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12.4.2011 | Von:
Sabine Radtke

Inklusion von Menschen mit Behinderung im Sport

Die flächendeckende Umsetzung des Inklusionsgedankens in allen Handlungs­feldern des Sports liegt in weiter Ferne. Dabei ist die UN-Behindertenrechtskonvention seit 2009 auch in Deutschland rechtsverbindlich verankert.

Einleitung

Erste Szene: Die südafrikanische Schwimmerin Natalie du Toit nahm bereits im Alter von 14 Jahren an den Commonwealth Games 1998 teil. Im Alter von 17 Jahren musste ihr infolge eines Unfalls das linke Bein vom Knie abwärts amputiert werden. Im darauffolgenden Jahr siegte sie bei den Commonwealth Games in zwei Wettbewerben für Sportlerinnen mit Behinderung. Darüber hinaus qualifizierte sie sich für das Finale über 800 Meter Freistil der Schwimmerinnen ohne Behinderung. 2008 qualifizierte sie sich bei den Weltmeisterschaften im Langstreckenschwimmen über zehn Kilometer für die Olympischen Spiele in Peking. Dort war sie bei der Eröffnungsfeier Fahnenträgerin der südafrikanischen Mannschaft und belegte den 16. Platz in ihrer Disziplin. Im Anschluss an die Olympischen Spiele nahm sie an den Paralympischen Spielen in Peking teil und gewann insgesamt fünf Goldmedaillen.

Zweite Szene: 18 Schülerinnen und Schüler mit und ohne intellektuelle Beeinträchtigung treffen sich einmal wöchentlich zum gemeinsamen Fußballspielen unter der Leitung eines Trainers des örtlichen Sportvereins. Begeistert nehmen die Kinder, die eine Förderschule und eine Regelschule in Rheinland-Pfalz besuchen, an regelmäßig stattfindenden inklusiven Fußballturnieren teil. Damit sind sie Teil von "FußballFREUNDE", einer Initiative, die 2010 von Special Olympics Deutschland (SOD) und der DFB-Stiftung Sepp Herberger mit dem Ziel gestartet wurde, die gesellschaftliche Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen zu fördern und bestehende Barrieren abzubauen.

In diesem Artikel soll der Frage nachgegangen werden, ob es sich bei diesen zwei Szenen aus dem Spitzen- bzw. Freizeitsport, die das gemeinsame Sporttreiben von Menschen mit und ohne Behinderung[1] beschreiben, um Paradebeispiele der gesellschaftlichen Realität im Jahr 2011 oder doch eher um Ausnahmesituationen handelt.

Chancen der gleichberechtigten Teilhabe

Die Chancen, die mit der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Sport einhergehen, sind unbestritten und in der Literatur eingehend diskutiert. Sportliche Aktivität trägt zur Steigerung des körperlichen sowie psychischen Wohlbefindens bei. Sowohl die motorische als auch die kognitive Leistungsfähigkeit wird durch Bewegungsaktivitäten geschult und gefördert, was wiederum im Alltag dem Aktivitätsspektrum, der Autonomie und damit der sozialen Interaktion von Menschen mit Behinderung zugute kommt. Ihr Vertrauen in die eigene Kompetenz, den Alltag durch gesteigerte Mobilität selbstständig gestalten zu können, erhöht ihr Selbstkonzept und damit ihre allgemeine Lebensqualität.[2] Im Hinblick auf das gemeinsame Sporttreiben von Menschen mit und ohne Behinderung wurden für alle Beteiligten Effekte im sozial-affektiven Bereich nachgewiesen, wie zum Beispiel Abbau von Vorurteilen, Berührungsängsten und allgemeiner sozialer Distanz sowie Zunahme von Akzeptanz, Toleranz und Kooperation.[3]

Obwohl in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft Vorstöße in Richtung der gleichberechtigten Teilhabe an Sportaktivitäten von Menschen mit Behinderungen unternommen wurden (Grundgesetzänderung, Angebote auf der Ebene des Breitensports, in Ansätzen barrierefreier Sportstättenbau), sind noch erhebliche Anstrengungen vonnöten, bevor von einer tatsächlichen, alle Teilbereiche des Sports - vom Breiten- und Freizeit- über den Schul- bis zum Spitzensport - betreffenden gelungenen Inklusion zu sprechen ist. Um die aktuelle gesellschaftliche Realität einordnen zu können, empfiehlt es sich, zunächst die historischen Stationen des Behindertensports zu betrachten.

