APUZ Dossier Bild
23.3.2011 | Von:
Nimet Şeker

Ist der Islam ein Integrationshindernis? - Essay

Während die Integrationsdebatte in kulturell verstandenen Dichotomien geführt wird, haben wissenschaftliche Studien herausgefunden: Islamische Religiosität ist kein Hindernis für das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland.

Einleitung

In den öffentlichen Debatten überwiegt ein defizitorientiertes Verständnis von Integration: Sie wird assoziiert mit Krisen, Parallelgesellschaften und Gewalt. Die Argumente für ein "Scheitern" der Integration sind vielfältig: eine unzureichende Beherrschung der deutschen Sprache, Abschottungstendenzen und ethnische Segregation. Seit einigen Jahren wird diese Debatte zunehmend vermischt mit einer Debatte um "den Islam". Prominente Stimmen prangern die "mangelnde Integrationsbereitschaft" oder die "Integrationsunwilligkeit", teilweise sogar eine "Unmöglichkeit" der Integration von gläubigen Muslimen an. In diesem Diskurs, der Islam und Integration verknüpft, gelten ein "vordemokratisches Menschen- und Weltbild des Islams" und "religiös fundierte Traditionen und Lebensweisen der Muslime"[1] als zentrale Ursachen für ihre Integrationsprobleme. Auffallend ist, dass soziale Probleme unter den Migranten vornehmlich auf ihre ethnische Herkunft und Religion zurückgeführt werden. Da die Probleme hauptsächlich unter Türken und Arabern auftreten, könne ja nur der Islam das Problem sein, so eine gängige Argumentation.

Die Scharia und das vermeintliche Gewaltpotenzial, die als wesensbestimmend für den Islam beschrieben werden, gelten als die größten Hindernisse für die Integration in die hiesige Gesellschaft. Das Kopftuch muslimischer Frauen gerät zur Projektionsfläche Integration negierender Diskurse, so dass Kopftuch tragende Frauen als "nicht" beziehungsweise "nicht hinreichend integriert" angesehen werden.

Der migrationspolitische Schlüsselbegriff "Integration" ist inhaltlich und analytisch derart vage, dass er in der öffentlichen Diskussion beliebig verwendet werden kann. Für sich genommen transportiert der Begriff zunächst keine Inhalte, außer dass "zu integrierende Elemente" sich in ein als homogen gedachtes "Ganzes" einfügen sollen.[2] In den Debatten wird Integration verstanden als das erwünschte Endziel eines Prozesses, dessen Nicht-Existenz oder eben "Scheitern" in den Fokus gestellt wird. So herrscht die Meinung vor, Integration müsse Muslimen "abverlangt" werden. Beispiele "erfolgreicher" Integration werden in Abgrenzung zu "gescheiterten" Integrationsbeispielen und weniger aus sich heraus definiert.

Fußnoten

1.
Vgl. Necla Kelek, Erziehungsauftrag und Integration. Eine Auseinandersetzung mit Integrationshemmnissen, in: Deutsche Jugend, 55 (2007), S. 54.
2.
Vgl. Valentin Rauer, Kulturelle Grenzziehung in integrationspolitischen Diskursen, in: Özkan Ezli/Dorothee Kimmich/Annette Werberger (Hrsg.), Wider den Kulturenzwang. Migration, Kulturalisierung und Weltliteratur, Bielefeld 2009, S. 82.