APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Pfeil rechts

Die größte Minderheit in Europa


25.5.2011
Die Autoren haben einen Roma-Hintergrund und gehen von ihrer Perspektive aus. Nach einem historischen Abriss erfolgt ein europäischer Überblick, bevor auf einzelne Länder eingegangen wird.

Einleitung



Sinti und Roma werden häufig nur als Randgruppe wahrgenommen, jedoch bilden sie mit mehr als zehn Millionen Menschen die größte Minderheit in Europa. Wo liegen ihre historischen Wurzeln? Wie sieht ihre Lebenssituation aus? Weshalb ist dieses Volk immer wieder von Emigration betroffen?

Zunächst ist festzuhalten: Die Menschheitsgeschichte kennt eine nicht geringe Zahl von Migrationsprozessen. Zu den bekanntesten gehört die Völkerwanderung. Zu den wichtigsten Ursachen solcher Wanderungsbewegungen zählen Krieg und Hungersnöte (abstoßende Faktoren) sowie bessere Lebensbedingungen im Einwanderungsland (anziehende Faktoren). Diese Ursachen gelten für die historische Migration der Sinti und Roma wie auch für die derzeitige Migration osteuropäischer Roma nach Westeuropa.[1]

Aufgrund sprachlicher Verwandtschaft des Romanes (der Sprache der Sinti und Roma) mit den nordwestindischen Sprachen gilt die indische Herkunft der Roma mittlerweile als gesichert. Den wichtigsten historischen Einschnitt erlebten die Sinti und Roma durch den afghanischen Fürsten Mahmud von Ghazni: Er eroberte im 11. Jahrhundert die nordwestindischen Regionen Panjab, Sindh und Rajastan. Die dortige Bevölkerung geriet in die Sklaverei oder wurde vertrieben. Diese Ereignisse führten zu ersten Migrationsbewegungen von Sinti und Roma. In Europa wurden sie zunächst geduldet. So erhielten sie im Heiligen Römischen Reich sogar königliche Schutzbriefe. Diese Periode fand jedoch mit den Reichstagen von 1496 und 1498 ein Ende: Sinti und Roma wurden angesichts der osmanischen Expansion für vogelfrei erklärt, denn sie galten nun als türkische Spione und Feinde der Christenheit. Im 18. Jahrhundert waren unter Kaiserin Maria Theresia Eheschließungen unter Roma untersagt. Roma-Kinder nahm man ihren Eltern weg, um sie christlichen Pflegeeltern zu übergeben. Auch in Spanien gab es im selben Jahrhundert Assimilationsversuche: Den dort lebenden Roma war es untersagt, ihre Muttersprache zu sprechen.

Selbstverständlich haben Roma im Verlauf ihrer Geschichte neben ihrem historisch-indischen Erbe auch kulturelle und sprachliche Elemente anderer Völker und Länder aufgenommen. Daher kann mit Bestimmtheit gesagt werden, dass die Roma ein pluralistisches Volk sind. Hinzu kommt, dass ihre Lebenssituation häufig davon abhängt, inwieweit sie sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft positionieren, um das eigene Überleben und die Identität zu sichern. Selbst in unserem demokratischen Zeitalter stellte das Europäische Parlament erst 2005 fest, dass Roma Opfer ethnischer Säuberungen wie auch Vertreibungen in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens gewesen sind.[2] Für die neuen EU-Staaten Bulgarien und Rumänien stellte eine UNICEF-Studie fest, dass die dort lebenden Roma zu einer nicht geringen Zahl ohne Anbindung an die öffentliche Infrastruktur leben.[3]

Die populistische Maßnahme, Roma auszuweisen, kam nicht etwa von einer rechtsextremen Gruppierung, sondern von der bürgerlichen Regierung Nicolas Sarkozys in Frankreich. Es gibt aber auch Positives zu berichten. Immer mehr Roma ergreifen die Möglichkeit eines akademischen Werdegangs. Ein interessantes Beispiel ist hierbei Elli Jonuz, deren Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland emigrierten. Als Erzieherin schaffte sie es, über den zweiten Bildungsweg zu promovieren. In ihrer Dissertation hat sie belegt, dass der soziale Aufstieg der als "Gastarbeiter" eingewanderten Roma erst unter Geheimhaltung der eigenen Herkunft möglich war.[4]

Auch Nichtroma sind als gute Vorbilder zu nennen. Hierzu gehört Jonathan Mack:[5] Der deutsche UN-Jugenddelegierte für das Jahr 2007 hat als erster den Antrieb für eine deutsche und europäische Jugendbewegung der Sinti und Roma gegeben. So findet jährlich das Bundesjugendtreffen "Terne Sinti und Roma" statt. Dieses Treffen ist an alle interessierten Jugendlichen gerichtet. Es stärkt die Eigeninitiative und die gemeinsame Gestaltung der Zukunft und dient der bundesweiten Vernetzung junger Sinti und Roma.


Fußnoten

1.
Vgl. zum Folgenden: Rajko Djuri/Jörg Becken/A. Bertolt Bengsch, Ohne Heim - ohne Grab. Die Geschichte der Roma und Sinti, Berlin 1996.
2.
Vgl. www.dias-online.org/fileadmin/templates/downloads
/DIAS_Kommentare/Kommentar42.pdf (15.4.2011).
3.
Vgl. www.unicef.de/presse/pm/2007/roma-konferenz (15.4.2011).
4.
Vgl. Elli Jonuz, Stigma Ethnizität. Wie zugewanderte Romafamilien der Ethnisierungsfalle begegnen, Leverkusen 2009.
5.
Vgl. www.amarodrom.de/content/jonathan-mack (15.4.2011).