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12.4.2011 | Von:
Gertrud Pfister

200 Jahre Turnbewegung - von der Hasenheide bis heute

Vor 200 Jahren schuf "Turnvater" Jahn den ersten Turnplatz in der Berliner Hasenheide. Die Bewegungskultur ist immer auch ein Spiegel der jewei­ligen Gesellschaft ist wandelt sich mit ihr.

Einleitung

Die bunte Welt von Spiel und Sport setzt sich bei genauem Hinsehen aus zahlreichen kulturspezifischen Mustern zusammen, die von den politischen, ökonomischen, soziokulturellen und materiellen Bedingungen einer Gesellschaft abhängig sind. Grundsätzlich gilt, dass die jeweilige Bewegungskultur die Werte und Normen einer Gesellschaft "verkörpert", sie aufgreift, präsentiert und verstärkt. Das bedeutet auch, dass man an Traditionen zwar anknüpfen kann (und sollte), dass sich aber die Bedingungen für turnerische und sportliche Aktivitäten verändern und dass sich deshalb auch die Ziele und Inhalte der Turn- und Sportbewegung immer wieder den aktuellen Gegebenheiten anpassen müssen. Zudem ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gefordert, die (Er)Kenntnisse über die Entstehung und Entwicklung des Turnens und des Sports voraussetzt.

Anfänge auf der Berliner Hasenheide

Einer der wichtigsten "Väter" der "Leibes-Übungen" war der Philanthrop Johann Christoph GutsMuths (1759-1839). Die von ihm entwickelte, pädagogisch begründete "Gymnastik" wurde weltweit rezipiert. Basierend auf den Ideen der Aufklärung entwickelten die Philanthropen eine revolutionäre Pädagogik, deren Ziel es war, ihre (männlichen) Schüler zu vernunftgeleiteten Bürgern zu erziehen. Da sich Vernunft nur durch Handeln und Erkenntnis, das heißt nur durch körperliche Aktivitäten und sinnliche Wahrnehmungen, entwickeln könne, hielten die Philanthropen Leibesübungen für unverzichtbar. Ihr breit gefächerter Übungskanon diente Zeitgenossen und Nachfolgern bei der Entwicklung eigener Gymnastiksysteme als "Fundgrube" in einer Zeit, in der aufgrund der Napoleonischen Kriege die körperliche Ertüchtigung der Jugend als unabdingbar erschien.[1]

In Deutschland gilt Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) als der "Vater" des Turnens, das er zusammen mit Gleichgesinnten aus seinen Ideen der "Volkserziehung" entwickelte.[2] Der Begriff Turnen ist eine Erfindung Jahns und markierte die Entstehung eines neuen und spezifisch deutschen Gymnastikkonzepts. Die Turnbewegung verfolgte in erster Linie politische Ziele: die Befreiung Preußens von der französischen Besatzung, die Überwindung der feudalen Ordnung und die Gründung eines deutschen Nationalstaats.[3] Die Entwicklung des Turnens hatte aber auch eine praktische Komponente. Jahn, der als Hilfslehrer in Berlin tätig war, wanderte an Nachmittagen mit den ihm anvertrauten Jugendlichen vor das Hallesche Tor, übte mit ihnen Springen und Werfen und spielte mit ihnen Fang- und Kampfspiele. Auf diese Weise gelang es ihm, die unbändigen Jugendlichen zu disziplinieren. 1811 richtete Jahn zusammen mit der schnell wachsenden Schar seiner Anhänger einen Turnplatz auf der Hasenheide ein, einem Jagdrevier im Süden Berlins (heute Neukölln). Die Turnbewegung breitete sich rasch aus, in Preußen soll es 1818 etwa 100 Turnplätze und 6000 Turner gegeben haben.[4]

