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9.5.2011 | Von:
Ellen E. Küttel-Pritzer
Ralf R. Tönjes

Tierorgane und Gewebezüchtung als Alternativen zum Spenderorgan?

Die regenerative Medizin umfasst Ansätze der Gewebereparatur und des Gewebeersatzes. Zum Einsatz kommen Verfahren der Gewebe- und Organzüchtung sowie Ersatzmaterialien von Tieren im Rahmen der Xenotransplantation.

Einleitung

Die Restaurierung, Reparatur und der Ersatz erkrankter Gewebe und Organe sind Prioritäten des Gesundheitssystems und eine Notwendigkeit, die durch die Zunahme degenerativer Erkrankungen in alternden Bevölkerungen und steigenden Erwartungen an Gesundheit und Lebensqualität verstärkt wird. Die Transplantation menschlicher Organe (Allotransplantation) war über die vergangenen sechs Jahrzehnte sehr erfolgreich. Herz- und Nierentransplantationen sind die Therapien der Wahl bei Organversagen im Endstadium. Die notwendigen chirurgischen Kapazitäten sind in verschiedenen medizinischen Zentren vorhanden, aber die effektive Umsetzung von Allotransplantationen ist begrenzt durch den weltweiten Mangel an Spenderorganen. Die Folgen für Patienten auf den Organwartelisten sind gravierend. In Deutschland liegt die jährliche Sterberate von Patienten, die auf ein Herz warten, bei 17,1 Prozent. Die durchschnittliche Wartezeit für eine Niere beträgt fünf Jahre, was die Aussichten für Nierenpatienten erheblich reduziert, da die Transplantatüberlebenszeit nach länger andauernder Dialyse deutlich sinkt. Es wurden im Jahr 2010 2937 Patienten Nieren transplantiert, während etwa 8000 Patienten auf der Warteliste verblieben, es gab 393 Herztransplantationen, während mehr als 700 Patienten für die Transplantation neu gemeldet waren, und 298 Lungen wurden transplantiert, während sich 420 Patienten neu registrierten.[1] In den USA zeigen die Daten für alle Organe, dass im Jahr 2010 von 14505 Spendern insgesamt 28664 Organtransplantationen durchgeführt wurden. Demgegenüber standen jedoch im März 2011 110521 Patienten auf der Warteliste.[2]

Die sich in den Wartelisten widerspiegelnde Versorgungsknappheit hat die Suche nach Alternativen und die Forschung in mehreren Bereichen initiiert. Untersuchungen zum Aufbau und der Arbeitsweise von Zellen erlauben die Isolierung und Differenzierung multipotenter und pluripotenter humaner Stammzellen - Stammzellen, die sich zu anderen Körperzellen entwickeln können - für Ersatztherapien. Fortschritte in der Gewebezüchtung (tissue engineering) legen die Herstellung von klinisch anwendbaren Geweben und sogar Organen in Kultur nahe. Auch die Xenotransplantation, das heißt die Transplantation tierischer Zellen, Gewebe und Organe auf den Menschen, ist durch präzise genetische Modifikationen von Tieren und Verbesserungen der Immunmodulation (Beeinflussung des Immunsystems) in greifbare Nähe gerückt. Tierische Gewebe (wie Pankreasinselzellen) sind auf dem Weg in die Klinik, und Ergebnisse bei Xenotransplantationen kompletter Organe in nicht-humanen Primaten sind ermutigend.

Keine dieser Methoden wird für sich genommen Lösungen für die regenerative Medizin als Ganzes bieten, aber die Kombination von komplementären Technologien bietet neue Behandlungsmöglichkeiten für viele Patienten. Insbesondere die Xenotransplantation erlaubt die Erreichbarkeit einer ausreichenden, auf Abruf verfügbaren Zahl von Gewebe- und Organspenden. Dieses Ziel bietet den sofortigen Zugang zu Transplantaten für akute Erkrankungen und Verletzungen, den Stammzellen und andere Behandlungen nicht anbieten. Ein Xenotransplantat kann einen Patienten vital unterstützen bis ein menschliches Spenderorgan zur Verfügung steht oder ein "personalisiertes" Organ gezüchtet werden kann.

Fußnoten

1.
Vgl. Webseite der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO): www.dso.de/barrierefrei/wartelisteund
vermittlung.html (29.3.2011).
2.
Vgl. Webseite des Organ Procurement and Transplantation Network: http://optn.transplant.hrsa.gov (29.3.2011).