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Belarussischer Autoritarismus


7.6.2011
Lukaschenka positioniert sich als Wächter des imaginären russischen Imperiums, womit er den Kreml zur Subventionierung des genuin posttotalitären Autoritarismus in seinem Land bewegt.

Einleitung



Der andauernde Kampf Sankt Petersburgs und Moskaus gegen die belarussische (und ukrainische) Selbstständigkeit wurde in den vergangenen zwei Jahrhunderten[1] meist mit der fadenscheinigen Begründung geführt, Russland führe drei russische Völker zusammen, die allesamt ihre Ursprünge in der mittelalterlichen Kiewer Rus'[2] hätten: die "Russländer" beziehungsweise "Großrussen" (auf Deutsch "Russen" genannt), die Ukrainer (in Russland manchmal als "Kleinrussen" bezeichnet) und die Belarussen. Trotz des fortlebenden Strebens nach Hegemonie über das westliche Nachbarland käme aber wohl kein Kreml-Beamter auf die Idee, das russische Wort Belarus' durch die Wortschöpfung "Weißrussland" (es hieße dann Belarossija) zu ersetzen. Eben das leistet sich das deutsche Auswärtige Amt, das Belarus beharrlich "Weißrussland" nennt.

Hinter dem unverständlichen Gebrauch von "Weißrussland"[3] mag die Unterstellung stehen, die sich der belarussische Präsident Aljaksandr Lukaschenka noch an der sowjetischen Universität in Witebsk angeeignet hatte: "Belarussen und Russen, das ist ein Volk. Russland - das ist unser Land. Wir denken wie die Russen, wie die Russländer. Wir leben wie sie. Wir teilen die gleichen Werte."[4] Selbst wenn diese Behauptung wahr wäre, bliebe die Wortschöpfung "Weißrussland", über dessen Herkunft etymologische Wörterbücher schweigen, als Übersetzung für schlichtweg falsch. Denn mit dieser Übersetzung wird über die in der deutschen Sprache durchaus bekannte Unterscheidung zwischen "Rus'" und "Russland" hinweggesehen. Im Deutschen sind zudem die Nominative "Ruthenen"[5] sowie "Reußen" zur Abgrenzung von "Russen" (im Sinne der "Russländer") und "Russland" bekannt. Auf alten deutschen Karten kann man die feine Bezeichnung "Weißreußen" finden, und selbst die Nationalsozialisten nannten das im Zweiten Weltkrieg besetzte und verwüstete Land korrekt "Weißruthenien". Doch just in dem Augenblick, als es 1991 infolge des Zerfalls der Sowjetunion unabhängig wurde, bekam die (Respublika Belarus') im wiedervereinigten Deutschland amtlich einen falschen Namen verpasst.[6]

Die Tatsache, dass Belarus im Bewusstsein der meisten Deutschen fortdauernd eine irgendwie an Russland angekoppelte terra incognita darstellt, hat - neben Versäumnissen im schulischen Geschichts- und Geographieunterricht - zum beträchtlichen Teil mit der Trägheit der deutschen Ostpolitik zu tun. Diese hat auch gut zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion immer noch Probleme damit, die lange Tradition des (heute ökonomisch motivierten) nationalen Egoismus und der ausschließlichen Fixierung auf Russland zu überwinden. Die anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die für die Zukunft des europäischen Projektes von großer Bedeutung sind, werden nicht angemessen berücksichtigt. Die staatsgläubige politische Kultur in Deutschland macht es zudem den hiesigen Belarus-Freunden schwer, an der falschen und inkonsequenten Sprachregelung wirksam Kritik zu üben (das Auswärtige Amt schreibt im internationalen Schriftverkehr doch "Belarus" vor).

Auch die hierzulande populäre Vorstellung von Belarus als der "letzten Diktatur Europas" kommt in erster Linie Russland zugute, dessen eigener Autoritarismus damit geflissentlich übersehen wird. Es sind gleichermaßen eine der angelsächsischen Literatur der frühen 1990er Jahre bedenkenlos entnommene deterministische Vorstellung von einer angeblichen "Demokratisierungswelle" nach dem Kommunismus und der Glaube an die Lippenbekenntnisse der autoritären Herrscher zur Demokratie, die in der deutschen Politikwissenschaft zu Überlegungen über vermeintliche osteuropäische Demokratien geführt haben, die lediglich "Defekte" aufwiesen.[7] Die "letzte Diktatur Europas" stellt in diesem Zusammenhang insofern eine erfreuliche Ausnahme dar, als sie die merkwürdige Vorstellung eines unruhigen Gewässers, das ganzen Erdflächen Demokratie zu bringen vermag, in Frage stellt. Denn aus unerklärlichen Gründen muss Belarus der Wucht der "Demokratisierungswelle" standgehalten haben. Dennoch ist die Wahrnehmung dieses Landes als autoritäre Insel im demokratischen Umfeld selbstverständlich ähnlich falsch wie dessen Titulierung als "Weißrussland".


Fußnoten

1.
Erst während der Teilungen Polens (1772-1795) hat Russland das ethnisch belarussische Gebiete umfassende Großfürstentum Litauen, das sich zuvor gut vier Jahrhunderte lang in einer Föderation mit dem Königreich Polen befunden hatte, inkorporiert. Im russischen Zarenreich wurden diese Gebiete meist noch "Litauen" genannt. In der Sowjetunion wurde schon von "Belarus" gesprochen. Zu den Zusammenhängen der belarussischen Nationsbildung vgl. Jerzy Makow, Am Rande Europas? Nation, Zivilgesellschaft und außenpolitische Integration in Belarus, Litauen, Polen, Russland und der Ukraine, Freiburg-Basel-Wien 2004.
2.
Das Staatsgebilde, das im 13. Jahrhundert Mongoleninvasionen zum Opfer gefallen war.
3.
Sogar die für ihr kluges Engagement in Belarus bekannte Konrad-Adenauer-Stiftung entscheidet sich zuweilen für "Weissrussland" - wie im schweizerischen Deutsch: vgl. Evaluierung. Länderprojekt Weissrussland, Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin 2009.
4.
Dieses Zitat stammt aus der in Belarus im Samizdat kontinuierlich aktualisierten Sammlung der Zitate des Präsidenten Lukaschenka (russisch: Lukaschenko): Citaty i bajki. Lukaschenko, Minsk 1991-2009, S. 4. Zu den Uni-Jahren des Präsidenten siehe Waleri Karbalewitsch, Aleksandr Lukaschenko. Polititscheskij portret, Moskau 2010 (russ.), S. 13ff, dort S. 15.
5.
Die "Ruthenen" schließen Belarussen und Ukrainer ein.
6.
Mit dieser Namensbestimmung grenzt sich Deutschland immer weiter von der angelsächsischen Welt ab, in der "Belarus" und "belarusian" bzw. "belarusan" (nicht: "belarussian") wie selbstverständlich verwendet werden. Der vor einigen Jahrzehnten sporadisch noch gebrauchte Terminus "White Russia" ist dagegen verschwunden.
7.
Vgl. dazu Samuel Huntington, The Third Wave. Democratization in the Late Twentieth Century, Norman 1991; Wolfgang Merkel/Hans-Jürgen Puhle/Aurel Croissant et al., Defekte Demokratie, Bd. 1: Theorie, Opladen 2003.