Turnen war ein umfassendes Konzept von im Alltag und im Krieg nützlichen Bewegungsaktivitäten. Dazu zählten zahlreiche Übungen an Geräten, sogenannte volkstümliche Übungen wie Laufen, Springen und Werfen, Klettern oder Fechten, Voltigieren, Ringen, Schwimmen und Spiele. Die Einrichtung der Turnplätze spiegelt die nicht auf Höchstleistung ausgerichtete "Philosophie" des Turnens wider.[5] Für Sprungübungen standen beispielsweise ein keilförmiger Graben für den Weitsprung und ein Hügel für den Tiefsprung zur Verfügung. Neben einer breiten Rennbahn für verschiedene Laufarten gab es eine eigene Bahn für den "dreyfachen Zirkellauf". In der Nähe der "Springanstalt" für den Hochsprung standen die Voltigierpferde, auf denen die jungen Männer das Auf- und Absitzen trainieren konnten. Die "Gerüste", auf denen das Voltigieren geübt wurde, nannte Jahn "Barren". Ein wichtiges Gerät für verschiedene Balancierübungen war der "Schwebebaum" (Heute findet der Schwebebalken ausschließlich im Frauenturnen Verwendung). Am auffälligsten waren die hohen Kletterbäume und -gerüste mit Leitern, Stangen und Tauen, die Wagemutige zu halsbrecherischen Klettereien verführten. Umliegendes Waldgelände wurde zu Kriegsspielen mit Spähtrupps und Überfällen genutzt.

Nicht die Übungen, sondern die Normen und Werte, Intentionen und Prinzipien des Jahn'schen Turnens unterschieden sich grundlegend vom modernen Turnen und Sport, was sich am besten an den Laufformen demonstrieren lässt: So führte Jahn zahlreiche Laufarten auf, unter anderem das Rennen, den Schlängellauf, den Rücklauf (Rückwärtslaufen), den Sturmlauf (Hinauflaufen auf eine Anhöhe) und den Scheinlauf (Laufen auf der Stelle). Alle konnten als Schnell- oder Dauerlauf und als Lastlauf mit Gepäck oder Lediglauf ohne Gepäck betrieben werden. Den Dauerlauf beschrieb Jahn folgendermaßen: "Beim Wettrennen auf Dauer gebührt dem der Preis, der den weitesten Raum, in der kürzesten Zeit, mit der mindesten Anstrengung zurücklegt und am Ziele unerschöpft bei guten Kräften anlangt."[6] Im Gegensatz zum modernen Sport ließ sich das Dauerlaufen der Turner nicht operationalisieren - wie sollte sich auch messen lassen, ob jemand noch "bei guten Kräften" war? Es war daher unmöglich, Leistungen über den Wettbewerb hinaus zu vergleichen und Rekorde zu erfassen. Jahn vertrat zudem das Prinzip der relativen Leistung, das heißt, Sprungweiten oder -höhen wurden in Bezug zur Körpergröße gewertet.

Turnen war Teil der deutschen Nationalbewegung und Mittel der Nationalerziehung.[7] Die "Pflege vaterländischer Gesinnung" fand auf dem "Thing" des Turnplatzes statt. Dort wurden patriotische Reden gehalten, Lieder gesungen und Gedenkfeiern abgehalten. Schließlich dienten auch die Turnfahrten dem Ziel, das Vaterland kennen und lieben zu lernen. Da Turnen im Dienst der Charakterbildung und der Wehrerziehung stand, wurde es von den preußischen Behörden zumindest zeitweise unterstützt. Auch Jahn betonte die militärische und staatspolitische Brauchbarkeit des Turnens, lehnte soldatischen Drill jedoch grundsätzlich ab. Nach den Befreiungskriegen (1813-1815), an denen die Turner sich unter anderem im Lützowschen Freikorps beteiligt hatten, erfüllten sich die Träume der Patrioten nicht. Bei dem Versuch, ein neues Gleichgewicht in Europa herzustellen und die liberalen Verfassungsbewegungen zu unterdrücken, entstand der aus 39 Einzelstaaten zusammengesetzte Deutsche Bund mit stark restaurativen Tendenzen. Zwar breitete sich das Turnen weiter aus, die politischen Ziele der Turner, die nach wie vor die deutsche Einheit und das politische Mitbestimmungsrecht des Volkes propagierten, erregten jetzt aber den Verdacht der Behörden. 1820 wurde das Turnen durch eine preußische Kabinettsordre verboten, die Turnplätze wurden geschlossen und Jahn, dessen Person und Wirken bis heute kontrovers beurteilt werden, wurde für einige Zeit inhaftiert.

