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25.5.2011 | Von:
Frank Sparing

NS-Verfolgung von "Zigeunern" und "Wiedergutmachung" nach 1945

Vernichtung

Im Kontext der im Herbst 1942 weit voran geschrittenen "Endlösung der Judenfrage" fällte Himmler am 16. Dezember 1942 die Entscheidung, den größten Teil der noch im Deutschen Reich lebenden Zigeuner nach Auschwitz deportieren zu lassen. Als vorbereitende Maßnahme war im Herbst die Einsetzung von "Zigeunersprechern" erfolgt, die damit betraut wurden, "Sippen reinrassiger Zigeuner" zusammenzustellen. Die "Sprecher" sollten die "reinrassigen Zigeuner" darüber aufklären, dass sie "in Zukunft eine gewisse Bewegungsfreiheit" erhielten und "einer arteigenen Beschäftigung nachgehen" könnten. Die Kriterien für die Aufnahme in diese Gruppe waren aber derart restriktiv, dass ohnehin nur das engste familiäre Umfeld der "Sprecher" in Frage kam. Mit der Einsetzung der "Zigeunersprecher" gelang es dem RKPA, durch Einbindung angesehener Vertreter der Minderheit in den Selektionsprozess eine Entsolidarisierung der im Reich lebenden Zigeuner zu erreichen. Nicht mehr als 200 bis 300 Menschen im Reich blieben als "reinrassige Zigeuner" von einer Einweisung nach Auschwitz verschont, mussten aber dennoch bis Kriegsende um ihr Überleben bangen.[12]

Bei der Auswahl der Deportationsopfer im Frühjahr 1943 war für bestimmte Gruppen wie die Roma und die "Sippen westbalkanischer Bärenführer" allein die über sie ausgestellte "Rassendiagnose" der RHF ausschlaggebend. In den übrigen Fällen verfügte die Kriminalpolizei über erheblichen Ermessensspielraum, und da es keinerlei Zahlenbegrenzung gab, wurde versucht, so viele Zigeuner wie möglich zu deportieren. Durch das RKPA wurden die Familien bewusst nicht auseinandergerissen, um mögliche Widerstände gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Zigeuner wurden in einen Teil des im Dezember 1942 neuerrichteten Lagerabschnitts in Auschwitz-Birkenau eingeliefert, der nach Beginn der Deportationen als "Zigeunerfamilienlager" in Betrieb genommen wurde. Jede der 32 Baracken war völlig überbelegt, so dass sich jeweils zehn Menschen eine Pritsche teilen mussten und sich unter diesen Bedingungen zahlreiche Epidemien verbreiteten. Innerhalb weniger Monate starben mehr als 10.000 Insassen an Hunger, Seuchen, Misshandlungen oder medizinischen Experimenten.

Vermutlich im April 1944 traf Himmler nach Rücksprache mit dem Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höß die Entscheidung, die arbeitsfähigen Häftlinge im Zigeunerfamilienlager auszusondern und die übrigen vergasen zu lassen. Nachdem ein Teil der Zigeuner in andere Konzentrationslager verlegt worden war, wurden die verbliebenen Insassen des Zigeunerfamilienlagers in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in die Gaskammern getrieben. Dabei versuchten sie offenbar, der SS nach Kräften Widerstand entgegenzusetzen. Aber auch fast jeder Dritte der in andere Lager überstellten Zigeuner wurde nach kurzer Zeit wieder zurück nach Auschwitz verlegt und dort ermordet. Von den ungefähr 30.000 Zigeunern, die nach Auschwitz deportiert worden waren, überlebten nur ungefähr 3.000.[13]

Nach der Deportation nach Auschwitz konzentrierte sich die Kriminalpolizei auf die meist unauffällig in "Mischehen" lebenden Zigeuner, die seit 1943 zunehmend ins Fadenkreuz der Erfassungsinstanzen geraten waren. Fast die Hälfte dieser Familien wurde durch die Deportation getrennt, wobei die Zurückgebliebenen von Zwangssterilisation bedroht oder betroffen waren. Die vollständige Durchsetzung der beabsichtigten Sterilisierung nichtdeportierter Zigeuner scheiterte an der kriegsbedingten Desorganisation, aber auch am Widerstand Betroffener.[14]

Fußnoten

12.
Vgl. K. Fings/F. Sparing (Anm. 7), S. 289-297.
13.
Vgl. Stowarzyszenie Rom w Polsce (Vereinigung der Roma in Polen) (Hrsg.), Das Schicksal der Sinti und Roma im KL Auschwitz-Birkenau, Warszawa 1994 (poln.); Waclaw Dlugoborski (Hrsg.), Sinti und Roma im KL Auschwitz-Birkenau 1943-44, Oswiecim 1998 (poln.).
14.
Vgl. K. Fings/F. Sparing (Anm. 7), S. 332-346.