "Ja, durch Belarus bin ich häufig mit dem Zug gefahren. Von Deutschland nach Moskau. Aber ausgestiegen bin ich in Belarus nie."

In Belarus steigt der Reisende nicht aus. Belarus ist für die meisten ein Durchfahrtsland, ein Raum, der überbrückt werden muss. Das ist bis heute so, und das war auch in der Vergangenheit so. Es sind die wenigsten, die aus Neugier und Interesse nach Belarus reisten - und reisen. (Im deutschsprachigen Raum war Eugen von Engelhardts Buch "Weißruthenien" bis in die 1990er Jahre das einzige Buch, das stichhaltige Auskunft über Belarus gab. Das Buch stammt aus unseliger Zeit, aus dem Jahr 1943.[1] )

So kommt es, dass Belarus eine terra incognita ist, eine unbekannte Welt, ein weißer Fleck im Osten Europas:[2] ein Land, das seit 2004 zwar an der Ostgrenze der Europäischen Union (EU) liegt, das uns aber so gut wie nichts sagt; ein Land, das nur bei Politik- und Sprachwissenschaftlern, Zivilgesellschaftlern, Vergangenheitsbewältigern oder linken Romantikern ein gewisses Interesse hervorruft; ein Land, dessen aufregende Geschichte und Kultur den meisten leider ziemlich egal ist - so egal, dass es nicht auffallen würde, wenn Belarus sich eines Tages in Luft auflösen würde (was vielen vielleicht sogar recht wäre). Terra incognita - das ist das eine Stigma, das an Belarus klebt. Das andere: Belarus kennen zumindest diejenigen, die das politische Tagesgeschehen in den so genannten Qualitätsmedien verfolgen, als "Schandfleck Europas", als "letzte Diktatur Europas", als Land des autokratischen Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka, der Belarus (ironischerweise seit den ersten demokratischen Wahlen im Jahr 1994) mit harter Hand regiert. Junge Belarussen nennen ihre Heimat deswegen Lukaland. Die scharfe, traurige Ironie ist nicht zu überhören.

Lukaschenka hat Belarus - daran besteht kein Zweifel - als eigenständiges Land bekannt gemacht. Ihm ist gelungen, was den jungen Demokraten und Patrioten in den wilden postsowjetischen Jahren zwischen 1991 und 1994 versagt blieb. Lukaschenka hat Belarus auf der europäischen Landkarte verortet. Seitdem weiß der bildungsbürgerliche Durchschnittswestler: In Belarus ist es kalt. (Im Osten ist es immer kalt, sibirischkalt!) Der Belarusse spricht Russisch. (Was auch sonst?!) Belarus war Teil der Sowjetunion (wie alle Länder Osteuropas!). Nun ist Belarus eine Diktatur (typisch Osteuropa!), die so restaurativ ist, dass sie sogar den KGB konserviert hat. Sie wird regiert von Lukaschenka, einem Präsidenten, der einen unmodischen Schnauzbart trägt und sich durch eine ungehobelte Ausdrucksweise auszeichnet - und der auch sonst aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Lukaschenka ist mal Sozialist, mal Kapitalist, immer Machtmensch. Er bekämpft die Opposition, pfeift auf Menschenrechte, führt die EU, zuweilen Russland an der Nase herum.

Lukaschenka tut, was er will, und er verfügt über wundersame Kräfte, mit denen er selbst die nach dem Zweiten Weltkrieg größte Katastrophe seines Landes unter den Teppich der Vergessenheit gekehrt hat: den Super-GAU im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl. Tschernobyl! Die nächste Katastrophe, die das Bild des Westlers von Belarus prägt. Denn der gut informierte Westler weiß, dass 70 Prozent des nuklearen Fallouts über Belarus niedergingen. Und er weiß vielleicht sogar, dass jeder vierte Belarusse im Zweiten Weltkrieg sein Leben verlor. Das war's. Dann zieht Nebel auf im Hirn des Durchschnittswestlers. Es steht außer Frage, dass es einem Land nicht gut tun kann, wenn sein Bild in der Außensicht lediglich zwischen den Begriffen terra incognita, Diktatur und Katastrophe mäandert. Eine solch negative Stigmatisierung, unter der bekanntlich auch afrikanische Länder leiden, ist nicht werbewirksam. Sie reizt wohl nur die Reiselust von Abenteurern, Freaks und Betroffenheitsverwaltern. Ein Land westlicher Sehnsüchte ist Belarus wahrlich nicht.

