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9.5.2011 | Von:
Anna Bergmann

Organspende - tödliches Dilemma oder ethische Pflicht? - Essay

Bei der Transplantationsmedizin stehen sich widersprechende Ethiken gegenüber: die Lebensrettung durch Organspenden und die damit verbundenen Tabuüberschreitungen, die unsere Vorstellungen über Menschenwürde aus den Angeln heben.

Einleitung

Für die Popularisierung der "Gemeinschaftsaufgabe Organspende"[1] wird in Deutschland ein hoher medialer und finanzieller Aufwand betrieben.[2] Unter der Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministeriums wurde bereits 1979 "zur Verbreitung des Gedankens der uneigennützigen Organspende nach dem Tode"[3] der Arbeitskreis Organspende (AKO) eingerichtet. Seit Inkrafttreten des Transplantationsgesetzes 1997,[4] mit dem die erweiterte Zustimmungslösung eine rechtliche Grundlage erhielt, bietet der AKO einen kostenlosen telefonischen Informationsservice an. Aufrufe zur Organspende liegen in Ämtern, Kirchen und Schulen sowie in Wartezimmern, Apotheken und Kliniken aus, da im Transplantationsgesetz Bundesbehörden und Krankenkassen auf eine Verbreitung der Organspendeausweise verpflichtet wurden.[5] Mit immer neuen Kampagnen wird seit über einem Jahrzehnt die deutsche Bevölkerung mit der Organspende vertraut gemacht.

Denn trotz aufwändiger Initiativen scheint der Mangel an Organen ein chronisches Problem der Transplantationsmedizin zu sein: Zwischen dem Bedarf und dem "Organangebot" klafft eine große Lücke, die, wie der ehemalige Chefarzt der Medizinischen Klinik in Gladbeck Linus Geisler erklärte, dem System der Transplantationsmedizin selbst geschuldet ist. Zum einen erzeugt dieses System immanent einen immer größeren Bedarf an Organen - beispielsweise durch Organabstoßungen sowie Schädigungen anderer gesunder Organe von Empfängern infolge der immununterdrückenden Medikamente, was den Bedarf von weiteren Transplantaten potenziert. Zum anderen ist die Gefahr, einen Hirntod zu erleiden, sehr gering. Daher bleibt "die Illusion der 'leeren Warteliste' (...) immer eine Illusion".[6] Aber angesichts der großen Diskrepanz zwischen den zur Verfügung stehenden Organen und dem Spenderbedarf werden kontinuierlich neue politische Konzepte zur Beseitigung dieses Dilemmas erarbeitet (Einführung der Widerspruchslösung, Äußerungspflicht zur Organspende oder Eingriffe in Krankenhausstrukturen).

Auch Ärzte haben Anstrengungen unternommen, um das Organaufkommen zu optimieren: 2008 wurde in den USA der Spenderkreis um eine vom Hirntod unabhängige Patientengruppe erweitert, die mittlerweile auch in einigen europäischen Ländern (Österreich, Schweiz, Niederlanden, Belgien, Spanien) als Organspender dient: die non heart-beating donors. Hierbei handelt es sich um Patienten mit einem Herzstillstand, der durch eine medizinische Behandlung durchaus reversibel sein kann. Dennoch wird ohne Reanimationsbemühungen mit der Organentnahme bei diesen Patienten schon zwei bis zehn Minuten nach der Todesfeststellung begonnen, wobei der Körper durch Beatmung und Herzmassage weiterhin für den Transplantationszweck versorgt wird.[7] Mit der Einführung dieser Spendergruppe wurde die dead donor rule ("Tote-Spender-Regel") aufgegeben, an der sich alle bisherigen ethischen Richtlinien der Organspende orientierten. Dieser Schritt war an die Erwartung geknüpft, dass es "am Ende vielleicht mehr herztote Spender als hirntote" geben könnte.[8] Ein weiterer Aspekt ist für die spärliche Resonanz in der Bevölkerung ausschlaggebend: Transplantationsmediziner und Politiker monierten 2005, dass "nur etwa 40 Prozent der Krankenhäuser mit Intensivstationen an der Gemeinschaftsaufgabe Organspende beteiligt waren".[9] Mit anderen Worten: Bis 2005 machten in Deutschland 60 Prozent aller Krankenhäuser mit Intensivstationen keine Meldungen von hirntoten Patienten. Die klinische Beteiligung konnte auch bis 2009 kaum gesteigert werden.

Diese Tatsachen verweisen - so die These dieses Beitrags - auf ein ethisches Problem, das in der verpflanzungsmedizinischen Praxis begründet liegt. Es wurzelt in den durch eine Organentnahme berührten Tabus, deren ethisches Fundament mit der Organgewinnung aus dem Körper von Hirntoten kollidiert. Kurzum: Zwei sich widersprechende Ethiken stehen in einem konkurrierenden Verhältnis: auf der einen Seite geht es um die potenzielle Lebensrettung durch Organspenden, auf der anderen Seite sind damit Tabuüberschreitungen verbunden, die unsere Vorstellungen über Menschenwürde, medizinische Ethik und den sozialen Umgang mit einem sterbenden sowie toten Menschen aus den Angeln heben.

Fußnoten

1.
Dietmar Mauer et al., Organspende, in: Deutsches Ärzteblatt, 102 (2005) 5, S. B-214.
2.
Vgl. Ulrike Baureithel/Anna Bergmann, Herzloser Tod, Stuttgart 1999; Anna Bergmann, Organspenden zwischen animistisch-magischen Todesvorstellungen und medizinischer Rationalität, in: Cornelia Klinger (Hrsg.), Perspektiven des Todes in der modernen Gesellschaft, Wien-Berlin 2009, S. 24-55.
3.
Arbeitskreis Organspende (Hrsg.), Organspende rettet Leben!, Neu-Isenburg o.J., S. 8.
4.
Vgl. den Gesetzestext online: http://bundesrecht.juris.de/tpg/index.html (27.4.2011).
5.
Vgl. Anna Bergmann, Der entseelte Patient, Berlin 2004, S. 297ff.
6.
Linus Geisler, Der Mensch der Zukunft aus der Perspektive der Medizin, Festvortrag am 19.3.2005, online: www.linusgeisler.de/vortraege/0503goldene
_eule.html (27.4.2011).
7.
Vgl. ders., Die Lebenden und die Toten, in: Universitas, 65 (2010) 763, S. 4-13; Mark M. Boucek et al., Pediatric Heart Transplantation after Declaration of Cardiocirculatory Death, in: The New England Journal of Medicine, 359 (2008) 7, S. 709-714.
8.
Ralf Stoecker, Ein Plädoyer für die Reanimation der Hirntoddebatte in Deutschland, in: Dirk Preuß/Nikolaus Knoepffler/Klaus-M. Kodalle (Hrsg.), Körperteile - Körper teilen, Kritisches Jahrbuch der Philosophie, Würzburg 2009, S. 50.
9.
Gisela Klinkhammer, Postmortale Organspende: Hilfe für die Angehörigen, in: Deutsches Ärzteblatt, 102 (2005) 12, S. A-806, S. B-681, S. C-635.