Vom Versehrtensport zum Behindertensport

Der Sport von Menschen mit Behinderungen kann in Deutschland auf eine lange Geschichte zurückblicken. Als Geburtsstunde des organisierten Behindertensports wird die Gründung des ersten Gehörlosen-Sportvereins im Jahr 1888 angesehen. Im Zuge des Ersten und Zweiten Weltkriegs und der damit einhergehenden hohen Anzahl verwundeter Soldaten erreichte die Ausbreitung des Behindertensports eine neue Dimension. Die "systematische Bewegungstherapie"[4] wurde als Heilmaßnahme für Kriegsversehrte in den Lazaretten entwickelt. Schon früh wurde dabei auf die psycho-sozialen Effekte sportlicher Betätigung gesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten Kriegsversehrte nach Möglichkeiten, weiterhin Sport treiben zu können. Auf der einen Seite modifizierten sie traditionelle Sportarten und -spiele und passten sie an ihre Fähigkeiten an, auf der anderen Seite entwickelten sie neue Bewegungsformen und -techniken, die "versehrtensporteigentümlichen Übungen".[5] 1951 bzw. 1957 kam es mit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Versehrtensport (ADV, 1951) sowie des Deutschen Versehrtensportverbandes (DVS, 1957) zum Aufbau erster Verbandsstrukturen im deutschen Behindertensport.

Während in den 1950er Jahren männliche Kriegsversehrte in den Vereinen dominierten, differenzierte sich die Mitgliederstruktur mit der Zeit zusehends in Hinblick auf Geschlecht, Lebensalter und Art der Behinderung. Fortan nahmen weniger Kriegsinvaliden als vielmehr Menschen mit angeborener oder durch Unfall bzw. Krankheit erworbener Behinderung an Sportaktivitäten teil. Die Beteiligten unterschieden sich unter anderem bezüglich ihrer motorischen und kognitiven Voraussetzungen, ihrer Selbstständigkeit, ihres Selbstkonzeptes sowie ihrer Motivation zum Sporttreiben, sodass eine Differenzierung der Sportangebote erforderlich wurde. Mit der Umbenennung des Dachverbands für den Sport von Menschen mit Behinderung in Deutscher Behindertensportverband (DBS) verschoben sich die Inhalte des ursprünglichen Versehrtensports in Richtung Rehabilitations-, Breiten- und Leistungssport.

Von der Segregation zur Integration zur Inklusion

In den 1950er und 1960er Jahren hatte noch eine klare Trennung der Sportaktivitäten von Menschen mit und ohne Behinderung bestanden. Integrative Ansätze im Sport wurden erstmals ab Mitte der 1970er Jahre diskutiert, mit dem Ziel, Freizeitsportangebote für das gemeinsame Sporttreiben von Menschen mit und ohne Behinderung zu schaffen, um Berührungsängste abzubauen und soziale Integration voranzutreiben.[6] Zu dieser Zeit wurden viele integrative Modellprojekte ins Leben gerufen (so zum Beispiel das Göttinger Modell, das Paderborner und das Würzburger Familiensportmodell sowie die Hamburger Gruppe Sportomnibus City-Nord/Multisport City-Nord), die sich im Laufe der Zeit entweder als Abteilungen in Regelsportvereinen oder als eigene Integrationssportvereine weiterentwickelten. Bis heute gibt es zahlreiche Beispiele der Organisation integrativer Spiel- und Sportfeste, wobei die umfassende Einbindung von Menschen mit Behinderung (zumal von Menschen mit schwerer Mehrfachbehinderung) in das soziale Gesamtgeschehen oft noch als Herausforderung empfunden wird.[7] Festzuhalten bleibt, dass Segregation und Integration keine klar gegeneinander abzugrenzenden Phasen sind, sondern dass gegenwärtig beide parallel nebeneinander bestehen.

