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25.5.2011 | Von:
Frank Sparing

NS-Verfolgung von "Zigeunern" und "Wiedergutmachung" nach 1945

Konzentration

Vor dem Hintergrund der rassistischen Neudefinition der Zigeuner ging die Initiative für erste ausgrenzende Maßnahmen von den Kommunalverwaltungen aus. Seit Mitte 1935 wurde, ausgehend von einer Initiative der Stadt Köln, damit begonnen, Zigeuner zwangsweise in umzäunten und bewachten Lagern am Rand der Städte zu konzentrieren. Angelehnt an das Kölner Modell wurden 1936 in Berlin, Frankfurt/Main und Magdeburg und 1937 in Düsseldorf, Essen, Kassel und Wiesbaden Zigeunerlager eröffnet; die Gründung weiterer kommunaler Zwangslager in verschiedenen Städten schloss sich an.[5] Durch die Konzentration von Zigeunern konnten nicht nur teilweise anfallende Mietbeihilfen eingespart, sondern wirkungsvoll reduzierte "Zigeunersätze" in der Fürsorge durchgesetzt werden. Die Auszahlung wurde meist von der Ableistung von Pflichtarbeit abhängig gemacht, wonach Unterstützungszahlungen nur gegen Arbeitsleistung gewährt wurden. Die Heranziehung zur Pflichtarbeit und nicht zuletzt die immer massivere Behinderung selbständiger Berufsausübung zwangen immer mehr Zigeuner, eine Tätigkeit als Hilfsarbeiter aufzunehmen.

Seit September 1933 war eine Berufsausübung auf kulturellem Gebiet von der Mitgliedschaft in einem der Reichskulturkammer unterstellten Berufsverband abhängig. Bereits im Herbst 1935 begann die auch für Artisten zuständige Reichstheaterkammer mit dem systematischen Ausschluss von "Nichtariern", und um die Jahreswende 1937/38 begann auch die Reichsmusikkammer damit, Zigeuner auszuschließen. Nicht wenige blieben ohne Erlaubnis in ihren Berufen tätig, liefen nun jedoch Gefahr, deswegen kriminalisiert zu werden.[6]

Der Polizei kam eine immer bedeutendere Rolle bei der Erzwingung der Aufnahme lohnabhängiger Beschäftigungen durch Zigeuner zu. Mit dem im Dezember 1937 in Kraft getretenen sogenannten "Asozialenerlaß" bekam sie ausdrücklich die Kompetenz, Zigeuner in ein Konzentrationslager einzuweisen. Der Erlass regelte die schon seit 1933 gegen "Berufsverbrecher" angewandte "polizeiliche Vorbeugungshaft", einer von der Kriminalpolizei veranlassten, unbefristeten Inhaftierung in Konzentrationslagern, und dehnte diese auf "Asoziale" aus. Mit der Begründung, der "Asozialenerlaß" sei nicht mit der erforderlichen Schärfe umgesetzt worden, wurde im Juni 1938 eine als Aktion "Arbeitsscheu Reich" bezeichnete Verhaftungsaktion angeordnet, während der reichsweit etwa 10000 Personen in Konzentrationslager eingewiesen wurden.

Bei keiner anderen Gruppe waren die Kriterien für eine KZ-Einweisung derart niedrig angesetzt wie bei Zigeunern, die bereits verhaftet werden konnten, wenn sie nur eine einzige Vorstrafe hatten oder Gelegenheitsarbeiter waren. Allerdings wiesen die festgenommenen Zigeuner im Unterschied zu den meisten übrigen Verhafteten kaum Vorstrafen auf. Außerdem war der größte Teil der als "arbeitsscheu" inhaftierten Zigeuner tatsächlich erwerbstätig, allerdings nicht lohnabhängig, sondern als selbständige Gewerbetreibende, wobei es sich durchweg um Tätigkeiten handelte, die eng mit einer reisenden Lebensweise verknüpft waren. Im Gegensatz zu "deutschblütigen" Personen wurde nur ein kleiner Teil der in "Vorbeugungshaft" genommenen Zigeuner wieder aus dem Konzentrationslager entlassen. Der größte Teil der während der Aktion "Arbeitsscheu Reich" verhafteten Zigeuner blieb inhaftiert, da im Juni 1940 die Fortdauer der Haft für alle Juden und Zigeuner angeordnet wurde.[7]

Fußnoten

5.
Vgl. Sybil Milton, Vorstufe zur Vernichtung. Die Zigeunerlager nach 1933, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 43 (1995) 1, S. 115-130; Michael Zimmermann, Von der Diskriminierung zum Familienlager Auschwitz, in: Dachauer Hefte 5: Die vergessenen Lager, Dachau 1989, S. 87-114.
6.
Vgl. Alan E. Steinweis, Art, Ideology and Economics in Nazi-Germany, Chapel Hill-London 1993, S. 107 und S. 126f.
7.
Vgl. Wolfgang Ayaß, Ein Gebot der nationalen Arbeitsdisziplin. Die Aktion "Arbeitsscheu Reich" 1938, in: ders./Reimar Gilsenbach/Ursula Körber (Hrsg.), Feinderklärung und Prävention. Kriminalbiologie, Zigeunerforschung und Asozialenpolitik, Berlin 1988, S. 43-74; Karola Fings/Frank Sparing, Rassismus, Lager, Völkermord. Die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung in Köln, Köln 2005, S. 93-108.