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25.5.2011 | Von:
Frank Sparing

NS-Verfolgung von "Zigeunern" und "Wiedergutmachung" nach 1945

Nationalsozialistische Rassenpolitik

Bereits unmittelbar im Anschluss an die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 gerieten Zigeuner verstärkt ins Blickfeld der Behörden. Die Repression zielte zunächst nach wie vor in erster Linie auf Vertreibung. Dennoch deutete sich schon früh eine Verschiebung der Gewichtung bei der Definition des anvisierten Personenkreises und der zu ergreifenden Maßnahmen an. Seit dem Kaiserreich waren nahezu alle einschlägigen Bestimmungen gleichermaßen gegen die ethnischen Gruppen der Sinti und Roma und die sozial gefasste Gruppe aller Fahrenden gerichtet, in der Praxis aber war wegen der Unmöglichkeit, beide voneinander zu unterscheiden, in erster Linie die Lebensweise zum Kriterium für die Anwendung der Zigeunerbestimmungen gemacht worden.

Nach der Machtübernahme setzten Planungen für ein "Reichszigeunergesetz" ein, die eine rassische Unterscheidung zwischen "echten und unechten Zigeunern" vorsahen, bestehende Vorschriften verschärfen und Sonderbestimmungen schaffen sollten, die nur auf "echte Zigeuner" zielten. Das "Reichszigeunergesetz" wurde zwar nie erlassen, stattdessen aber am 6. Juni 1936 ein "Erlaß zur Bekämpfung der Zigeunerplage", der die bereits in der Weimarer Republik geltenden Bestimmungen zusammenfasste und zugleich dringenden Handlungsbedarf signalisierte. Inhaltlich brachte der Erlass nichts Neues, allerdings wurde der betroffene Personenkreis nun als "das dem deutschen Volkstum fremde Zigeunervolk" deutlich rassistisch gefasst.[3]

Parallel zur Diskussion um das "Reichszigeunergesetz" wurde bis Mitte der 1930er Jahre damit begonnen, eine Reihe von bevölkerungspolitischen Maßnahmen umzusetzen, die Zigeuner zu Objekten einer scheinbar wissenschaftlich begründeten, rassistischen Verfolgung werden ließen. Die Anzahl der nach dem Anfang 1934 in Kraft getretenen "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" zwangssterilisierten Zigeuner lag deutlich höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung und erfolgte meist mit der auf soziale Ausmerzung zielenden Diagnose "angeborener Schwachsinn".[4] Auch wenn bei der Umsetzung der Sterilisationsgesetzgebung bereits ein anthropologischer Rassismus zum Tragen kam, so sollten ab Herbst 1935 durch das "Ehegesundheitsgesetz" und das "Blutschutzgesetz" Ehe- und Fortpflanzungsbeschränkungen ausdrücklich auf "Artfremde" ausgedehnt werden. Obwohl mit Nachdruck auf das Verbot von Eheschließungen zwischen "Deutschblütigen" und Zigeunern hingewiesen wurde, waren die Standesbeamten in der Praxis außerstande festzustellen, ob einer der Heiratswilligen als Zigeuner zu betrachten sei.

Fußnoten

3.
Zur Diskussion um das "Reichszigeunergesetz" vgl. Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische "Lösung der Zigeunerfrage", Hamburg 1996, S. 156-160.
4.
Vgl. Hansjörg Riechert, Im Schatten von Auschwitz. Die nationalsozialistische Sterilisationspolitik gegenüber Sinti und Roma, Münster/New York 1995.