Im Zusammenhang mit den Begriffen "Integration" und "Inklusion" fallen zwei Dinge auf. Erstens wird der ältere Integrationsbegriff im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs fast ausschließlich im Hinblick auf Menschen mit Migrationshintergrund gebraucht. So startete der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) - damals noch als Deutscher Sportbund (DSB) - vor über 20 Jahren seine "Sport für alle"-Initiative, die sich jedoch bis heute in erster Linie auf Menschen mit Migrationshintergrund bezieht. Zweitens fällt auf, dass im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch der neuere Begriff "Inklusion" noch wenig verankert ist bzw. synonym zum Integrationsbegriff verwendet wird.[8] Wichtig ist jedoch hervorzuheben, dass es hier eine klare Abgrenzung bzw. Weiterentwicklung gibt.

Im Zuge eines Integrationsprozesses wird ein Individuum (einer sozialen Randgruppe) in ein bestehendes System aufgenommen, welches ursprünglich nicht analog seiner Bedürfnisse konzipiert worden ist; infolgedessen muss dieses Individuum aus eigener Kraft versuchen, sich an das bestehende System mit seinen kulturellen Standards anzupassen. So lautet in Bezug auf den Integrationsprozess im Handlungsfeld Sport die Frage: Was muss eine sportinteressierte Person mit Behinderung tun, um an einem bestehenden (Regel)Sportangebot teilnehmen zu können? Im Gegensatz dazu erfordert der inklusive Ansatz weniger einen Anpassungsprozess auf individueller Ebene als vielmehr einen Veränderungsprozess auf institutioneller Ebene. Insofern muss im Rahmen des Inklusionsprozesses der Frage nachgegangen werden, wie Sportangebote auf allen Ebenen (Breiten-, Schul- und Spitzensport) gestaltet sein müssen, um die Teilhabe aller Mitglieder einer heterogenen Gesellschaft mit all ihren vielfältigen sozialen Merkmalen zu ermöglichen.

Pädagogik der Vielfalt und UN-Behindertenrechtskonvention

Im wissenschaftlichen Diskurs wird der Inklusionsbegriff seit Anfang der 1990er Jahre verwendet. Einen entscheidenden Impuls hierfür lieferte die Salamanca-Deklaration,[9] welche die Forderung nach einer inklusiven Leitrichtung für Erziehungs- und Bildungseinrichtungen beinhaltet. Inklusion wird dabei im Sinne einer Pädagogik der Vielfalt verstanden, die aus drei pädagogischen bzw. sozialen Bewegungen hervorgegangen ist: der Interkulturellen Pädagogik, der Feministischen Pädagogik sowie der Integrativen Pädagogik.[10]

Die Pädagogik der Vielfalt findet sich auch im aktuell viel diskutierten diversity-Ansatz wieder, dessen Ziel es ist, Menschen mit all ihren Unterschieden (Behinderung, Geschlecht, ethnisch-kulturelle Prägung, Alter, Religion/Weltanschauung) im gesellschaftlichen Kontext zu berücksichtigen, einzubeziehen und daraus folgend als Ganzes von dieser Vielfalt zu profitieren.[11] Im Sinne des auf dem Potenzial-Prinzip beruhenden diversity-Ansatzes wird eine Behinderung nicht mehr als ein Gesundheitsproblem und damit als ein Defizit der betroffenen Person betrachtet, das der medizinischen Korrektur mit dem Ziel der Anpassung an die gesellschaftliche Norm bedarf.[12] Stattdessen thematisiert die Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO von 2001 (International Classification of Functioning, Disability and Health, ICF), die auch als bio-psycho-soziales Modell[13] der Komponenten von Gesundheit/Funktionsfähigkeit beschrieben wird, einerseits die gesellschaftliche Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung und stellt andererseits die Ressourcen auf der Ebene der Individuen in den Vordergrund der Betrachtung. Jede Form körperlicher, seelischer, geistiger oder Sinnesbeeinträchtigung wird als normaler Bestandteil menschlichen Lebens und menschlicher Gesellschaft ausdrücklich bejaht und darüber hinaus als Quelle kultureller Bereicherung wertgeschätzt.