Obwohl der Turnplatz "als Tummelplatz für die gesamte Bevölkerung und als Sammelpunkt des ganzen öffentlichen Lebens gedacht" war,[8] wurde unter der "gesamten Bevölkerung" nur die eine, die männliche Hälfte der Menschheit verstanden. In Jahns "Deutscher Turnkunst", dem Standardwerk der Turner, werden Mädchen und Frauen nicht ein einziges Mal erwähnt. Erst als in den 1830er Jahren, in der Zeit der "Turnsperre", der gesundheitliche Wert der Leibesübungen einen neuen Stellenwert erhielt, wurden die ersten Turnkurse für Mädchen angeboten, nicht zuletzt, weil die Gesundheit des "schwachen Geschlechts" durch Bewegungsarmut bedroht schien.[9]

Auf- und Abschwünge: "Verschulung" und bürgerliche Turnbewegung

1842 wurden die Leibesübungen in Preußen "als ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil der männlichen Erziehung förmlich anerkannt und in den Kreis der Volks-Erziehung aufgenommen".[10] Es war vor allem die Sorge um die Volksgesundheit und um den Offiziersnachwuchs, die dem Turnen den Weg in die höheren Knabenschulen ebnete.[11] Die "Verschulung" des Turnens veränderte seine Ziele, Inhalte und Vermittlungsformen grundlegend: Klettern und Tummeln, volkstümliche Übungen und Spiele hatten in den neu errichteten Schulturnhallen keinen Platz, dafür wurden Freiübungen nach militärischem Kommando, Ordnungsübungen (exerzierähnliche Aufmärsche im Klassenverband) und Reigen (Ordnungsübungen mit Musikbegleitung) eingeführt. Die Werte und Normen des Turnunterrichts entsprachen ebenso wie die Übungen der vom Obrigkeitsstaat geforderten Erziehung zum Untertanen. Auch außerhalb der Schulen erlebte das Turnen einen neuen Aufschwung. Im Vorfeld der bürgerlichen Revolution von 1848/49 entstanden nicht nur zahlreiche Turnvereine, sondern auch erste Turnverbände, die zu einem großen Teil die liberale und demokratische Bewegung unterstützten. Dabei war die Verbindung zwischen Turnen und Politik nicht zwangsläufig: So gab es sowohl "Maulturner", die sich nur politisch engagierten, als auch "Nur-Turner", die Turnen und Politik nicht vermischen wollten.[12] Nach dem Scheitern der Revolution wurden zahlreiche Turnvereine jedoch wieder verboten und ihre Angehörigen politisch verfolgt. Erst in den 1860er Jahren, im Zuge der wiedererstarkten Nationalbewegung, verbreitete sich das Turnen erneut.

Mit der Reichsgründung 1871 war eines der wichtigsten Ziele der Turner verwirklicht. Die 1868 gegründete Deutsche Turnerschaft (DT) stellte sich vorbehaltlos und in vielfältiger Weise in den Dienst des Deutschen Reiches.[13] So betonten die Turner jetzt den wichtigen Beitrag des Turnens zur Wehrerziehung. Drill und die Disziplinierung des Körpers galten "als unsterblicher Schutzgeist unseres Volksheeres", als "unentbehrlicher Bestandteil des Turnens" und als Voraussetzung zur Förderung der Wehrkraft.[14] Haltungen und Bewegungen der Turner, verkörpert in den Massenfreiübungen auf den Turnfesten, symbolisierten die Turnerideologie, die im Einklang mit den herrschenden Denk- und Deutungsmustern auf die Einordnung des Individuums in die Gemeinschaft und deren Ausrichtung auf Gott, Kaiser und Vaterland zielte.[15] Dies gilt allerdings nur für die sogenannte bürgerliche Turnbewegung, die Ende des 19. Jahrhunderts Konkurrenz durch den sozialistisch orientierten Arbeiter-Turnerbund und die jüdische Turnbewegung erhielt.[16]

