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9.5.2011 | Von:
Sabine Müller

Wie tot sind Hirntote? Alte Frage - neue Antworten

Reaktionen von hirntoten Patienten bei der Organentnahme

Eine Untersuchung von Hans-Joachim Gramm et al.[22] hat gezeigt, dass bei zwei von 30 als hirntot diagnostizierten Organspendern die Konzentrationen der Botenstoffe Noradrenalin, Dopamin und Adrenalin sowie Blutdruck und Herzfrequenz bei der Organentnahme sprunghaft anstiegen. Ob es sich dabei um Rückenmarksreflexaktivität handelte, wie die Autoren vermuten, oder um Schmerzreaktionen, ist unklar. Vor diesem Hintergrund wurde bereits im Jahr 2000 eine Vollnarkose für hirnstammtote Organspender gefordert, allein schon um das Unbehagen für das Operationspersonal zu reduzieren. Schmerz- und Beruhigungsmittel seien neben Arzneimitteln zur Entspannung der Muskeln notwendig, da bei hirnstammtoten Patienten häufig noch höhere Hirn- und Rückenmarksfunktionen feststellbar seien, und da dramatische Veränderungen des Blutflusses während der Operationen auftreten könnten.[23] In der Schweiz ist Vollnarkose für hirntote Patienten zur Organentnahme vorgeschrieben - in Deutschland nicht. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation hält eine Narkose für "überflüssig", schreibt aber vor, dass "der Organspender zur Optimierung der chirurgischen Tätigkeit sowie zur Vermeidung dieser spinalen Reflexe relaxiert und ein Blutdruck- und Herzfrequenzanstieg durch entsprechende Medikamente (z.B. Opiate) behandelt" wird.[24]

Wie häufig Fehldiagnosen des Todes sind, ist unbekannt; sie werden selbstverständlich nicht in Fachzeitschriften publiziert. Allerdings wurden einige Fälle von "Hirntod-Mimikry" hochrangig publiziert. Deren Ursachen waren Pestizidvergiftung, eine Baclofen-Überdosis (Wirkstoff zur Muskelentspannung) beziehungsweise ein fulminantes Guillain-Barré-Syndrom (neurologische Erkrankung mit vollständiger Lähmung).[25] Letzteres ist vor allem bei vorangehender Kopfverletzung mit dem Hirntod zu verwechseln, weil diese irrtümlicherweise für die Ursache der hirntodartigen Symptome gehalten werden kann.[26] In diesen Fällen hatten die Ärzte die lebenserhaltenden Maßnahmen fortgesetzt, obwohl die klinische Diagnostik für den Hirntod sprach. Alle beschriebenen Patienten wurden wieder gesund. Die Autoren dieser Studien warnen vor Fehldiagnosen des Hirntodes in ähnlichen Fällen.

Fußnoten

22.
Vgl. Hans-Joachim Gramm et al., Hemodynamic responses to noxious stimuli in brain-dead organ donors, in: Intensive Care Medicine, 18 (1992) 8, S. 493ff.
23.
Vgl. P.J. Young/B.F. Matta, Anaesthesia for organ donation in the brainsteam dead - why bother? Editorial, in: Anaesthesia, 55 (2000), S. 105f.
24.
Deutsche Stiftung Organtransplantation, Organspende, S. 62, online: www.dso.de/fachinformationen/
informationsordner/pdf/informationsordner.pdf (30.3.2011).
25.
Vgl. John V. Peter et al., In-laws, insecticide - and a mimic of brain death, in: The Lancet, 371 (2008), S. 622; Marlies E. Ostermann et al., Coma mimicking brain death following baclofen overdose, in: Intensive Care Medicine, 26 (2000), S. 1144ff.; Yael Friedman et al., Simulation of brain death from fulminant de-efferentation, in: Canadian Journal of Neurological Sciences, 30 (2003) 4, S. 397-404.
26.
Vgl. Tanya Stojkovic et al., Guillain-Barré syndrome resembling brainstem death in a patient with brain injury, in: Journal of Neurology, 248 (2001), S. 430-432; Sharon Rivas et al., Fulminant Guillain Barré syndrome after closed head injury, in: Journal of Neurosurgery, 108 (2008), S. 595-600.