Das im Dezember 2006 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) verabschiedete Übereinkommen über die Rechte der Menschen mit Behinderungen zur gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe trat in Deutschland nach Ratifizierung durch Bundestag und Bundesrat im März 2009 in Kraft. Artikel 30 (5) der Konvention beinhaltet unter dem Titel "Teilhabe am kulturellen Leben sowie Erholung, Freizeit und Sport" die Forderung nach der gleichberechtigten Teilnahme an Sportaktivitäten auf allen Ebenen. Mit der rechtsverbindlichen Verankerung der Konvention sind alle gesellschaftlichen Kräfte, und so auch der Sport, gefordert, sowohl auf institutioneller als auch auf personeller Ebene entsprechende Grundvoraussetzungen für den Inklusionsprozess zu schaffen.

Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) sowie Special Olympics Deutschland (SOD) haben vor Kurzem entsprechende Positionspapiere zum Thema veröffentlicht. Doch während DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher betont, dass es neben den inklusiven Sportaktivitäten auch weiterhin "spezifische Angebote für Menschen mit Behinderung in geschützten Räumen"[14] geben müsse, argumentieren andere, dass ein im Sinne der Pädagogik der Vielfalt inklusiv orientiertes Sportsystem derartige Schutzräume von vornherein überflüssig mache.

Inklusion im Schulsport

Die Geschichte des deutschen Schulwesens ist seit jeher von Separierung und Spezialisierung geprägt. Noch heute gehört Deutschland zu den wenigen Ländern weltweit, in denen lediglich rund 13 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen unterrichtet werden. In Großbritannien, Portugal, Schweden oder Norwegen sind es mehr als 90 Prozent.[15] Die Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention, die eine Integrationsquote von 80 bis 90 Prozent verlangt, zieht es nach sich, dass die im Schulwesen Verantwortlichen nicht mehr umhin kommen, sich mit dem Phänomen der Heterogenität im Klassenzimmer auseinanderzusetzen. Der wissenschaftliche Diskurs im Rahmen der deutschen Schulsportpädagogik hat gegenüber Inklusionsbestrebungen - im Gegensatz zur kritischen Auseinandersetzung auf internationaler Ebene - lange Zeit die Augen verschlossen.[16] So gibt es in Deutschland in der allgemeinen Sportlehrerausbildung bis heute kaum verpflichtende Lehrmodule mit Inhalten zum inklusiven Unterricht, während in anderen Ländern die Auseinandersetzung mit Adapted Physical Activity (APA) selbstverständlich ist.[17]

Es bleibt zu konstatieren, dass ein gemeinsamer Sportunterricht von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung heutzutage zumindest in der Grundschule insofern realistischer erscheint, als hier im Gegensatz zum Gymnasium noch ein durch Heterogenität geprägter Klassenverband existiert. Jedoch ist darauf hinzuweisen, dass, obwohl der Sportunterricht ein verpflichtendes Fach ist, Kinder mit Beeinträchtigungen nicht selten aus medizinischen Gründen vom Sportunterricht befreit werden. Zudem mangelt es nicht nur den Sportlehrerinnen und -lehrern an Kenntnissen, sondern oftmals fehlen auch barrierefreie Sportstätten sowie Geräte und Materialien, um ein entsprechendes Sportangebot für Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung zu realisieren. Nicht zuletzt ist es für die Umsetzung eines inklusiven Sportunterrichtes erforderlich, sich mit den geltenden Lehrplänen für das Fach Sport, die traditionell den Wettkampfgedanken betonen, kritisch auseinanderzusetzen.[18] Ziel eines mehrperspektivischen inklusiven Sportunterrichts sollte es sein, die sechs Sinnrichtungen Leistung, Miteinander, Eindruck, Ausdruck, Gesundheit und Spannung für alle Beteiligten mit und ohne Beeinträchtigung zum Tragen kommen zu lassen.[19]

