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9.5.2011 | Von:
Anna Bergmann

Organspende - tödliches Dilemma oder ethische Pflicht? - Essay

"Todeszeichen - Der Augenschein trügt"

1997 wurde Florian Lethen von einem Auto erfasst. Nachdem er am Unfallort reanimiert worden war, teilte eine Ärztin seiner Familie mit, dass sein Leben aufgrund einer Hirnblutung nicht zu mehr retten sei, und der Hirntod kurz bevorstünde. Bald darauf kam die Todesnachricht. Seine Angehörigen befürworteten eine Organspende. Auf einem Formular kreuzten sie jene Organe an, die sie zu spenden bereit waren: Herz, Lunge, Leber und Nieren. Florians Vater bereute später diese Entscheidung und erhob Vorwürfe gegen die Transplantationsmedizin.[10] Wie viele Angehörige, die nach einer Organspende gefragt werden, hatte auch er keine Vorstellung davon, dass während der Organentnahme der Körper seines Sohnes noch in einem lebendigen Zustand sein musste und daher eine Begleitung seines Kindes bis zum letzten Atemzug ausgeschlossen war.[11]

Vergegenwärtigen wir uns das Prozedere einer Explantation: Für die Organentnahme wird der Körper des Spenders mit einem Schnitt vom Brust- bis zum Schambein geöffnet. Erst jetzt erleidet der Hirntote durch systematisches medizinisches Handeln jenen Tod, der uns durch seine Zeichen als Herztod bekannt ist - beispielsweise indem vor der Entnahme des Herzens mehrerer Liter der kardioplegischen (herzlähmenden) Lösung in die große Körperschlagader (Aorta) gegeben und so der Herzstillstand herbeigeführt wird.[12] Wenn der Herztod eingetreten ist, wird in der Regel noch Gewebe entnommen: Augen, Knochen und selbst eine Häutung kann erfolgen. Hinsichtlich ihrer methodischen Vorgehensweise stellt die Transplantationsmedizin eine Zergliederung des Lebendigen dar, indem sie Teile aus dem Körper von Patienten herausschneidet und diese in den Leib anderer todkranker Menschen wieder einfügt.[13] Selbst das Sterben wird in der Hirntoddefinition zerlegt: Galt einst der Herztod als Ende des Lebens, ist nun der Todeszeitpunkt durch die Behauptung, die Person des Menschen sei bereits durch den Zusammenbruch des Gehirnkreislaufs verstorben, vorverlegt worden. So verfügt der Spenderkörper zwar weiterhin über Zeichen des Lebens, aber der "Tote" hat die ihm bisher zugeschriebenen Wesensmerkmale verloren, denn Stillstand der Atmung und des Herzens, Leichenblässe, Verwesung, Totenstarre und -flecken sind seit der Einführung der Hirntodkriterien im Jahre 1968 keine zwingenden Todeszeichen mehr. Das Herz von Hirntoten schlägt, ihre Lungen atmen mit technischer Hilfe, sie verdauen, scheiden aus, werden bis zu ihrem Herztod medizinisch genährt und gepflegt - und sind von der Erscheinung her nicht von anderen Komapatienten zu unterscheiden.[14]

Dieses Verfahren bezieht sich auf ein Körpermodell, das historisch auf die im 17. Jahrhundert begründete kartesianische Körpermaschine zurückgeht: Dem im menschlichen Gehirn verorteten Geist wurde ein entseelter und nach Gesetzen der Mechanik funktionierender Körper entgegengesetzt. Einen Höhepunkt dieser mechanistischen Anthropologie bildet die vom Hirntodkonzept abhängige Transplantationsmedizin. Auf der Methode der Körperzergliederung beruhend, setzt diese Therapieform die Logik der kartesianischen Körpermaschine hinsichtlich des Sterbeprozesses fort. Als Sitz der Person und daraus folgernd auch ihres Todes trennt das Hirntodkonzept das Gehirn vom Sterben des so verstandenen "noch überlebenden übrigen Körpers" ab,[15] der weiterhin als lebendig gilt. Der Todeseintritt wird damit auf einen einzigen Zeitpunkt und ein einziges Organ fixiert, wodurch nicht nur der prozesshafte Charakter des Sterbens im biologischen Sinne, sondern das Sterben auch als soziales Ereignis verleugnet werden. Während es sich früher um einen "Tatbestand der Vivisektion"[16] gehandelt habe, sei es nun einzig der Macht einer Definition zu verdanken, dass der Todeszeitpunkt für Transplantationszwecke vorverlegt wurde.

