APUZ Dossier Bild

9.5.2011 | Von:
Ingrid Schneider

Kann ein regulierter Organmarkt den Organmangel beheben - und zu welchem Preis?

Der Beitrag überprüft Modelle eines staatlich regulierten Organmarktes. Sowohl hinsichtlich der politischen und kulturellen Durchsetzbarkeit als auch der praktischen Regulierbarkeit scheinen solche Ansätze zum Scheitern verurteilt zu sein.

Einleitung

Das Verbot des Organhandels ist in einer Vielzahl von Rechtsordnungen wie im deutschen Transplantationsgesetz von 1997 strafrechtlich kodifiziert. Begründet wird es mit der universalen Norm der Nicht-Kommerzialisierung des menschlichen Körpers, die auch in der EU-Grundrechtecharta, Resolutionen der Weltgesundheitsorganisation, den Weltgesundheitsversammlungen und der Biomedizinkonvention des Europarats verankert ist.[1] Seit etwa vier Jahrzehnten gibt es aber Vorstöße, die Organabgabe zu kommerzialisieren.[2] Die Initiative ging von Transplantationsmedizinern aus und wird von Juristen, Ökonomen und Philosophen flankiert. Ihnen gemeinsam ist eine utilitaristische Argumentation, die auf den Organmangel fokussiert. Ihre Prämisse ist, dass finanzielle Anreize das Organaufkommen zu steigern vermögen. Postuliert wird zudem eine Win-win-Situation für den bezahlten Organspender und den Empfänger sowie - zumindest im Fall der Nierentransplantation - eine Kostenersparnis für die Gesellschaft, da die Dialysebehandlung kostenintensiver sei als eine Nierentransplantation. Die zentrale Argumentationsfigur bildet die Autonomie des Organverkäufers: Sie wird dabei als umfassendes Selbstverfügungsrecht über den eigenen Körper verstanden, das ein "Recht auf Selbstschädigung" einschließe und Körperteile als "Eigentum" fasse. Ein weiteres Argument entspringt dem Liberalismus: Die Befürworter wenden sich gegen eine staatliche Bevormundung, die sie als überholten Paternalismus und Überregulierung brandmarken und stattdessen eine Art "Freiheit zum Organverkauf" ausrufen.[3]

Allerdings ist solchen Vorschlägen paradoxerweise ein starker Etatismus eigen. Gefordert wird ein "regulierter Organmarkt". Dessen zentrale Elemente sind eine nationale Beschränkung der Organzirkulation, Mindestnormen für Spendewillige wie Volljährigkeit und Geschäftsfähigkeit, aber auch, dass es keine schuldrechtliche Verpflichtung zum Organverkauf geben dürfe. Zudem wird vorgeschlagen, Festpreise für ein Organ festzulegen. Die Organallokation soll von einer zentralen, staatlich überwachten Stelle vorgenommen werden und die Verteilung unabhängig von der Zahlungsfähigkeit erfolgen.[4] Das bedeutet für den hiesigen Kontext, dass die Krankenkasse des Empfängers die Kosten für den Organkauf übernehmen soll. Die Forderung nach einer Liberalisierung wird also mit einer starken Regulierung verbunden: Die Abwehr staatlicher Eingriffe ist an einen ausgeprägten Regulierungsoptimismus gekoppelt, der einen starken Staat und effiziente bürokratische Verfahren voraussetzt, um einen "Missbrauch" abwenden zu können.

Fußnoten

1.
Vgl. Friedrich Breyer et al. (Hrsg.), Organmangel, Berlin 2006, S. 181f.
2.
Vgl. Ingrid Schneider, Ein Markt für Organe?, in: Fuat Oduncu et al. (Hrsg.), Organtransplantation, Organgewinnung und -verteilung, Göttingen 2003, S. 189-208.
3.
Vgl. Stephen Wilkinson, Bodies for Sale, London 2003.
4.
Vgl. Friedrich Breyer, Möglichkeiten und Grenzen des Marktes im Gesundheitswesen, in: Zeitschrift für medizinische Ethik, (2002) 48, S. 111-123.