Inklusion im Leistungssport

In der Literatur wird diskutiert, dass der kompetitive Charakter des Sports seine "Attraktivität und Wirkmächtigkeit (...) vor allem in homogenen und nicht in heterogenen Situationen" entfaltet.[20] Das Problem der nicht vorhandenen direkten Vergleichbarkeit der Leistungsfähigkeit tritt nicht nur in inklusiven Kontexten, sondern auch im separierten Behindertenleistungssport auf. Um einen fairen Wettkampf zu gewährleisten (und zur aktiven Teilnahme am Wettkampfsport zu motivieren), soll ein Klassifizierungssystem helfen, die Athletinnen und Athleten je nach individueller Leistungsklasse einzuteilen. Dies kann jedoch zur Folge haben, dass beispielsweise, wie bei den Paralympics 2008 in Peking im 100-Meter-Finale der Männer geschehen, 16 Sportler als Sieger geehrt werden - ein System, das der Zuschauerfreundlichkeit des Sports abträglich ist. Eine weitere Herausforderung im Zusammenhang mit der Klassifikationsthematik zeigte sich bei den Paralympischen Spielen 2000 in Sydney, als der spanischen Basketballnationalmannschaft der Herren nachträglich die Bronzemedaille aberkannt wurde, als sich herausstellte, dass zehn der zwölf Mannschaftsmitglieder eine intellektuelle Beeinträchtigung vorgetäuscht hatten. Nach diesem Skandal wurde der Internationale Sportverband für Athletinnen und Athleten mit geistiger Behinderung (INAS-FID) seitens des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) von den Spielen ausgeschlossen.

Bei den Paralympics 2012 in London werden in den Sportarten Leichtathletik, Schwimmen und Tischtennis wieder Sportlerinnen und Sportler mit intellektuellen Beeinträchtigungen an den Start gehen, wobei in Fachkreisen die Diskussion um den Nachweis des Grades einer geistigen Behinderung anhält. So schreibt der Weltverband INAS-FID ein umfangreiches Registrierungsverfahren vor, um zu verhindern, dass Menschen ohne Behinderung an Sportveranstaltungen für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen teilnehmen. Das Verfahren sieht einen IQ-Test, ein psychologisches Gutachten sowie den Nachweis über den Eintritt der geistigen Behinderung vor dem 18. Lebensjahr vor. Als problematisch ist in diesem Zusammenhang zu werten, dass hinsichtlich der Definition von geistiger Behinderung kulturelle Abhängigkeiten bestehen, denen das vom Weltverband durchgesetzte Registrierungsverfahren nicht gerecht wird.

Generell bleibt festzuhalten, dass sich der Leistungssport mit Veränderungsprozessen, die Inklusion überhaupt erst ermöglichen, eher schwertut. Die Umsetzung so mancher - im Sinne des inklusiven Ansatzes durchaus gerechtfertigten - Forderung (etwa nach einer grundsätzlichen Öffnung der Olympischen Spiele für Athletinnen und Athleten mit jeglicher Art von Behinderung) scheint zumindest aktuell utopisch. Nicht unerwähnt bleiben darf jedoch die Tatsache, dass auch auf der Ebene des Leistungssports durchaus Erfolge zu verzeichnen sind, die inklusive Tendenzen aufzeigen. So haben in der Vergangenheit immer wieder vereinzelte Sportlerinnen und Sportler mit Behinderung an den Olympischen Spielen teilgenommen, wie etwa die zu Beginn genannte Schwimmerin Natalie du Toit.

Langer Weg zu inklusiven Sportstrukturen

Während in Deutschland die Sportstrukturen fast ausschließlich von Segregation geprägt sind, setzt man sich in anderen Ländern wie beispielsweise Kanada und Großbritannien schon seit rund 20 Jahren auf der Organisationsebene mit dem Thema Inklusion auseinander.[21] So wurde in Kanada Anfang der 1990er Jahre von der Dachsportorganisation Sport Canada als top-down-Strategie die Devise ausgegeben, dass der Zuständigkeitsbereich der einzelnen Sportfachverbände von nun an den Behindertensport einschließe. Bei Nichteinhaltung drohten den Verbänden finanzielle Sanktionen. Folge der gleichberechtigten Einordnung von Sportlerinnen und Sportlern mit und ohne Behinderung in denselben Sportverband sind gleichwertige finanzielle Fördermaßnahmen sowie - dies zumindest im Falle von Mitgliedern der britischen Paralympics-Mannschaften - gleichwertige Prämien nach Medaillengewinnen.

Das Ausmaß des Kontaktes zwischen Nationalmannschaftsmitgliedern mit und ohne Behinderung, begünstigt durch gemeinsame Trainingslager und Meisterschaften, differiert zwischen den einzelnen Sportarten jedoch mitunter erheblich. In Deutschland bestehen nur in Ausnahmefällen wie in den Bereichen Reiten, Rudern und Schießsport auf der Leistungssportebene Kooperationen mit dem jeweiligen Nichtbehindertensportverband. So wartete der Schießsport im Januar 2011 mit einem Novum im deutschen Sport auf: Gemäß einem Beschluss des Gesamtvorstandes des Deutschen Schützenbundes darf die Paralympics-Siegerin Manuela Schmermund, die im Rollstuhl sitzt, in der Bundesliga gemeinsam mit "Fußgängern" starten.

