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9.5.2011 | Von:
Anna Bergmann

Organspende - tödliches Dilemma oder ethische Pflicht? - Essay

"Justified Killing"

Die Transplantationsmedizin wird seit ihrem ersten großen Aufschwung, der durch die Hirntodvereinbarung von 1968 möglich wurde, von einer wissenschaftlichen Kritik an dem Todeskonzept seitens der Medizin, Philosophie, Soziologie, Rechtswissenschaft und Theologie begleitet. Körper und Person eines Menschen bilden in der Hirntodkritik eine Einheit, die weder medizinisch noch anthropologisch voneinander getrennt werden kann. So erklärte Joachim Gerlach, Professor für Neurochirurgie, 1969 die Hirntoddefinition als eine medizinische Kompetenzüberschreitung: Der Personenbegriff sei durch naturwissenschaftliche Methoden nicht nachweisbar, vielmehr handele es sich um eine philosophische, nicht aber um eine medizinische Kategorie.[23]

Diese These wurde im Zuge einer in den USA seit 2008 wieder aufgeflammten Fachdiskussion über die wissenschaftlich nicht aufrechtzuerhaltende Identifikation des Hirntodes mit dem Tod eines Menschen bestätigt.[24] Speziell Transplantationsmediziner, die den Diskurs über die anfangs erwähnte Gruppe der non heart-beating donors anführen, verwerfen die Hirntodvereinbarung - allerdings nicht, um das Tötungsverbot, das mit der Organentnahme aus dem Körper eines noch lebenden Menschen überschritten wird, ethisch infrage zu stellen, sondern um es zu enttabuisieren. Mit einem Zirkelschluss fundieren sie die ethische Legitimation der Verwendung von non heart-beating donors mit der seit langem praktizierten Organgewinnung aus dem Körper von hirnsterbenden Patienten. So erklärten der renommierte Professor für Anästhesiologie und medizinische Ethik Robert D. Truog und der Professor für Bioethik Franklin G. Miller im Jahr 2008: "Die Begründung dafür, warum diese Patienten [Hirntote, A.B.] für tot gehalten werden sollen, war nie völlig überzeugend. Die Hirntoddefinition erfordert den kompletten Ausfall aller Funktionen des gesamten Gehirns, dennoch bleiben bei vielen dieser Patienten wesentliche neurologische Funktionen erhalten."[25] In einem weiteren Artikel postulieren Truog und Miller eine Alternative zur "Tote-Spender-Regel" und fragen, wie es ethisch zu begründen sei, "Organe von hirntoten Patienten zu entnehmen, wenn sie nicht wirklich tot sind".[26] Sie entbinden die Explantation vom Tötungsverbot und erklären: Es sei nicht ganz falsch, im Zusammenhang der Organgewinnung von einem "justified killing" zu sprechen. Nur würde diese Rhetorik die Transplantationsmedizin kompromittieren. Die "Tote-Spender-Regel" könne jedoch fallengelassen werden, ohne dass Transplantationsmediziner sich eines Verbrechens schuldig machten.[27] Sich daraus ergebende juristische Fragen, bis wann ein Mensch Objekt eines Tötungsdelikts ist, und bis wann er das Grundrecht auf Leben mit all seinen Schutzwirkungen genießt,[28] scheinen unter der Prämisse des aus therapeutischen Gründen gerechtfertigten Tötens hinfällig zu werden. Stattdessen beruht die hiesige Todesvorstellung weiterhin auf der Grundannahme, wie vom Professor für Neurologie Heinz Angstwurm verdeutlicht, dass es sich bei einem Hirntoten um einen "lebenden Zellbestandteil" handelt. Experimente an enthaupteten Tieren dienen als Indizien für diese Todesvorstellung. So sieht Angstwurm den Beweis darin, dass in dem "restlichen Körper" enthaupteter Katzen "intensivmedizinisch der Kreislauf erhalten wurde".[29]

Diese Begründung bleibt doppeldeutig. Umso mehr Unsicherheiten entstehen im Krankenhausalltag. So orientiert sich der Todeseintritt an dem Zeitpunkt der letzten geleisteten Unterschrift (von insgesamt acht) des zweiten Hirntoddiagnostikers. Diese Handhabung liegt darin begründet, dass der Eintritt des Hirntodes selbst von einem ärztlichen Spezialisten unbeobachtbar ist. Das Kriterium der letzten geleisteten Unterschrift für den Todeszeitpunkt eines Patienten erzeugt, wie Gesa Lindemann an der zeitlichen Struktur der Hirntoddiagnostik verdeutlicht, ein flexibles Sterbedatum: So kann beispielsweise nach der ersten Todesfeststellung an einem Freitag die zweite aufgrund von Personalmangel nicht am Wochenende durchgeführt werden, so dass in diesem Fall der Patient erst am Montag verstirbt.[30]

Dieser verwirrenden Logistik war auch Karolina Müller ausgesetzt. Die zweite Hirntoddiagnostik bei ihrem Ehemann erfolgte prompt an Heiligabend: "Für uns war die Zeit des Wartens so schrecklich, weil es für uns am besten gewesen wäre, wenn (...) er schnell gestorben wäre. (...) Und am 24. Dezember lag ja das Hirntodprotokoll vor, so dass das dann zu Ende war."[31] Karolina Müller kann bis heute keinen Sinn darin erkennen, dass ihr Mann auch nach der Todesfeststellung medizinisch betreut wurde: "Das hat mich sehr verwundert, weil ich mir gedacht habe - das mag komisch klingen - 'wozu Medikamente, wenn er tot ist?'"[32] Die intensivmedizinische Betreuung von Organspendern wird als "Spenderkonditionierung", neuerdings auch als "organerhaltende Therapie"[33] bezeichnet. Für den Fall, dass hirntote Patienten trotz Therapie und erfolgloser Reanimationsversuche vor der Organentnahme an einem Herz-Kreislauf-Versagen sterben, hat man für die Kostenabrechnung die Kategorie der "frustranen Organentnahme" eingeführt.

Fußnoten

23.
Vgl. Joachim Gerlach, Gehirntod und totaler Tod, in: Münchener medizinische Wochenschrift, 111 (1969) 13, S. 734.
24.
Vgl. President's Council on Bioethics, Controversies in the Determination of Death: A White Paper, Washington, D.C., December 2008, online: http://bioethics.georgetown.edu/pcbe/
reports/death/(24.4.2011).
25.
Robert D. Truog/Franklin G. Miller, The Dead Donoar Rule and Organ Transplantation, in: The New England Journal of Medicine, 359 (2008) 7, S. 674.
26.
dies., Rethinking the Ethics of Vital Organ Donations, in: Hastings Center Report, 38(2008) 6, S. 41.
27.
Vgl. ebd., S. 42.
28.
Vgl. Walter F. Haupt/Wolfgang Höfling, Die Diagnose des Hirntodes, in: Fortschritte der Neurologie - Psychiatrie, 70 (2002), S. 583-590.
29.
Zit. nach: U. Baureithel/A. Bergmann (Anm. 2), S. 62f.
30.
Vgl. Gesa Lindemann, Die Praxis des Hirnsterbens, in: Claudia Honegger/Stefan Hradil/Franz Traxler (Hrsg.), Grenzenlose Gesellschaft?, Opladen 1999, S. 598.
31.
So in einem Interview mit der Autorin im August 2006.
32.
Ebd.
33.
D. Mauer et al. (Anm. 1), S. B-213.

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