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9.5.2011 | Von:
Sabine Müller

Wie tot sind Hirntote? Alte Frage - neue Antworten

Kritik am Hirntodkriterium

Kritiker der Gleichsetzung von Tod und Hirntod wie der Philosoph und Nobelpreisträger Hans Jonas halten am klassischen Todeskonzept fest. Sie plädieren dafür, den Komapatienten oder den Hirntoten im Zweifel so zu behandeln, als sei er noch auf der Seite des Lebens, da wir die exakte Grenze zwischen Leben und Tod nicht kennen, und der Mensch nicht von seinem Körper zu trennen oder im Gehirn zu lokalisieren sei.[5] Jonas warnt davor, das Hirntodkriterium in den Dienst der Organbeschaffung zu stellen. Der Therapieabbruch bei hirntoten Patienten sei nur dann gerechtfertigt, wenn er dem Interesse des Patienten selbst diene, aber nicht für fremdnützige Zwecke. Auch Gehirnforscher und andere Wissenschaftler stellten fest, dass die Gleichsetzung von Hirntod und Tod aus physiologischer Sicht unhaltbar sei und veröffentlichten 1995 eine Erklärung für ein verfassungsgemäßes Transplantationsgesetz und gegen die Gleichsetzung hirntoter Patienten mit Leichen.[6]

Dagegen vertreten einige Bioethiker[7] eine Kortextod-Definition, bei der sie zwischen der Person und dem Organismus unterscheiden. Dieser Ansicht nach gibt es zwei Arten von Tod: der Tod des Organismus, der mit dem Tod des Hirnstamms einsetzt, da dieser das integrierte Funktionieren des gesamten Organismus gewährleiste, sowie der Tod der Person, der mit dem Tod des Kortex einsetzt, da dieser Bewusstsein und mentale Aktivität hervorbringe. Individuen im dauerhaften Koma sollten als Organspender verwendet werden; da sie keine Personen mehr seien, sei ihre Tötung nicht verwerflicher als das Töten einer Pflanze.

Einige künstlich beatmete Hirntote zeigen noch eine körperliche Integration: Sie halten ihre Homöostase (Selbstregulierung) durch zahlreiche (endokrine und kardiovaskuläre) Funktionen aufrecht, regulieren selbstständig ihre Körpertemperatur, bekämpfen Infektionen (etwa durch Fieber) und Verletzungen, reagieren auf Schmerzreize mit Blutdruckanstieg, produzieren Exkremente und scheiden diese aus. Hirntote Kinder wachsen und können sogar ihre Geschlechtsentwicklung fortsetzen.[8] Hirntote Schwangere können die Schwangerschaft über Monate aufrechterhalten und von gesunden Kindern entbunden werden; so wurden bis 2003 zehn erfolgreiche Schwangerschaften von Hirntoten dokumentiert.[9] Die Annahme, dass nach dem Hirntod unmittelbar und notwendig der Herzstillstand und die körperliche Desintegration eintreten, ist durch etwa 175 dokumentierte Fälle (bis 1998) widerlegt worden, in denen zwischen Hirntod und Herzstillstand mindestens eine Woche und bis zu 14 Jahre lagen.[10] Durch die Fälle "chronischen Hirntods" wird die Hypothese der engen kausalen und zeitlichen Relation von Hirntod und Tod des gesamten Organismus widerlegt.

Fußnoten

5.
Vgl. Hans Jonas, Against the stream: comments on the definition and redefinition of death, in: ders. (ed.), Philosophical Essays, Chicago-London 1974, S. 132-140.
6.
Vgl. Hans-U. Gallwas et al., zit. nach: Johannes Hoff/Jürgen in der Schmitten, Wann ist der Mensch tot?, Reinbek 1995; Gerhardt Roth, "Hirntod" bzw. "Hirntodkonzept", Ausschuss für Gesundheit, 17. Sitzung vom 28.6.1995, S. 24f., online: www.transplantation-information.de/
hirntod_transplantation/hirntod_kritik
_dateien/hirntod_kritik.htm (1.4.2011).
7.
Vgl. Richard M. Zaner (ed.), Death. Beyond whole-brain criteria, Dordrecht 1988; Jeff McMahan, Brain death, cortical death and persistent vegetative state, in: Helga Kuhse/Peter Singer (eds.), A Companion to Bioethics, Oxford 1998.
8.
Vgl. Alan Shewmon, The brain and somatic integration, in: Journal of Medicine and Philosophy, 25 (2001) 5, S. 457-478.
9.
Vgl. David J. Powner/Ira M. Bernstein, Extended somatic support for pregnant women after brain death, in: Critical Care Medicine, 31 (2003) 4, S. 1241-1249.
10.
Vgl. D. Alan Shewmon, Chronic 'brain death', in: Neurology, 51 (1998) 6, S. 1538-1545.