Während Frauen bis zum Ende der 1880er Jahre vom Turnen ausgeschlossen waren, bestand für Mädchen in eingeschränktem Maße die Möglichkeit, an Turnkursen teilzunehmen. Zudem nahmen manche Schulen, vor allem private höhere Töchterschulen, seit den 1850er Jahren Turnen in ihren Fächerkanon auf. Da Frauen nicht am männlichen Maßstab der Wehrhaftigkeit, Stärke und Überlegenheit gemessen wurden, schien die "körperliche Ertüchtigung des weiblichen Geschlechts" keine allzu große Bedeutung zu haben. Die Übungsauswahl im Mädchenturnen war zudem aufgrund zahlreicher Vorurteile und Vorbehalte äußerst beschränkt. Es galt die Devise: "Kopf oben, Beine unten und geschlossen." Erst gegen Ende des Jahrhunderts wurde die Ineffektivität der Übungen kritisiert und unter dem Motto "Starke werden nur von Starken geboren" eine Reform des Mädchenturnens gefordert.[17]

Turnfeste und Turnprinzipien

Höhepunkte des Turnens waren Feste und Feiern, welche die Gemeinschaft der Turner im eigentlichen und übertragenen Sinne "verkörpern" sollten. So organisierten die Turner schon auf der Hasenheide, aber auch im Vorfeld der 1848er Revolution Feste, bei denen politische Botschaften verkündet, aber auch turnerische Leistungen gezeigt wurden. Turnfeste waren und sind bis heute eine Leistungsschau des Turnens, präsentieren die imagined community der Turnbewegung nach innen und außen und sichern so das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Loyalität ihrer Mitglieder. "Deutsche Turnfeste" finden seit 1860 in der Regel alle vier Jahre statt. Organisiert wurden und werden sie von der DT (bis 1933) bzw. dem 1950 gegründeten Deutschen Turner-Bund (DTB). Auf den Turnfesten wurden alle Register kollektiver Erinnerung gezogen, um die chaotisch erscheinende Masse der Turner zusammenzuschweißen und sie nach innen in einen Bund, nach außen in ein "Turnerheer" zu verwandeln. Mit Hilfe von Symbolen, unter anderem Farben und Fahnen, Jahnbüsten und Eichenlaubkränzen, wurde Teilnehmern und Zuschauern Begeisterung für das Turnen und darüber hinaus für das Vaterland vermittelt. Turnfeste konnten, so der Historiker George Mosse, "die Massen nationalisieren".[18]

Die Übungen und Wettbewerbe auf den Turnfesten verdeutlichten die Prinzipien des Turnens sowie die Unterschiede zwischen Turnen und Sport. So demonstrierte das "Gemeinturnen", bei dem alle Teilnehmer die gleiche Übung turnten, dass der Einzelne als Teil eines Ganzen aufzufassen sei.[19] Dies spiegelte sich auch in den Wettkampfprinzipien wider: Sowohl bei den Vorführungen von Musterriegen als auch bei den Massenfreiübungen mit Zigtausenden Teilnehmern kam es nicht auf Höchstschwierigkeiten, sondern vor allem auf die "richtige" Haltung und das Gleichmaß der Ausführung an.