Wie flexibel die Hirntodvereinbarung selbst ist, verdeutlicht ihre Geschichte: 1968 legte eine Kommission der Harvard Universität Kriterien für den Hirntod fest. Das Ausbleiben aller Reflexe war hier ein zentrales Todeskriterium, denn das Rückenmark wurde in dieser Definition morphologisch zum Gehirn gezählt.[17] Noch im selben Jahr wurde die Areflexie als obligates Zeichen des Hirntodes aufgegeben und der Tod eines Menschen nunmehr auf das Schädelinnere eingegrenzt. Seither dürfen Hirntote bis zu 17 Reflexe aufweisen wie Wälzen des Oberkörpers oder Hochziehen der Arme und Schultern.[18]

An der Durchsetzung dieser Todesdefinition war der deutsche Neurochirurg Wilhelm Tönnis (1898-1978) maßgeblich beteiligt. In seiner Funktion als beratender Neurochirurg beim Chef des Sanitätswesens der Luftwaffe war seine Forschung in die medizinischen Verbrechen im Nationalsozialismus eingebettet.[19] In den 1960er Jahren arbeitete Tönnis in der Bundesrepublik Deutschland als Direktor der Abteilung für Tumorforschung und experimentelle Pathologie des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung an der Wiederbelebbarkeit von hirnverletzten Patienten. Die 1963 von ihm und seinem Mitarbeiter Reinhold Frowein aufgestellten Kriterien für den "cerebralen Tod" eines an der Lungenmaschine noch atmenden Komapatienten waren für die Durchsetzung des heute gültigen Hirntodkonzepts maßgebend.[20]

Trotz der juristischen Festschreibung als Leichnam ist nach wie vor der Umgang mit Hirntoten von Unsicherheit beherrscht, insbesondere bei Operationsschwestern und Anästhesisten. Sie sehen, wie der "überlebende Körper" auf seine Öffnung und auf die kalte Nähr- und Konservierungslösung reagiert, die dem Spender vor der Organentnahme gegen Verwesungsprozesse eingeflößt wird und das Blut ausschwemmt. Um irritierende Reaktionen auf diese Eingriffe (wie Bewegungen, Hautrötungen, Schwitzen, steigender Puls und Blutdruck) zu unterdrücken, werden dem Hirntoten Schmerzmittel und muskelentspannende Medikamente verabreicht.[21] Ein Großteil der Explantationen findet unter Narkose statt. Zu Beginn einer Organentnahme sind es in der Regel die Anästhesisten, die festlegen, wie mit dem Problem einer sich bewegenden Leiche umzugehen ist: "Manche Kollegen sagen, man sollte Fentanyl geben, um auf spinaler Ebene Reflexe zu unterdrücken. Fentanyl ist ein Opiat. Das ist immer wieder eine Diskussion wert (...), weil der eine oder andere sagt: 'Warum ein Opiat? Das ist doch ein Toter!'"[22]

Fußnoten

10.
So Theo Lethen (Pseudonym) in einem Interview mit der Autorin im Juli 2006; vgl. im Weiteren auch: Renate Greinert, Konfliktfall Organspende, München 2008.
11.
Vgl. Vera Kalitzkus, Postmortale Organspende im Erleben der Angehörigen, in: Sigrid Graumann/Katrin Grüber (Hrsg.), Grenzen des Lebens, Berlin 2007, S. 156.
12.
So die Auskunft einer Anästhesistin im Interview mit der Autorin im Juli 2006; Marco P. Zalunardo, Anästhesie nach Organtransplantation, in: Rolf Rossaint/Christian Werner/Bernhard Zwißler (Hrsg.), Die Anästhesiologie, Berlin-Heidelberg-New York 2004, S. 1423.
13.
Vgl. Thomas Schlich, Die Erfindung der Organtransplantation, Frankfurt/M.-New York 1998.
14.
Vgl. Gesa Lindemann, Beunruhigende Sicherheiten, Konstanz 2003, S. 75ff.
15.
Johann Friedrich Spittler, Der Hirntod - Tod des Menschen, in: Ethik in der Medizin, 7 (1995) 3, S. 130.
16.
Hans Jonas, Technik, Medizin und Ethik, Frankfurt/M. 1987, S. 221.
17.
Vgl. hierzu den Beitrag von Sabine Müller in dieser Ausgabe.
18.
Vgl. Gerhard Pendl, Der Hirntod. Eine Einführung in seine Diagnostik und Problematik, Wien-New York 1986, S. 30ff.; Thomas Schlich/Claudia Wiesemann (Hrsg.), Hirntod. Zur Kulturgeschichte der Todesfeststellung, Frankfurt/M. 2001.
19.
Vgl. A. Bergmann (Anm. 2), S. 34.
20.
Vgl. G. Lindemann (Anm. 14), S. 82ff., S. 114ff.
21.
Vgl. Gerhard Schwarz, Dissoziierter Hirntod, Berlin u.a. 1990, S. 45.
22.
So eine Anästhesistin im Interview, zit. nach: U. Baureithel/A. Bergmann (Anm. 2), S. 152.

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