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Zur Rolle von muslimischen Konvertierten im Gemeindeleben


23.3.2011
Aktivitäten und Rituale, welche die Gemeinschaft fördern, haben in der muslimischen Religionspraxis einen hohen Stellenwert. Auch Konvertierte übernehmen vermehrt prominente Funktionen und bringen sich so aktiv in das Gemeindeleben ein.

Einleitung



Das religiöse Leben von Muslimen in Deutschland ist geprägt von der Vielfalt unterschiedlicher islamischer Glaubensrichtungen, Zuwanderergenerationen und Herkunftsregionen. Auch die Gruppe der zum Islam Konvertierten trägt zu dieser Vielfalt bei. Allerdings ist über letztere vergleichsweise wenig bekannt. Anders als zu Muslimen mit Migrationshintergrund - Personen, die selbst oder deren Eltern aus einem Herkunftsland stammen, in dem Muslime mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen - liegen keine Informationen über die Anzahl und die soziodemografische Zusammensetzung von Konvertierten vor. Gleichzeitig ist festzustellen, dass in muslimischen Gemeinden und islamischen Verbänden vermehrt Funktionen durch Konvertierte wahrgenommen werden. Mit dem Zentralrat der Muslime in Deutschland und der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands bestehen zwei bundesweite islamische Verbände, in deren Vorständen auch Konvertierte vertreten sind. Ein weiteres Beispiel ist das bundesweite Aktionsbündnis muslimischer Frauen, ein Zusammenschluss zur Verbesserung der politischen und gesellschaftlichen Teilhabe muslimischer Frauen, dessen Vorstand knapp zur Hälfte mit Konvertinnen besetzt ist. Muslimische Konvertierte sind darüber hinaus im Bereich der islamischen (Aus-)Bildung tätig, wo sie sowohl konzeptionelle als auch praktische Aufgaben übernehmen wie im Interdisziplinären Zentrum für Islamische Religionslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg oder im Institut für interreligiöse Pädagogik und Didaktik in Köln. Daneben arbeiten und publizieren sie auf vielfältige Weise zu theologischen Fragen des Islams im deutschen Kontext und zu gesellschaftspolitischen Themen, die eine Relevanz für das muslimische Leben in Deutschland aufweisen.[1] Hier lässt sich die Christlich-Islamische Gesellschaft anführen, ein Verein, der sich institutionell dem interreligiösen Dialog verschrieben hat und dessen Vorsitzender ein Konvertierter ist.



Die öffentliche Wahrnehmung von Konvertierten in Deutschland ist durch die Medienberichterstattung geprägt, welche das Thema oftmals eindimensional, vereinfachend und polarisierend bearbeitet. Merkmale dieser Art der Darstellung sind unter anderem die Fokussierung auf Gewalt, Sensationsgehalt, Personalisierung, Ausschluss-Einschluss-Muster sowie die Bereitstellung einfacher Beschreibungen statt Analysen komplexer Zusammenhänge und Konfliktursachen. Bezogen auf Konvertierte hat diese Vorgehensweise zur Folge, dass sie überwiegend unter dem Sicherheitsaspekt betrachtet und als eine homogene Gruppe von religiösen Extremisten porträtiert werden.[2] Laut Medienanalysen intensivierte sich diese einseitige und unausgewogene Art der Darstellung nach dem 11. September 2001, insbesondere nach dem vereitelten Anschlag der Sauerland-Gruppe im September 2007, der vier muslimische Männer, darunter zwei deutschstämmige Konvertierte, angehörten.[3] Aufgrund dieses Umgangs der Medien mit muslimischen Konvertierten wird der Blick auf die religiöse und gesellschaftliche Vielfalt, die dieser Gruppe zu Grunde liegt, weitgehend verstellt.

Dieser Artikel gibt zunächst einen kurzen Überblick über aktuelle Erkenntnisse zu Muslimen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Er fokussiert im Anschluss auf das religiöse Gemeindeleben, also den Kontext, in welchem die aktive Rolle von muslimischen Konvertierten beobachtet wird. Der Beitrag widmet sich danach Erkenntnissen, die über Konvertierte vorliegen, und zeigt einige offene Fragen der empirischen Forschung zu muslimischen Konvertierten und ihrer gesellschaftlichen Rolle auf.

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Fußnoten

1.
Vgl. Cornelia Filter, Mein Gott ist jetzt Allah und ich befolge seine Gesetze gern, München 2008, S. 198ff.
2.
Vgl. Keren-Miriam Tamam/Milena Uhlmann, The Media Visibility of Converts to Islam in Germany, Working Paper 2010, European Forum of the Hebrew University of Jerusalem; Esra Özyürek, Convert Alert, in: Comparative Studies in Society and History, 51 (2009) 11, S. 91-116.
3.
Vgl. K.-M. Tamam/M. Uhlmann (Anm. 2), S. 25f., S. 29.