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25.5.2011 | Von:
Frank Sparing

NS-Verfolgung von "Zigeunern" und "Wiedergutmachung" nach 1945

Erfassung

Eine wesentliche Voraussetzung für die Radikalisierung der Verfolgungsmaßnahmen bildete die seit 1936 forcierte Zentralisierung des Polizeiapparates. Mit der Bildung des Reichskriminalpolizeiamtes (RKPA) im September 1936 wurden Kriminalpolizeistellen mit der Führung und Koordination kriminalpolizeilicher Fragen innerhalb eines bestimmten Bezirkes betraut und zur Koordination und Anleitung übergeordnete Kriminalpolizeileitstellen geschaffen.

Durch den "Runderlaß zur Bekämpfung der Zigeunerplage" vom 8. Dezember 1938 wurden detaillierte Vorgaben für eine reichsweite Erfassung aller "seßhaften und nichtseßhaften Zigeuner" sowie aller "nach Zigeunerart umherziehenden Personen" gegeben. Als zentrale Erfassungsinstanz war im RKPA die Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens geschaffen worden. Für die regionale Zentralisierung wurden nun bei den Kriminalpolizeileitstellen "Dienststellen für Zigeunerfragen" eingerichtet, die im Hinblick auf eine zunächst vor allem auf Erfassung und Identifizierung zielende Ausrichtung dem polizeilichen Erkennungsdienst angegliedert wurden. Das vorrangige Ziel der im Erlass angeordneten flächendeckenden Erfassung war zunächst die eindeutige Identifizierung jedes einzelnen Zigeuners, aber auch der Familienzusammenhänge, anhand derer Widersprüche aufgedeckt werden sollten. Durch Personenfeststellungsverfahren sollten sämtliche Angaben zur Person und Staatsangehörigkeit mit Hilfe vorhandener Ausweispapiere, zuverlässiger Erkennungszeugen und amtlicher Eintragungen überprüft werden, wobei die Betroffenen ihre deutsche Reichsangehörigkeit durch Urkunden nachzuweisen hatten. Gelang ihnen das nach Auffassung der "Dienststelle für Zigeunerfragen" nicht, wurden sie zu Staatenlosen erklärt.

In den Ausführungsanweisungen zum "Runderlaß" wurde zudem angeordnet, reichsweit Sonderausweise für "Zigeuner", "Zigeunermischlinge" und "nach Zigeunerart umherziehende Personen" auszugeben. Ihre Funktion bestand nicht nur darin, Zigeuner bei Kontrollen zu identifizieren; insbesondere bei Behördenkontakten wurden sie damit als solche erkennbar und infolgedessen gesondert erfasst.[8] Da im "Runderlaß" beabsichtigt worden war, "bei der endgültigen Lösung der Zigeunerfrage die rassereinen Zigeuner und die Mischlinge gesondert zu behandeln", sollte die Feststellung darüber, "ob es sich um Zigeuner, Zigeunermischlinge oder nach Zigeunerart umherziehende Personen" handele, durch ein Gutachten der Rassenhygienischen Forschungsstelle (RHF) erfolgen. Zu den Zielen dieser im Frühjahr 1936 gegründeten und dem Reichsgesundheitsamt angegliederten Einrichtung gehörte es, die biologische Bedingtheit von "Asozialität" exemplarisch an den im Reich vermuteten rund 30000 Zigeunern wissenschaftlich nachzuweisen. Daneben hatte sie die Aufgabe, ein Instrumentarium zu entwickeln, welches Aufschluss darüber geben sollte, wer als Zigeuner zu gelten habe, da diese, anders als Juden, nicht ohne weiteres über Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft identifizierbar waren. Von der RHF wurden Zigeuner gleichermaßen rassenanthropologisch als "Fremdrasse" und rassenhygienisch als erbliche "Asoziale" definiert.

Ausgehend von den als am "reinrassigsten" definierten Zigeunern, die noch vorwiegend nomadisierten, ihre Sprache am reinsten sprächen und die sich am strengsten an ihre Sitten und Gesetze hielten, sollten Genealogien erhoben werden. So sollte es möglich sein, nicht nur alle "stammechten Zigeuner", sondern auch "alle Mischlinge aufzudecken und zu erfassen". Dem Leiter der RHF Robert Ritter zufolge waren weit mehr als 90 Prozent aller als Zigeuner geltenden Personen keineswegs "stammechte Nomaden indischer Herkunft", sondern "Mischlinge", die ihre Partner unter Menschen "minderwertiger Herkunft" gefunden hätten, weshalb noch unter entfernten Nachkommen ein sehr hoher Prozentsatz an "Asozialität und Kriminalität" zu finden sei.

Die "Zigeunerfrage", so wurde daher geschlossen, sei "vorwiegend ein Mischlingsproblem". Alle "Zigeuner, Zigeunermischlinge und nach Zigeunerart umherziehenden Personen" wurden verpflichtet, "Angaben über ihre Abstammung" zu machen und sich einer "rassenbiologischen Untersuchung" zu unterziehen. Die Feststellung der "Abstammung" diente dabei zugleich der Kriminalpolizei dazu, noch nicht erfasste Zigeuner festzustellen, aber auch der RHF, die diese Angaben für ihre separate Erfassungstätigkeit benötigte. Die in Verhören und bei der Auswertung von Akten und Kirchenbüchern durch die RHF gewonnenen Informationen wurden im "Zigeunersippenarchiv" im Reichsgesundheitsamt in verschiedenen Karteien erfasst und zu "Sippentafeln" kombiniert. In erster Linie diente das Archiv dazu, "gutachterliche Äußerungen" zu erstellen, die von der Kriminalpolizei als Grundlage für die Anordnung von Verfolgungsmaßnahmen benötigt wurden. Dabei wurde jeder als Zigeuner definiert, der "blutmäßig aus einem Zigeunerstamm hervorgegangen ist", um "auch den rückgekreuzten Mischling als Zigeuner gelten zu lassen". Diese im Vergleich zur juristischen Definition von Juden wesentlich radikalere Vorgehensweise wurde mit der angeblichen Existenz einer besonders "arbeitsscheuen" und "asozialen" "Zigeunermischlingspopulation" begründet.[9]

Fußnoten

8.
Vgl. Frank Sparing, Die Dienststelle für Zigeunerfragen bei der Kriminalpolizeileitstelle Köln, in: Harald Buhlan/Werner Jung (Hrsg.), Wessen Freund und wessen Helfer? Die Kölner Polizei im Nationalsozialismus, Köln 2000, S. 519-574.
9.
Vgl. Martin Luchterhandt, Der Weg nach Birkenau. Entstehung und Verlauf der nationalsozialistischen Verfolgung der "Zigeuner", Lübeck 2000, S. 123-137 und S. 206-226; Joachim S. Hohmann, Robert Ritter und die Erben der Kriminalbiologie, Frankfurt/M. 1991; Tobias Schmidt-Degenhard, Robert Ritter 1901-1951. Zu Leben und Werk des NS-Zigeunerforschers, Diss. med., Tübingen 2008.