In Deutschland ist eine sportartspezifische Zusammenführung von Behinderten- und Nichtbehindertensport in den Spitzenverbänden derzeitig undenkbar, was in erster Linie auf die ablehnende Haltung von Verantwortlichen aus dem Nichtbehindertensport zurückzuführen ist. Um hier ein Umdenken zu bewirken, ist ein grundsätzlicher Mentalitätswandel vonnöten. Bedauerlicherweise wird der Behindertenleistungssport von vielen Funktionären aus dem Nichtbehindertenleistungssport als nicht gleichwertig eingestuft.

Grenzen der Inklusion

Abschließend bleibt zu konstatieren, dass das Thema "Inklusion im Sport" ein überaus komplexer Sachverhalt ist. Dies liegt erstens am Vorhandensein diverser, sehr unterschiedlicher Behinderungsarten, zweitens an den unterschiedlichen Handlungsfeldern des Sports. Während auf der Ebene des Breiten- und Freizeitsports durch langjährige Erfahrungen im Bereich des Integrationssports der Weg zur Inklusion in mancher Hinsicht zumindest weniger holprig ist, liegt die flächendeckende Umsetzung des Inklusionsgedankens auf der Ebene des Leistungssports in weiter Ferne.

Für die Ebene des Schulsports sind hingegen wohl die mit am günstigsten Voraussetzungen für inklusive Bestrebungen auszumachen. Die Pädagogik der Vielfalt hat spätestens seit den Befunden der ersten PISA-Studie Hochkonjunktur. So gilt es, sich in der (Sport)Lehrerausbildung zukünftig intensiv mit dem in einem inklusiven Klassenverband auftretenden Phänomen Heterogenität auseinanderzusetzen, um den Forderungen der völkerrechtlich verbindlichen UN-Konvention gerecht zu werden - und Behinderung bzw. Befähigung ist nur eine von vielen Heterogenitätsdimensionen.

Auf der Ebene des Breiten- und Freizeitsports bestehen, wie beschrieben, zwar schon seit Jahrzehnten integrative Sportangebote, jedoch impliziert der inklusive Ansatz, dass prinzipiell jeder Sportverein sein Angebot auf die Bedürfnisse und Voraussetzungen aller Gesellschaftsmitglieder in all ihrer Vielfalt abstimmt. Die Umsetzung dieser Forderung scheitert bislang zumeist unter anderem an fehlender Zugänglichkeit zu den Sportstätten, mangelnder Qualifikation der Übungsleiterinnen und -leiter sowie nicht zuletzt an den vorhandenen Berührungsängsten der Verantwortlichen im Bereich des Nichtbehindertensports. Der Zugang zum Sportverein "um die Ecke" bleibt auf diese Weise Menschen mit Behinderungen verwehrt. Die eingangs geschilderten, ermutigenden Szenen sind somit wohl noch als Paradebeispiele einzustufen.
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Fußnoten

