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12.4.2011 | Von:
Sabine Radtke

Inklusion von Menschen mit Behinderung im Sport

Von der Segregation zur Integration zur Inklusion

In den 1950er und 1960er Jahren hatte noch eine klare Trennung der Sportaktivitäten von Menschen mit und ohne Behinderung bestanden. Integrative Ansätze im Sport wurden erstmals ab Mitte der 1970er Jahre diskutiert, mit dem Ziel, Freizeitsportangebote für das gemeinsame Sporttreiben von Menschen mit und ohne Behinderung zu schaffen, um Berührungsängste abzubauen und soziale Integration voranzutreiben.[6] Zu dieser Zeit wurden viele integrative Modellprojekte ins Leben gerufen (so zum Beispiel das Göttinger Modell, das Paderborner und das Würzburger Familiensportmodell sowie die Hamburger Gruppe Sportomnibus City-Nord/Multisport City-Nord), die sich im Laufe der Zeit entweder als Abteilungen in Regelsportvereinen oder als eigene Integrationssportvereine weiterentwickelten. Bis heute gibt es zahlreiche Beispiele der Organisation integrativer Spiel- und Sportfeste, wobei die umfassende Einbindung von Menschen mit Behinderung (zumal von Menschen mit schwerer Mehrfachbehinderung) in das soziale Gesamtgeschehen oft noch als Herausforderung empfunden wird.[7] Festzuhalten bleibt, dass Segregation und Integration keine klar gegeneinander abzugrenzenden Phasen sind, sondern dass gegenwärtig beide parallel nebeneinander bestehen.

Im Zusammenhang mit den Begriffen "Integration" und "Inklusion" fallen zwei Dinge auf. Erstens wird der ältere Integrationsbegriff im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs fast ausschließlich im Hinblick auf Menschen mit Migrationshintergrund gebraucht. So startete der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) - damals noch als Deutscher Sportbund (DSB) - vor über 20 Jahren seine "Sport für alle"-Initiative, die sich jedoch bis heute in erster Linie auf Menschen mit Migrationshintergrund bezieht. Zweitens fällt auf, dass im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch der neuere Begriff "Inklusion" noch wenig verankert ist bzw. synonym zum Integrationsbegriff verwendet wird.[8] Wichtig ist jedoch hervorzuheben, dass es hier eine klare Abgrenzung bzw. Weiterentwicklung gibt.

Im Zuge eines Integrationsprozesses wird ein Individuum (einer sozialen Randgruppe) in ein bestehendes System aufgenommen, welches ursprünglich nicht analog seiner Bedürfnisse konzipiert worden ist; infolgedessen muss dieses Individuum aus eigener Kraft versuchen, sich an das bestehende System mit seinen kulturellen Standards anzupassen. So lautet in Bezug auf den Integrationsprozess im Handlungsfeld Sport die Frage: Was muss eine sportinteressierte Person mit Behinderung tun, um an einem bestehenden (Regel)Sportangebot teilnehmen zu können? Im Gegensatz dazu erfordert der inklusive Ansatz weniger einen Anpassungsprozess auf individueller Ebene als vielmehr einen Veränderungsprozess auf institutioneller Ebene. Insofern muss im Rahmen des Inklusionsprozesses der Frage nachgegangen werden, wie Sportangebote auf allen Ebenen (Breiten-, Schul- und Spitzensport) gestaltet sein müssen, um die Teilhabe aller Mitglieder einer heterogenen Gesellschaft mit all ihren vielfältigen sozialen Merkmalen zu ermöglichen.

Fußnoten

6.
Parallele Entwicklungen waren im Bildungsbereich zu verzeichnen; neben den bestehenden Schulen mit unterschiedlichen sonderpädagogischen Förderschwerpunkten entstanden auf Initiative engagierter Eltern vereinzelt Pilotprojekte zur integrativen Beschulung. Vgl. Fred Ziebarth, Gelingensbedingungen für eine inklusive Pädagogik, in: Sonderpädagogik in Berlin, (2010) 2, S. 5-10.
7.
Vgl. Friedhelm Fediuk, Sport in heterogenen Gruppen. Integrative Prozesse in Sportgruppen mit behinderten und benachteiligten Menschen, Aachen 2008.
8.
Im Gegensatz dazu wurde der Begriff inclusion in den angloamerikanischen Ländern bereits in den 1990er Jahren in Abgrenzung zu mainstreaming und integration verwendet. Zum Inklusionsbegriff im fachwissenschaftlichen Diskurs in Deutschland vgl. z.B. Alfred Sander, Konzepte einer inklusiven Pädagogik, in: Zeitschrift für Heilpädagogik, (2004) 5, S. 240-244.

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