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9.5.2011 | Von:
Dominik Groß

Zum Wandel im Umgang mit der menschlichen Leiche: Hinweise und Erklärungsversuche

Veränderungen in der Bestattungskultur sind Indizien für den Wandel im Umgang mit der Leiche. Die neue Bestattungsvielfalt ist Ausdruck des Bestrebens, den persönlichen Handlungsspielraum über den Tod hinaus auszudehnen.

Einleitung

Es gibt viele Hinweise darauf, dass der Umgang mit der menschlichen Leiche einem grundlegenden Wandel unterliegt.[1] Zu den augenfälligsten Indizien gehören Veränderungen in der Bestattungskultur: Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts stellte die Beerdigung die übliche Form der Bestattung menschlicher Leichname dar. Demgegenüber hat sich in jüngster Zeit ein ausgeprägter "Bestattungspluralismus" entwickelt. Mittlerweile stehen weit mehr als 20 Formen der Bestattung zur Wahl. Die Hälfte der Bundesbürger wünschte sich gemäß einer Umfrage im Jahr 2007 für die eigene Beisetzung ein traditionelles Erd- oder Urnengrab, während es 1998 noch 87 Prozent und 2004 immerhin 62 Prozent waren.[2] Die Befürworter moderner beziehungsweise alternativer Bestattungsformen ziehen derselben Umfrage zufolge vor allem die Verstreuung der eigenen Asche (45,6 Prozent) und die Urnenbeisetzung (45,5 Prozent) außerhalb eines Friedhofs sowie die Baumbestattung auf einem Friedhof (39,8 Prozent) in Betracht. Jeweils ein Drittel sieht auch in der Urnenbeisetzung im eigenen Garten, in der Urnenaufbewahrung zu Hause und in der Verstreuung der Asche aus einem Heißluftballon heraus denkbare Optionen, während die neuen Formen Diamantenpressung und Weltraumbestattung für 13,8 Prozent der Befragten infrage kamen. Generell zeigen die Umfragen eine bemerkenswerte Offenheit für neue Ideen im Umgang mit dem eigenen Leichnam.[3]

Der feststellbare Wandel evoziert zugleich die Frage nach seinen Ursachen und Implikationen. An dieser Stelle setzt der vorliegende Beitrag an: Er will verdeutlichen, dass die neue Bestattungsvielfalt nicht allein Kennzeichen einer individualisierten Gesellschaft ist, sondern zugleich Ausdruck des Bestrebens, den persönlichen Handlungsspielraum über den eigenen Tod hinaus auszudehnen. Dabei dient der eigene Leichnam gewissermaßen als Mittel zum Zweck.

Fußnoten

1.
Vgl. Dominik Groß/Martina Ziefle, Im Dienst der Unsterblichkeit?, in: Dominik Groß/Jasmin Grande (Hrsg.), Objekt Leiche: Technisierung, Ökonomisierung und Inszenierung toter Körper, Frankfurt/M. 2010, S. 545-581.
2.
Vgl. Infratest-Umfrage, Nur noch jeder Zweite wünscht eine traditionelle Bestattung, 2007, online: www.aeternitas.de/inhalt/marktforschung/
meldungen/aeternitas_umfrage_2007 (21.3.2011).
3.
Vgl. Magdalena Köster, Den letzten Abschied selbst gestalten. Alternative Bestattungsformen, Berlin 2008; Michael Nüchtern/Stefan Schütze, Bestattungskultur im Wandel, Berlin 2008.