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25.5.2011 | Von:
Vicente Rodríguez

Die größte Minderheit in Europa

Die Zeiten ändern sich

Mit dem Lied und dem Album "The Times They Are a-Changin'", das diesem Beitrag seinen Namen gibt, wurde Bob Dylan im Jahr 1964 zu einer Persönlichkeit der amerikanischen Folkmusik. Es hatte den Anschein, dass ein authentischer Revolutionär stellvertretend für eine Generation auftrat, die sich nach Veränderungen und turbulenten Zeiten sehnte. Doch die überlebenden Rockstars des turbulenten Jahrzehnts behaupteten sich bald als "neue Reiche", und der kraftvolle Sound des Undergrounds wurde brutal kommerzialisiert, bis er seine Essenz verlor.

Geschichte wiederholt sich, und manchmal hat etwas, das zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort geschah, deutliche Parallelen zu unserer heutigen superglobalisierten Gesellschaft, die sich kreisförmig, in einer fortwährenden Suche nach Sinn und Identität bewegt. Die Gemeinschaft der spanischen Roma, wir nennen uns "Gitanos", schreitet voran, wächst und lebt vor allem auf eine andere Weise. Vermutlich kennen nur wenige Gitanos den Namen und die Lieder des Sängers aus Minnesota. Gleichwohl kennt jeder von ihnen - vom Jüngsten bis zum Ältesten - die Legende von dem berühmten Sänger Camaron de la Isla. Vermutlich kennen nur wenige Gitanos die Heldentaten von Napoleon; die spanischen Roma haben ihre eigenen Helden und Bauern, ihre eigene Geschichte und Folklore. Unsere Roma- oder Kali-Kultur ist tiefgründig und von unzähligen Verästelungen und Einflüssen geprägt. Zum Beispiel können in einem bestimmten Kontext benutzte Worte in der Gitano-Gemeinschaft eine völlig andere Bedeutung haben, als wenn sie von Nicht-Gitanos verwendet werden. Die spanische Gitano-Gemeinschaft besitzt eine Philosophie und Weltanschauung, die sie einzigartig und verschieden macht. Jedoch wurde und wird dieser kulturelle und historische Reichtum von einigen als Bedrohung wahrgenommen.

Roma kamen um 1425 nach Spanien. Offensichtlich gab es zunächst keinerlei Probleme, bis es zu einem politischen Klimawechsel kam, der das Konzept vom "Gitano" als etwas Negatives festschrieb. Das soziale und kulturelle Bild der (Mehrheitsgesellschaft über die) Gitanos wurde von Seiten der Soziologie und Philosophie studiert. Der Philosoph und Gitano Isaac Motos spricht von einem stigmatisierenden Diskurs, der uns seit Cervantes und Telecinco begleitet. Auch wenn das Problem offensichtlich ist, die Lösung ist zu weit entfernt, um überhaupt denkbar zu sein.

Im Umgang mit den Roma-Gemeinschaften wird Spanien oft als "gutes Beispiel" angeführt, aber das Spanien des Jahres 2011 ist kein gutes Beispiel, denn in Spanien gibt es keine homogene Politik gegenüber den Gitanos. Während wir in einem Dorf gut behandelt werden, vertreibt der Bürgermeister des Nachbardorfes die Gitano-Straßenhändler von ihren traditionellen Plätzen, und deren Kinder werden zur gleichen Zeit in Sonderschulen geschickt; nicht zu reden von den Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die Roma aus Osteuropa ertragen müssen. Dies ist die dunkle Seite Spaniens, die andere Seite der Medaille, die sich Europa als gutes Beispiel präsentiert. Um es in Shakespeares Worten zu sagen: "Es ist etwas faul in Spanien."

Dennoch haben die jungen Gitanos die Hoffnung auf Veränderung nicht aufgegeben. Gitano-Jugendliche haben Hoffnung auf eine Veränderung der sozialen und politischen Wahrnehmung, vor allem auf eine Veränderung der Medien, die uns mehr denn je erniedrigen.

Gitano-Organisationen entstehen und entwickeln sich in ungeahntem Ausmaß, wie zum Beispiel die Philadelphia-Gemeinde, die trotz eines Mangels an Flexibilität und Laizität (Weltlichkeit) heute einen Begegnungsraum für viele Gitano-Jugendliche darstellt. Dank der Sozialen Netzwerke ist es Gitanos möglich, ohne Grenzen zu kommunizieren und Ideen auszutauschen. Unsere Kultur befindet sich in einer ständigen Entwicklung, verändert sich schnell, aber ist auch von einem starken Zusammenhalt geprägt.

Wir befinden uns in unserem ganz persönlichen Tal von Elah einem Riesen gegenüber, der den mythischen Goliath klein und zerbrechlich erscheinen lässt. Unsere Generation kämpft zwischen Sieg - der für viele alles verändern könnte - und Niederlage gegen die Berlusconis dieser Welt, die sich auf demokratischen Adern wie Stechfliegen niederlassen und sich von ihrer Schwäche ernähren. "Die Zeiten ändern sich", wie Bob Dylan einst sang ... oder sagen wir besser: Sie könnten sich ändern, hoffentlich dieses Mal zum Besseren.