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9.5.2011 | Von:
Anna Bergmann

Organspende - tödliches Dilemma oder ethische Pflicht? - Essay

Pietät und Totenpflege

Die auf der "Leichenspende" beruhende Praxis der Organverpflanzung ist in der Geschichte der ärztlichen Tabuüberschreitung einzigartig, denn mehrere in unserer Kultur herrschende Normen, aber auch Verbindlichkeiten der medizinischen Ethik werden verletzt: Im Laufe der großen Operation einer Organentnahme gibt es nicht eine einzige medizinische Handlung, die im Sinne des Hippokratischen Eides dem Wohl eines Hirntoten verpflichtet ist. Egal, ob wir hirntote Organspender als Patienten, Sterbende oder Leichen betrachten: Alle sonst verbindlichen Normen sind während einer Explantation außer Kraft gesetzt. Als Tote gilt ihnen nicht die so bezeichnete "heilige Scheu".[34] Ekel, Ohnmacht, Erbrechen - extreme körperliche Reaktionen - sind aus Sektionsübungen im Medizinstudium bekannt. Sie werden durch die Zerstörungshandlung des Leichnams ausgelöst, was auf die Macht des Todestabus und auf die hohe kulturelle Bedeutung des Totenkults verweist, der seit Jahrtausenden die Verstorbenen und die Trauernden vor der Bemächtigung der Toten zu schützen versucht.[35]

In unserer modernen Gesellschaft wird die Totenpflege mit dem Begriff der Pietät umschrieben. Sie beinhaltet einen Schutz der Toten und der Trauernden: zum einen den würdevollen Umgang mit den Toten. Dieser ist in dem Recht auf Totenruhe verankert; zum anderen den Schutz der Angehörigen, denen ein pietätvolles Totengedenken als Rechtsgut zusteht. Die Transplantationsmedizin muss sich über diese Angehörigenrechte und Bestattungsbräuche hinwegsetzen. Einen Krankenpfleger überkam Ekel, als Gelenke eines Spenders explantiert wurden, "wenn sie mit Hammer und Meißel an einen Toten herangehen (...), das hat für mich noch eine andere Qualität."[36] Zudem wird das Tötungstabu dramatisch berührt, sofern professionell Beteiligte den Hirntod nicht als Tod des Menschen wahrnehmen können. In diesem Fall erzeugt die Mitarbeit an der Explantation ein Tötungsbewusstsein. Der Moment, in dem der hirntote Patient sich in eine herztote Leiche verwandelt, ist auf dem Operationstisch wie in einem Laboratorium beobachtbar und wird von dem Pflegepersonal häufig als eine traumatische Erfahrung geschildert.[37]

Da die Transplantationstherapie auf der Nutzung des Körpers sterbender Patienten beruht, steht diese Medizin unter einem enormen Rechtfertigungsdruck. Sie muss dieses Faktum aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängen, und ihr scheint dies mit Hilfe der religiösen Fundierung der Organspende durch die Deutsche Bischofskonferenz zu gelingen: "Aus christlicher Sicht ist die Bereitschaft zur Organspende ein Zeichen der Nächstenliebe."[38] Diese Argumentation wird unmittelbar an eine Kausalität zwischen dem Tod von Patienten und der Organspendebereitschaft geknüpft. In der Pressemitteilung des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration (MS) heißt es: "In Deutschland warten cirka 12000 Patienten auf ein neues Organ. (...) Jedes Jahr sterben etwa 1000 Menschen, weil nicht rechtzeitig ein neues Organ für sie zur Verfügung stand."[39]

Die Aufforderung zur aktiven Beteiligung an der Verringerung dieses tödlichen Dilemmas durch einen Organspendeausweis beruft sich auf das religiöse Gewissen: Aus der Liaison der kartesianischen Körpermaschine mit dem christlichen Menschenbild erwächst eine Mischung aus Zweckrationalität und Altruismus. Egal, welchen moralisch hohen und pietätvollen Anstrich die Transplantationsmedizin sich zu geben vermag: Unsere ethischen Normen im Umgang mit Sterbenden und Toten, die Prämissen der medizinischen Ethik und schließlich das Tötungsverbot werden durch das Prozedere der Organgewinnung über Bord geworfen. Eine ethische Verpflichtung zur Organspende kann es daher nicht geben.

Fußnoten

34.
Alexander Mitscherlich, Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, München 1968, S. 260.
35.
Vgl. Thomas Macho, Tod, in: Christoph Wulf (Hrsg.), Vom Menschen. Handbuch Historische Anthropologie, Weinheim-Basel 1997, S. 939.
36.
Zit. nach: U. Baureithel/A. Bergmann (Anm. 2), S 177.
37.
Vgl. U. Baureithel/A. Bergmann (Anm. 2), S. 145ff.
38.
BzgA, Organspende schenkt Leben, online: www.organspende-info.de/organspende/religionen/(24.4.2011).
39.
MS, Engagement für die Organspende, Pressemitteilung vom 15.11.2010, online: www.ms.niedersachsen.de/live/live.php?navigation_id=4972&article_id=91935&_
psmand=17&mode=print (24.4.2011).

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