Der österreichische Journalist und Schriftsteller Martin Pollack erhielt im März 2011 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. "Das freie und wohlhabende Europa hat seine Grenzen nach Osten verschoben, aber verschwunden sind diese Grenzen nicht", beklagte Pollack in seiner Dankesrede die Ignoranz, die wir Westler osteuropäischen Ländern wie Belarus entgegenbringen. "Im Gegenteil. Die neuen Grenzen, die unseren Kontinent zerschneiden, werden nicht weniger streng bewacht als zu Zeiten des Kalten Krieges, allerdings stellen jetzt wir die unerbittlichen Wächter. Diesmal sind wir es, die Bewohner der westlichen Länder, die sich hinter raffiniert gesicherten Grenzen verschanzen und verlangen, diese immer noch dichter zu machen, um die Anderen, die weniger Bemittelten, die weniger Freiheit genießen als wir, draußen zu halten. Draußen vor den Grenzen des neuen Europas."[3] Man muss sich die Belarussen also als ein sehr einsames Volk vorstellen - am Rande der "Festung Europa".

Warum aber ist Belarus derart unbekannt? Warum ist das Interesse für dieses Land so gering, obwohl es, eben, in Europa liegt (von Berlin bis Minsk sind es lediglich 953 Kilometer)? Belarus, das mit 9,5 Millionen Einwohnern und der dreizehntgrößten Landfläche in Europa kein ganz kleines Land ist, hat eine Diktatur, die als vergessenes Relikt an die totalitären Herrschaften Europas und damit an die dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte erinnert. Aber selbst diese Tatsache hat Belarus nur bedingt Interesse in der Öffentlichkeit beschert. Während die Empörung über Menschenrechtsverletzungen und die Verhaftung von Künstlern, Journalisten oder Dissidenten in China, im Iran oder in Birma (bzw. Myanmar) regelmäßig für Eruptionen sorgen, schweigt man zu nicht minder brisanten Ereignissen in Belarus. Beispiele: Ende der 1990er Jahre verschwanden einige Oppositionelle spurlos.[4] Allein nach der Präsidentschaftswahl im Dezember 2010 wurden fast siebenhundert Menschen verhaftet.[5] Repressionen gegen Medien und Regimekritiker gehören zum Alltag in Belarus. Mir ist kaum ein Wort der Kritik oder Empörung aus dem Mund der deutschsprachigen Kulturelite bekannt.

Ich beschäftige mich seit 1995 mit Belarus - anfangs als Student der Osteuropäischen Geschichte und als Reisender, seit mehr als zehn Jahren als Journalist. Ich habe Belarus unzählige Male bereist. In Belarus habe ich viel gelernt - über die osteuropäische und ostmitteleuropäische Geschichte und ihre extremen Brüche, Widersprüche und Verwerfungen der für Europa typischen Grenzregionen. Ich würde mich sogar zu der These versteigen, dass das Verständnis der belarussischen Geschichte ein essentielles Puzzlestück zum Verständnis der europäischen Geschichte darstellt. "Der Reichtum Europas bemisst sich nach seinen Übergangslandschaften", schreibt der Historiker Karl Schlögel.[6] Aber darum soll es hier nicht gehen. Denn in all diesen Jahren hat mich besonders eine Frage beschäftigt: Warum ist uns Belarus so unglaublich egal? Dazu haben sich einige Thesen und Gedanken angesammelt.

Fußnoten

1.
Vgl. Eugen Freiherr von Engelhardt, Weißruthenien. Volk und Land, Berlin 1943.
2.
Vgl. Katharina Narbutovic, "...diese Sprache existiert nicht ...", in: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, Nr. 228, (2007): Die Poesie und ihre Masken. Gedichte aus Schottland, Weißrussland & anderen Gegenden der (Un)Vertrautheit, S. 45ff.
3.
Martin Pollack, Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Dankrede, online: www.leipzig.de/imperia/md/content/41
_kulturamt/literatur/martin_pollack__
dankesrede.pdf (18.4.2011).
4.
Vgl. Menschenrechte in Weißrussland e.V. (Hrsg.), Willkür im Lukaschenko-Staat. Das Verschwindenlassen politischer Gefangener in Belarus, Berlin 2006, online: www.human-rights-belarus.org/deutsch/Dokumentation-Verschwundene-Belarus-Lukaschenko.html (18.4.2011).
5.
Vgl. Weißrussland-Reisebericht von Marieluise Beck (MdB, Bündnis 90/Grüne), 28.12.2010, online: http://www.marieluisebeck.de/fileadmin/
files/101229_mbeck_reisebericht_minsk.pdf (18.4.2011).
6.
Zit. nach: Norbert Miller/Joachim Satorius, European Borderlands. Sonderheft der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter, Berlin 2009, S. 7.