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23.3.2011 | Von:
Stephanie Müssig
Nilden Vardar

Zur Rolle von muslimischen Konvertierten im Gemeindeleben

Hoher Stellenwert des Gemeindelebens

Im Islam haben die Gemeinschaft fördernden religiösen Handlungen eine hohe Bedeutung. Für eine solche Religionspraxis steht beispielsweise der Besuch religiöser Veranstaltungen wie das Freitagsgebet. So nehmen 35 Prozent der Befragten mehrmals im Monat oder häufiger an religiösen Veranstaltungen teil. Bei den nichtmuslimischen Befragten sind es 32 Prozent. Indes geben die muslimischen Befragten mit einem Anteil von 29 Prozent häufiger als nichtmuslimische an, nie religiöse Veranstaltungen zu besuchen. Unter den Nichtmuslimen sind es dagegen nur 19 Prozent der Befragten. Allerdings gibt es innerhalb der muslimischen Bevölkerungsgruppe Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was die Teilnahme an religiösen Veranstaltungen angeht: Während rund 43 Prozent der muslimischen Männer angeben, mehrmals im Monat oder häufiger einen Gottesdienst zu besuchen, sind es unter den befragten Musliminnen lediglich 26 Prozent. Ein Grund für den geringeren Anteil an Frauen unter den Moscheebesuchern könnte sein, dass die Teilnahme am gemeinsamen Freitagsgebet für männliche Muslime eine religiöse Pflicht darstellt, während es Musliminnen freigestellt ist.

Die hohe Verbundenheit der Muslime mit ihrer Religion zeichnet sich nicht in den institutionalisierten Religionsstrukturen ab. Eine formalisierte Mitgliedschaft in einem religiösen Verein oder einer Gruppe liegt unter den befragten Muslimen seltener vor als unter den Befragten mit einer anderen Religionszugehörigkeit. Jeder fünfte befragte Muslim gibt an, Mitglied in einem religiösen Verein zu sein, wohingegen dies bei jedem vierten nichtmuslimischen Befragten der Fall ist. Zum einen ist denkbar, dass insbesondere den Befragten christlichen Glaubens mehr Gelegenheiten zum Beitritt in einen religiösen Verein zur Verfügung stehen, da sie auch die bestehenden zumeist christlich geprägten Religionsstrukturen des Aufnahmelandes nutzen können und somit mehr Auswahl zur Verfügung haben. Zum anderen kann der geringere Anteil an Mitgliedschaften in religiösen Vereinen unter Muslimen auch darauf zurückzuführen sein, dass im muslimischen Kontext eine formalisierte Mitgliedschaft kein Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer Gruppierung oder einem Verein ist. Vielmehr entspricht es der Praxis, dass auch nicht registrierte Mitglieder als Bestandteil einer Gemeinde anerkannt sind.

Innerhalb der muslimischen Gruppe sind indes deutliche Unterschiede zwischen den Konfessionen und dem Anteil der Mitgliedschaften in einem religiösen Verein zu beobachten. Sunnitische Befragte geben zu 22 Prozent an, Mitglied in einem religiösen Verein zu sein, während der Anteil unter den befragten Aleviten ebenso wie bei den Schiiten bei rund 10 Prozent liegt. Der im Vergleich zu den Sunniten geringere Anteil an religiösen Vereinsmitgliedschaften unter den Aleviten kann darauf zurückzuführen sein, dass Aleviten später als andere muslimische Konfessionen mit der religiösen Selbstorganisation in Deutschland begonnen haben.[7] Angehörige kleinerer muslimischer Gruppierungen wie der Ahmadiyya oder den Ibaditen geben mit einem Anteil von rund 29 Prozent häufiger als die anderen Konfessionen an, Mitglied in einem religiösen Verein zu sein. Wendet man sich der aktiven Beteiligung der Muslime in einem religiösen Verein zu, geben 13 Prozent der Befragten an, sich zu engagieren. Auch hier sind es wiederum Angehörige kleinerer Religionsgruppen wie der Ahmadiyya oder den Ibaditen, die mit einem Anteil von 23 Prozent häufiger als Sunniten (13,3 Prozent), Schiiten (11,5 Prozent) und Aleviten (6,9 Prozent) angeben, das Gemeindegeschehen mitzugestalten.

Fußnoten

7.
Vgl. Martin Sökefeld, Aleviten in Deutschland, in: Bertelsmann Stiftung (Anm. 6), S. 32-37.