Turnen erhält Konkurrenz - Sport wird modern

Mit der von England ausgehenden Verbreitung des modernen Sports erhielt das Turnen schon früh Konkurrenz. Die mit der Aufklärung und Industrialisierung verbundenen Normen, Werte und Strukturen, unter anderem rationales Denken, technischer Fortschritt, abstrakte Zeitordnung und eine auf Kapitalakkumulation ausgerichtete Ökonomie, spiegelten sich in dem auf Wettkampf, Überbietung und Rekorde ausgerichteten Konzept der Bewegungskultur wider.[20] Vor allem das Streben nach Rekorden prägt das Sportsystem in spezifischer Weise. Um die Vergleichbarkeit von Leistungen auch über den Wettkampf hinaus zu gewährleisten, müssen Geräte und Strecken normiert und standardisiert, Regeln festgelegt, Leistungen möglichst genau gemessen und registriert werden. Dies wiederum zog eine Institutionalisierung des Sports, die Gründung von nationalen und internationalen Verbänden, nach sich. Folgen des Strebens nach unbegrenzter Leistungssteigerung sind ständige Ausweitung und Optimierung des Trainings, Verbesserung von Technik und Taktik, gezielte Selektion von sportlichen Talenten, Spezialisierung, Verwissenschaftlichung, Professionalisierung und Kommerzialisierung. Einer sportimmanenten Logik folgen schließlich auch die Versuche, die Leistungen durch medizinische und psychologische Beeinflussungen zu steigern.

In Deutschland begann der Siegeszug des Sports Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Import einiger wichtiger Sportarten, vor allem des Fußballs. Gleichzeitig verbreiteten sich die Logik des Sports und seine Prinzipien. Zahlreiche Übungen und Spiele des Turnens, vom Faustballspiel bis hin zu den volkstümlichen, athletischen Übungen, wurden "versportlicht".[21] Die DT lehnte den Sport aufgrund seiner "undeutschen" Wurzeln und seiner internationale Ausrichtung ab. Im Mittelpunkt der Kritik stand jedoch die Wettkampf-, Leistungs- und Rekordorientierung, die nicht nur nutz- und sinnlos, sondern auch aufgrund von Verletzungen und Überanstrengung eine Gefahr für Leib und Leben der Beteiligten sei. Abgelehnt wurde von den Turnern auch die im Sport notwendige Spezialisierung mit dem Argument, dass die "einseitige Leistungssucht" nicht der rechte Weg sei, "um Körper und Geist den größten und nachhaltigsten Nutzen zu verschaffen".[22] Aus der Perspektive der Turner war die sportliche, ausschließlich auf Leistungsoptimierung ausgerichtete Bewegungsausführung zudem "unrichtig" und unästhetisch. So entrüstete sich der Gymnasiallehrer Karl Planck in seiner Kampfschrift gegen die "Fußlümmelei" darüber, dass der "Hundstritt" geübt und der Sieger darin mit hohen Preisen ausgezeichnet werde.[23]

Die Anhänger des Sports wiesen die erwähnten Vorwürfe zurück und konterten ihrerseits mit Angriffen auf das Turnen, dem sie Ineffektivität, Deutschtümelei, Spießbürgerlichkeit und Kneipenseligkeit vorwarfen. In einem Punkt waren sich die "verfeindeten Brüder" allerdings einig, nämlich in ihrer Kritik am Professionalismus, am Sporttreiben um des "Broderwerbs" willen.[24] Allerdings konnten sich die Turner, mit Ausnahme einiger hartgesottener Funktionäre, der Faszination des Sports nicht entziehen. Zunehmend wurden in den Turnvereinen die Prinzipien des Sports übernommen und verschiedene Sportarten angeboten. Auch das Turnen an Geräten orientierte sich zunehmend am Prinzip der unbegrenzten Leistungssteigerung. Diesem Trend wurde nur im Frauenturnen bis in die 1960er Jahre Widerstand geleistet. So entsandte der DTB wegen der geforderten Höchstleistungen von 1954 bis 1961 keine Teilnehmerinnen zu internationalen Wettbewerben. Heute ist selbst die Frauengymnastik, die in den 1920er Jahren die Qualität der Bewegung, die Bildung des Körpers und die Erziehung des Menschen betonte, zu einer Wettkampfsportart geworden.[25]