1.
Laut dem Neunten Buch des Sozialgesetzbuches (SGB IX §2) sind "Menschen (...) behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist."
2.
Vgl. Volker Anneken, Teilhabe durch Sport, in: Gemeinsam leben, (2010) 3, S. 135-138; Manfred Wegner, Sport und Behinderung, Schorndorf 2001.
3.
Vgl. Volker Scheid, "Behinderte helfen Nichtbehinderten" - eine ungewöhnliche Initiative mit beachtlicher Wirkung, in: Friedhold Fediuk (Hrsg.), Inklusion als bewegungspädagogische Aufgabe. Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam im Sport, Baltmannsweiler 2008.
4.
Vgl. Josef Hermann Schäfer, Ministerialrat Dr. med. Arthur Mallwitz (1880-1968) - Ein Leben für Sport, Sportmedizin und Gesundheitsfürsorge, Bonn 2003.
5.
Vgl. Volker Scheid/Markus Rank/Ralf Kuckuck, Behindertenleistungssport. Strukturen und Anforderungen aus Athletensicht, Aachen 2003.
6.
Parallele Entwicklungen waren im Bildungsbereich zu verzeichnen; neben den bestehenden Schulen mit unterschiedlichen sonderpädagogischen Förderschwerpunkten entstanden auf Initiative engagierter Eltern vereinzelt Pilotprojekte zur integrativen Beschulung. Vgl. Fred Ziebarth, Gelingensbedingungen für eine inklusive Pädagogik, in: Sonderpädagogik in Berlin, (2010) 2, S. 5-10.
7.
Vgl. Friedhelm Fediuk, Sport in heterogenen Gruppen. Integrative Prozesse in Sportgruppen mit behinderten und benachteiligten Menschen, Aachen 2008.
8.
Im Gegensatz dazu wurde der Begriff inclusion in den angloamerikanischen Ländern bereits in den 1990er Jahren in Abgrenzung zu mainstreaming und integration verwendet. Zum Inklusionsbegriff im fachwissenschaftlichen Diskurs in Deutschland vgl. z.B. Alfred Sander, Konzepte einer inklusiven Pädagogik, in: Zeitschrift für Heilpädagogik, (2004) 5, S. 240-244.
9.
Vgl. UNESCO, The Salamanca Statement and Framework for Action on Special Needs Education, Salamanca 1994, online: www.unesco.org/education/pdf/SALAMA_E.PDF (8.3.2011).
10.
Vgl. Annedore Prengel, Pädagogik der Vielfalt, Wiesbaden 20063.
11.
Vgl. Michael Stuber, Diversity. Das Potenzial-Prinzip. Ressourcen aktivieren - Zusammenarbeit gestalten, Köln 20092.
12.
Dem medizinischen Modell steht das soziale Modell von Behinderung (social model of disability) gegenüber, das den Behinderungsbegriff als gesellschaftlich verursachte Ausgrenzung von Menschen definiert. In diesem Zusammenhang steht die viel zitierte Aussage: "Behindert ist man nicht, behindert wird man." Vgl. z.B. Marianne Buggenhagen, Ich bin von Kopf bis Fuß auf Leben eingestellt, Berlin 20012.
13.
Vgl. F. Fediuk (Anm. 7), S. 24f.
14.
Julius Beucher anlässlich der Veröffentlichung des DBS-Positionspapiers zur UN-Behindertenrechtskonvention, 27.11.2010, online: www.dbs-npc.de/DesktopDefault.aspx?dummy=true¢ermoduleid=581&multiid=3610&lm=true&dm=true&teasergrossmaxbreite=400&teasergrossmaxhoehe=300 (8.3.2011).
15.
Vgl. Brigitte Schumann, Inklusion statt Integration - eine Verpflichtung zum Systemwechsel. Deutsche Schulverhältnisse auf dem Prüfstand des Völkerrechts, in: Pädagogik, (2009) 2, S. 51ff.
16.
Vgl. Gert Hölter, Schulsport in der Förderschule - Bestandsaufnahme und Perspektiven, in: Sportunterricht, (2011) 1, S. 14-21.
17.
Vgl. Deena Scoretz/Christian Bilan, Behindertensport: Entwicklungen und Strategien aus internationaler Perspektive, in: Henning Ohlert/Jürgen Beckmann (Hrsg.), Sport ohne Barrieren, Schorndorf 2002.
18.
Vgl. Gudrun Doll-Tepper/Erika Schmidt-Gotz, Inklusiver Schulsport - Zum gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen in der Grundschule, in: Werner Schmidt (Hrsg.), Zweiter Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht. Schwerpunkt Kindheit, Schorndorf 2008.
19.
Vgl. Dietrich Kurz, Der Auftrag des Schulsports, in: Sportunterricht, (2008) 7, S. 211-218.
20.
Vgl. G. Hölter (Anm. 16), S. 18.
21.
Vgl. zum Folgenden Sabine Radtke/Gudrun Doll-Tepper, Ist-Analyse von Talentsichtung und -förderung im Behindertensport in den deutschen Landesverbänden und im Ausland (Pilotstudie), Bonn 2010.

Fußball - mehr als ein Spiel
Informationen zur politischen Bildung (Heft 290)

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