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23.3.2011 | Von:
Stephanie Müssig
Nilden Vardar

Zur Rolle von muslimischen Konvertierten im Gemeindeleben

Religiöses Leben der zweiten Zuwanderergeneration

Die Befunde zum religiösen Leben der zweiten Zuwanderergeneration weichen von den bisher dargestellten Ergebnissen etwas ab. Als zweite Zuwanderergeneration werden diejenigen Personen bezeichnet, die selbst in Deutschland geboren sind, aber von mindestens einem Elternteil abstammen, das nach Deutschland zugewandert ist. Mitglieder der zweiten Generation sind somit in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert worden. Muslime dieser Generation zeigen ein anderes Teilnahmemuster, was religiöse Veranstaltungen angeht. Sie berichten zu einem geringeren Anteil als Personen, die selbst nach Deutschland zugewandert sind, nie eine religiöse Veranstaltung wie beispielsweise ein Gemeinschaftsgebet zu besuchen: Während Personen der ersten Zuwanderergeneration zu 32,6 Prozent angeben, nie an einer religiösen Veranstaltung teilzunehmen, sind es unter den Muslimen der Nachfolgegeneration 20,4 Prozent. Zugleich geben die Personen der Nachfolgegeneration zu einem höheren Anteil (nämlich 37 Prozent) als die Personen der ersten Zuwanderergeneration (33,9 Prozent) an, mehrmals im Monat oder häufiger an einer religiösen Veranstaltung teilzunehmen. Dies deutet darauf hin, dass die Einbindung in eine religiöse Gemeinschaft und die gemeinschaftliche Durchführung religiöser Rituale einen relativ hohen Stellenwert im Leben von rund einem Drittel der in Deutschland geborenen Muslime mit Migrationshintergrund einnimmt.

Dagegen ist die institutionelle Bindung per Mitgliedschaft an einen religiösen Verein oder eine Gemeinde für Muslime der zweiten Zuwanderergeneration weniger attraktiv als für Muslime mit eigener Migrationserfahrung. Während erstere zu 18,5 Prozent angaben, Mitglied in einem religiösen Verein zu sein, sind es unter den letzteren 21,3 Prozent. Der Anteil der muslimischen Frauen, die Mitglied in einem religiösen Verein sind, ist deutlich geringer als der Anteil der muslimischen Männer. Während knapp jeder vierte muslimische Mann der ersten Generation (24,7 Prozent) eine Mitgliedschaft bestätigt, ist es unter den muslimischen Frauen nur jede sechste (17,1 Prozent). Die Geschlechterdifferenz ist in der zweiten Generation noch deutlicher zu beobachten: Hier gibt ähnlich der ersten Generation knapp jeder vierte an, Mitglied in einem religiösen Verein zu sein (22,9 Prozent). Unter den muslimischen Frauen ist es hingegen nur jede siebte (14,3 Prozent). Die Gründe für diese Geschlechterdifferenz könnten darin liegen, dass die Angebote der religiösen Vereine sich eher an Männer richten. Ebenso ist es möglich, dass Frauen seltener als Männer geneigt sind, eine formale Vereinsmitgliedschaft abzuschließen und sich eher informell in das religiöse Gemeindeleben einbringen.

Für letztere Vermutung sprechen die Befunde zum aktiven Engagement in einer religiösen Gemeinde oder einem Verein. Insgesamt ist die zweite Generation deutlich aktiver (18,3 Prozent) als die erste Generation (11,2 Prozent). Besonders auffällig ist jedoch, wie sich das Geschlechterverhältnis von der ersten zur zweiten Migrantengeneration ändert, wenn es um eine aktive Beteiligung in einem religiösen Verein geht. Während muslimische Frauen der ersten Generation in ihrem Engagement (8,4 Prozent) noch deutlich hinter den Männern (13,5 Prozent) der ersten Generation zurückbleiben, kehrt sich diese Geschlechterdifferenz in der zweiten Generation um: Hier sind es 19,5 Prozent der weiblichen Befragten, die sich in ihren Gemeinden engagieren und 17,2 Prozent der muslimischen Männer, die es ihnen gleichtun.

Das Partizipationsniveau im religiösen Gemeindeleben der in Deutschland geborenen Muslime geht über das der Muslime mit eigener Migrationserfahrung hinaus. Eine Erklärung hierfür könnte einerseits eine höhere Motivation der zweiten Generation sein, sich mit religiösen Themen auseinanderzusetzen. Eine weitere Begründung kann sich aus der soziodemografischen Zusammensetzung ergeben, die sich zwischen erster und zweiter Generation unterscheidet. So liegt das Bildungsniveau der Muslime der zweiten Zuwanderergeneration beispielsweise über dem der ersten. Aber auch die herkunftsbezogene Zusammensetzung variiert zwischen erster und zweiter Generation. Allgemein ist die Partizipation im muslimischen Gemeindeleben als positiver Trend zu werten, da durch die Arbeit in den Gemeinden Organisations- und Kommunikationsfähigkeiten erworben und erweitert werden, die zur zivilgesellschaftlichen Teilhabe insgesamt beitragen und befähigen.