Turnfest 1913

Ein gutes Beispiel für die Haltung der Turner in der Vorkriegszeit ist das 12. Deutsche Turnfest 1913 in Leipzig. Es stand ganz im Zeichen der Völkerschlacht, die 100 Jahre zuvor vor den Toren der Stadt stattgefunden hatte und seit 1814 als Signal der Befreiung Deutschlands interpretiert wurde. Die Erinnerung an die Schlacht prägte die Festzeitung, die in zahlreichen Beiträgen, Gedichten, Aufrufen und Abbildungen den Sieg über die Franzosen und die Rolle der Turner in den Befreiungskriegen beschwor. Auch im Festzug wurde die Erinnerung an 1813 symbolisch präsentiert: Die Musiker, die an der Spitze eines der beiden Züge marschierten, trugen die Uniformen der Lützowschen Jäger. Die Massenfreiübungen, an denen 17000 (ausschließlich männliche) Turner teilnahmen, sollten ebenfalls die Wehrbereitschaft signalisierten. Erstmals wurde auf einem Turnfest Militärturnen gezeigt.[26]

Wenige Monate nach dem Turnfest wurde mit der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals, eines bombastischen Erinnerungsortes voller kriegerischer und nationaler Symbole, das 100-jährige Jubiläum der Schlacht gefeiert. Die Turner beteiligten sich an dieser Feier mit einem Eilbotenlauf, der auf neun verschiedenen Strecken sternförmig durch ganz Deutschland nach Leipzig führte. Die Bilder, Reden und Rituale des Turnfestes von 1913 rufen heute unwillkürlich Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg wach. Allzu schnell wurde der Spruch: "Es ist der schönste Tod fürs Vaterland zu sterben", grausame Realität.

1933 begrüßte die Turnerschaft die Machtübernahme der Nationalsozialisten und strebte - vergeblich - die Führung im deutschen Sport an. Mit der Neuordnung des Sportsystems wurde die DT zum Fachamt "degradiert" und 1936 aufgelöst.

Frauen im Turnen und Sport

Turnen und Sport wurden von Männern für Männer entwickelt und dienten der Präsentation männlicher Leistungsfähigkeit. Vor, aber auch noch nach dem Ersten Weltkrieg stießen Frauen bei ihren Bestrebungen, am Sport teilzunehmen, auf zahlreiche Probleme und Barrieren. Selbst die Leichtathletik galt als Männersache, denn: "Der Kampf gebührt dem Mann, der Natur des Weibes ist er wesensfremd."[27] Schwimmen galt als gesund, warf aber moralische Bedenken auf, obwohl die Schwimmkostüme nur wenig Haut unbedeckt ließen. Bei allen Sportarten, besonders aber beim Rad- und beim Skifahren, erwies sich der obligatorische Rock als entscheidendes Hemmnis. Es waren vor allem ästhetische Normen, denen sich Frauen in Gesellschaft und Sport unterwerfen mussten. Daher wurden Frauen beispielsweise im Rudern nur zu Wettbewerben im Stilrudern zugelassen, bei denen es nicht auf die Geschwindigkeit, sondern nur auf die Bewegungsausführung ankam.

Im Frauenturnen setzte sich nach langen Auseinandersetzungen die Hose durch, den Kampf um die Mitgliederrechte und die Beteiligung auswärtiger Turnerinnen an Turnfesten gewannen die Frauen allerdings erst in der Weimarer Republik. Mit der wachsenden Akzeptanz der Frauenerwerbstätigkeit und der beginnenden Integration der Frauen in die Leistungsgesellschaft nahm in den 1920er Jahren dann auch die Beteiligung von Frauen am Leistungssport und an Turnwettkämpfen zu. 1928 wurde das Frauenturnen als Mannschaftsmehrkampf schließlich olympisch.

