APUZ Dossier Bild

12.4.2011 | Von:
Sabine Radtke

Inklusion von Menschen mit Behinderung im Sport

Pädagogik der Vielfalt und UN-Behindertenrechtskonvention

Im wissenschaftlichen Diskurs wird der Inklusionsbegriff seit Anfang der 1990er Jahre verwendet. Einen entscheidenden Impuls hierfür lieferte die Salamanca-Deklaration,[9] welche die Forderung nach einer inklusiven Leitrichtung für Erziehungs- und Bildungseinrichtungen beinhaltet. Inklusion wird dabei im Sinne einer Pädagogik der Vielfalt verstanden, die aus drei pädagogischen bzw. sozialen Bewegungen hervorgegangen ist: der Interkulturellen Pädagogik, der Feministischen Pädagogik sowie der Integrativen Pädagogik.[10]

Die Pädagogik der Vielfalt findet sich auch im aktuell viel diskutierten diversity-Ansatz wieder, dessen Ziel es ist, Menschen mit all ihren Unterschieden (Behinderung, Geschlecht, ethnisch-kulturelle Prägung, Alter, Religion/Weltanschauung) im gesellschaftlichen Kontext zu berücksichtigen, einzubeziehen und daraus folgend als Ganzes von dieser Vielfalt zu profitieren.[11] Im Sinne des auf dem Potenzial-Prinzip beruhenden diversity-Ansatzes wird eine Behinderung nicht mehr als ein Gesundheitsproblem und damit als ein Defizit der betroffenen Person betrachtet, das der medizinischen Korrektur mit dem Ziel der Anpassung an die gesellschaftliche Norm bedarf.[12] Stattdessen thematisiert die Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO von 2001 (International Classification of Functioning, Disability and Health, ICF), die auch als bio-psycho-soziales Modell[13] der Komponenten von Gesundheit/Funktionsfähigkeit beschrieben wird, einerseits die gesellschaftliche Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung und stellt andererseits die Ressourcen auf der Ebene der Individuen in den Vordergrund der Betrachtung. Jede Form körperlicher, seelischer, geistiger oder Sinnesbeeinträchtigung wird als normaler Bestandteil menschlichen Lebens und menschlicher Gesellschaft ausdrücklich bejaht und darüber hinaus als Quelle kultureller Bereicherung wertgeschätzt.

Das im Dezember 2006 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) verabschiedete Übereinkommen über die Rechte der Menschen mit Behinderungen zur gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe trat in Deutschland nach Ratifizierung durch Bundestag und Bundesrat im März 2009 in Kraft. Artikel 30 (5) der Konvention beinhaltet unter dem Titel "Teilhabe am kulturellen Leben sowie Erholung, Freizeit und Sport" die Forderung nach der gleichberechtigten Teilnahme an Sportaktivitäten auf allen Ebenen. Mit der rechtsverbindlichen Verankerung der Konvention sind alle gesellschaftlichen Kräfte, und so auch der Sport, gefordert, sowohl auf institutioneller als auch auf personeller Ebene entsprechende Grundvoraussetzungen für den Inklusionsprozess zu schaffen.

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) sowie Special Olympics Deutschland (SOD) haben vor Kurzem entsprechende Positionspapiere zum Thema veröffentlicht. Doch während DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher betont, dass es neben den inklusiven Sportaktivitäten auch weiterhin "spezifische Angebote für Menschen mit Behinderung in geschützten Räumen"[14] geben müsse, argumentieren andere, dass ein im Sinne der Pädagogik der Vielfalt inklusiv orientiertes Sportsystem derartige Schutzräume von vornherein überflüssig mache.

Fußnoten

9.
Vgl. UNESCO, The Salamanca Statement and Framework for Action on Special Needs Education, Salamanca 1994, online: www.unesco.org/education/pdf/SALAMA_E.PDF (8.3.2011).
10.
Vgl. Annedore Prengel, Pädagogik der Vielfalt, Wiesbaden 20063.
11.
Vgl. Michael Stuber, Diversity. Das Potenzial-Prinzip. Ressourcen aktivieren - Zusammenarbeit gestalten, Köln 20092.
12.
Dem medizinischen Modell steht das soziale Modell von Behinderung (social model of disability) gegenüber, das den Behinderungsbegriff als gesellschaftlich verursachte Ausgrenzung von Menschen definiert. In diesem Zusammenhang steht die viel zitierte Aussage: "Behindert ist man nicht, behindert wird man." Vgl. z.B. Marianne Buggenhagen, Ich bin von Kopf bis Fuß auf Leben eingestellt, Berlin 20012.
13.
Vgl. F. Fediuk (Anm. 7), S. 24f.
14.
Julius Beucher anlässlich der Veröffentlichung des DBS-Positionspapiers zur UN-Behindertenrechtskonvention, 27.11.2010, online: www.dbs-npc.de/DesktopDefault.aspx?dummy=true¢ermoduleid=581&multiid=3610&lm=true&dm=true&teasergrossmaxbreite=400&teasergrossmaxhoehe=300 (8.3.2011).

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

Fußball - mehr als ein Spiel

Innerhalb weniger Jahrzehnte ist der moderne Fußball zu einer bedeutsamen und populären Sportart geworden, die weltweit Millionen von Menschen fasziniert. Die Geschichte des Fußballs, seine Fans, aber auch sein Stellenwert für Politik, Wirtschaft und Medien sind Thema dieses Heftes.

Mehr lesen