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25.5.2011 | Von:
Julianna Orsos

Die größte Minderheit in Europa

Ungarn - innere Unsicherheit, gute PR

Nach der Parlamentswahl 2010 ist klar geworden, dass Ungarn eine radikale innere Veränderung braucht; deshalb hat die national-konservative Regierungspartei, der Ungarische Bürgerbund (FIDESZ), zwei Drittel der Stimmen erhalten. Europaweit wird meist nur über das umstrittene Mediengesetz berichtet, nicht aber über die Entmachtung des Verfassungsgerichts und vorgeschlagene Verfassungsänderungen.[6]

Unter den Vorschlägen der FIDESZ betreffen verschiedene Punkte die Roma unmittelbar: die Absenkung des Schulpflichtalters auf 16 Jahre ist einer von ihnen. Der Zusammenbruch des Kommunismus hat den Roma Mitteleuropas eher geschadet. Viele der einfachen Fabrikjobs, in denen sie gearbeitet hatten, verschwanden mit den dazugehörigen Industrien. Im ersten postkommunistischen Jahrzehnt verdoppelte sich die Armut unter den ungarischen Roma, und die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe. Die wachsenden Einkommensunterschiede haben der gesellschaftlichen Isolation in den Bereichen Wohnen und Bildung Vorschub geleistet und die Diskriminierung angeheizt. Die Roma-Bevölkerung war schon zu sozialistischen Zeiten aus dem integrierten Schulsystem ausgeschlossen. Heute besucht ein Großteil der Roma-Kinder Sonderschulen.[7] Laut Umfragen wollen 94 Prozent der Ungarn ohne Roma-Hintergrund nicht, dass ihre Kinder in der Schule neben einem Roma-Kind sitzen.

Fußnoten

6.
So sollen der Forint und die Nationalhymne Verfassungsrang erhalten. Gegen die Verfassungsreform organisierten Polizei, Armee und Feuerwehr am 16. April 2011 einen großen Protest. Die neue Regierung will ein "Lebenslaufmodell" ausarbeiten, was vorzeitige Pensionierungen nicht mehr erlauben, sondern den Betroffenen "administrative Aufgaben" übertragen würde.
7.
Vgl. Paul Hockenos, Sonderschulen für Roma-Kinder, in: die taz vom 12.1.2011, online: www.buchmesse.taz.de/1/zukunft/bildung/
artikel/1/sonderschulen-fuer-roma-kinder (10.5.2011).