Turnen heute - Resümee und Ausblick

In den vergangenen Jahrzehnten hat Turnen einen entscheidenden Bedeutungswandel erfahren - Turnen ist nicht mehr eine umfassende Bewegungskultur, sondern wird in den Köpfen vieler Menschen auf akrobatische Übungen an Geräten reduziert. Nur die Begriffe "Turnhalle" und "Turnschuh" lassen die breite Ausrichtung des Turnens noch erahnen. Der DTB hat sich seit langem von der national-deutschen Orientierung seiner Vorgängerorganisation distanziert und richtet anstelle des "Deutschen" das "Internationale Deutsche Turnfest" aus. Mit etwa fünf Millionen Mitgliedern ist der DTB der größte Freizeitsportverband, mit fast vier Millionen Mädchen und Frauen die größte Frauensportorganisation in Deutschland. Durch viele spezialisierte Angebote werden die Bedürfnisse diverser Zielgruppen bedient, von Kindern bis zu Seniorinnen. Der eindrucksvolle Wandel der Turnbewegung, zeigt sich auch an den Turnfesten. Heute prägen Frauen und Mädchen das Bild dieser Großveranstaltungen, an denen jeweils etwa 100000 Menschen aktiv teilnehmen. Die Frage, die sich hier bald für die Turnbewegung insgesamt stellen wird, lautet: Wo sind die Männer?

Der Streifzug durch die deutsche Sportgeschichte hat die Abhängigkeit der Körper- und Bewegungskultur von den jeweiligen gesellschaftlichen Werten und Normen, Strukturen und Bedingungen deutlich gemacht. So entwickelte sich das Gymnastikkonzept der Philanthropen aus den Denkmustern und Idealen der Aufklärung; das Turnen mit seiner Ausrichtung auf Volkserziehung und Wehrhaftigkeit war dagegen Teil der deutschen Nationalbewegung; die "Verschulung" des Turnens und ihre Folgen - Systematisierung des Stoffes und Disziplinierung der Schüler - waren untrennbar mit den Vorstellungen des Obrigkeitsstaates verbunden. Während das Turnen im Kaiserreich Werte wie Brauchbarkeit, Gemeinschaft, "richtige" Haltung und nationale Orientierung betonten und ein eher statisches Gesellschaftskonzept vertraten, vermittelt der Sport mit seinen Prinzipien der formalen Chancengleichheit, der Überbietung und des Rekords den Anschein unbegrenzter Dynamik, Mobilität und Modernität und entspricht damit den Werten und Normen der Leistungs- und Industriegesellschaft. Heute boomen mit Risiko und Abenteuer verbundene Aktivitäten, Sportangebote, die Fitness oder wellbeing versprechen, oder auch die Sportarten der "oberen Zehntausend". Ebenso populär sind verschiedene Trendsportarten, die alle einen spezifischen Lebensstil signalisieren. Viele Zeitgenossen mögen diese gegenwärtige Sportkultur für selbstverständlich halten, der Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch, dass die Bewegungskultur ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft ist und sich mit ihr wandelt.
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Fußnoten

1.
Vgl. Josef Ulfkotte, GutsMuths und Jahn: Wegbereiter der modernen Bewegungskultur in Deutschland, in: Annette Hofmann (Hrsg.), 200 Jahre Turnbewegung, Füssen 2011 (i.E.); Gertrud Pfister, Cultural Confrontations: German Turnen, Swedish Gymnastics and English Sport, in: Culture, Sport, Society, (2003) 1.
2.
Vgl. Gertrud Pfister, Physical Activity in the Name of the Fatherland: Turnen and the National Movement (1810-1820), in: Sporting Heritage, (1996) 1, 14-36.
3.
Vgl. Edmund Neuendorff, Geschichte der neueren deutschen Leibesübungen. Bd. 2: Jahn und seine Zeit, Dresden 1931; G. Pfister (Anm. 1).
4.
Vgl. E. Neuendorff (Anm. 3), S. 304
5.
Eine genaue Beschreibung des Turnplatzes findet sich in: ebd., S. 133ff.
6.
Friedrich Ludwig Jahn/Ernst Eiselen, Die deutsche Turnkunst, Berlin 1816.
7.
Vgl. Michael Krüger, Körperkultur und Nationsbildung, Schorndorf 1996; Dieter Düding, Organisierter gesellschaftlicher Nationalismus in Deutschland, München 1984.
8.
Horst Ueberhorst, Zurück zu Jahn? Gab es kein besseres Vorwärts?, Bochum 1969, S. 45.
9.
Vgl. Gertrud Pfister, Frauen in der Turnbewegung, in: A. Hofmann (Anm. 1).
10.
Königliche Cabinettsordre vom 6.6.1842, zit. in: Ludwig Adolf Wiese (Hrsg.), Das Höhere Schulwesen in Preussen, Berlin 1864, S. 32.
11.
Vgl. Michael Krüger, Leibeserziehung im 19. Jahrhundert, Schorndorf 20052; Christa Kleindienst-Cachay, Die Verschulung des Turnens, Schorndorf 1980.
12.
Vgl. Hannes Neumann, Die deutsche Turnbewegung in der Revolution 1848/49 und in der amerikanischen Emigration, Schorndorf 1968.
13.
Vgl. Michael Krüger, Turnen zur Zeit der Reichsgründung und in der Kaiserzeit, in: A. Hofmann (Anm. 1).
14.
So Moritz Kloss, der Leiter der Turnlehrerbildungsanstalt in Dresden, zit. nach: Jahrbücher der deutschen Turnkunst, (1876) 21, S. 146.
15.
Vgl. M. Krüger (Anm. 7).
16.
Vgl. Hans Joachim Teichler, "Frisch, frei, stark und treu": Vom Arbeiterturnerbund zum Arbeiter-, Turn- und Sportbund, in: A. Hofmann (Anm. 1); Toni Niewerth et al. (Hrsg.), Jüdischer Sport und Jüdische Gesellschaft, Berlin 2010.
17.
Vgl. Gertrud Pfister/Hans Langenfeld, Die Leibesübungen für das weibliche Geschlecht - ein Mittel zur Emanzipation der Frau?, in: Horst Ueberhorst (Hrsg.), Geschichte der Leibesübungen, Bd. 3/1, Berlin u.a. 1980, S. 485-521.
18.
George Mosse, Die Nationalisierung der Massen, Frankfurt-Berlin 1976.
19.
Vgl. Carl Euler, Encyklopädisches Handbuch des gesamten Turnwesen und der verwandten Gebiete, Bd. 1, Wien 1894, S. 369.
20.
Vgl. G. Pfister (Anm. 1).
21.
Vgl. Hajo Bernett, Die "Versportlichung" des Spiels - dargestellt am Exempel der Entwicklung des Faustballspiels, in: Sportwissenschaft, (1984) 14, S. 141-165.
22.
Deutsche Turnzeitung, (1909) 54, S. 869.
23.
Vgl. Karl Planck, Fußlümmelei. Über Stauchballspiel und englische Krankheit, Stuttgart 1898.
24.
Als einen der wichtigsten Verfechter des Amateurideals vgl. Carl Diem, Wesen und Lehre des Sports und der Leibeserziehung, Berlin 1960.
25.
Vgl. G. Pfister (Anm. 9).
26.
Vgl. Gertrud Pfister, Die deutschen Turnfeste 1861 in Berlin und 1913 in Leipzig im Spiegel ihrer Erinnerungsorte, in: Stadion, (2007) 33, S. 49-69.
27.
Karl Ritter von Halt, u.a. Leichtathlet und Sportfunktionär, zit. nach: G. Pfister (Anm. 9).

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

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