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"Islamische Studien" an deutschen Universitäten - Zielsetzungen, offene Fragen und Perspektiven

23.3.2011

Unterschiedliche Erwartungen



Der rasche Aufbau Islamischer Studien an den Universitäten und das damit verbundene Engagement von Politik und islamischen Verbänden können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass keineswegs in allen Fragen Einigkeit besteht. Gravierende Unterschiede sind bereits in den Erwartungshaltungen festzustellen. Die Bildungspolitik ist der Ansicht, mit der Gründung Islamischer Studien ermögliche man die Chance "zu einer historisch-kritischen Methode im Umgang mit dem Koran".[5] Darüber hinaus ist die Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan der Überzeugung, dass die Einrichtung Islamischer Studien "auch Teil einer zeitgemäßen und überzeugenden Integrationspolitik" sei.[6] Als wichtige Akteure in diesem Kontext werden die künftigen Religionspädagogen angesehen, die an staatlichen Schulen im islamischen Religionsunterricht muslimischen Kindern einen moderaten und aufgeklärten Islam nahebringen sollen. Schließlich geht es auch um die Imame. Der klassische Imam, der dem Gebet vorsteht, die Freitagspredigt hält und Koranübungen leitet, gilt vielen Politikern in Bund und Ländern als nicht mehr zeitgemäßes Auslaufmodell. Gefordert wird nun eine universitäre Imamausbildung, die multifunktionale Imame hervorbringen soll. Imame sollen als Moschee-Protagonisten im kommunalen Feld nahezu alle im Gemeindeumfeld vorzufindenden Problemstellungen bearbeiten. Im Einzelnen sind dies:[7]

Wahrnehmung der traditionellen Pflichten.
Der Imam leitet das gemeinschaftliche Gebet in der Moschee und hält die Predigt im Freitagsgebet. Darüber hinaus ist er als kunstvoller Koranrezitierer tätig und vermittelt diese Fertigkeit an mehr oder minder lernwillige Schülerinnen und Schüler.

Lehrkraft für alle islamischen Angelegenheiten.
Zu den traditionellen Pflichten sind in der Gemeinde weitere Arbeitsaufgaben hinzugekommen, die der Diasporasituation geschuldet sind. Viele Muslime sind beispielsweise nicht mehr mit den rituellen Handlungen vertraut, die der Alltag erfordert, und die etwa in einem Sterbefall durchgeführt werden müssen. Sie sind in einem hohen Maße auf die Hilfe eines sachkundigen Imams angewiesen. Gleiches gilt für die Unterweisung in Speisevorschriften und vieles mehr.

Seelsorger.
Auch die Seelsorge ist kein klassisches Arbeitsfeld des Imams, denn in islamisch geprägten Ländern ist umfassende Fürsorge für Kranke, Gefangene und Menschen in schwierigen Lebenslagen eine klare Aufgabe für die Familien. Angesichts dieses historischen Sachverhalts verwundert es nicht, dass es in der arabischen und türkischen Sprache keinen Begriff gibt, der auch nur annähernd mit dem Begriff des Seelsorgers vergleichbar wäre. Dennoch sehen Muslime neuerdings hier Handlungsbedarf: Analog zur christlichen Seelsorge halten viele Muslime eine Notfall-, Telefon-, Gefangenen- und Polizeiseelsorge für durchaus hilfreich und notwendig.

Extremismusbeauftragte.
Für die Sicherheitsbehörden in Bund und Ländern ist es seit vielen Jahren ein erklärtes Ziel, die Moscheegemeinden in die Gefahrenabwehr einzubinden. Objekt der Ansprüche ist hier vor allem der Imam, der Radikalisierungsprozesse junger Muslime möglichst frühzeitig erkennen und durch präventive Maßnahmen vereiteln soll. Darüber hinaus wird erwartet, dass der Imam als Vorbild für einen zivilgesellschaftlich verträglichen Islam in und außerhalb der Gemeinde in Erscheinung tritt.

Dialogpartner.
Die Dialogarbeit der Gemeinden mit dem nichtmuslimischen Moscheeumfeld ist von einer herausragenden Bedeutung. Regelmäßige nachbarschaftliche Kontakte bilden eine wichtige Voraussetzung für einen konfliktfreien Umgang. Vor allem die Vertreter der Kommunen wünschen Imame als verständnisvolle Dialogpartner, die sachgerecht und kompetent über die Vorhaben der Gemeinde informieren.

Sozialarbeiter und Integrationslotse.
Folgt man den Verlautbarungen kommunaler Akteure, dann ist die Integrationsarbeit ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld für Imame. Imame sollen Gemeindemitgliedern und deren Umfeld die Notwendigkeit einer umfassenden Integration vermitteln. Darüber hinaus sollen sie möglichst mit fundierten Kenntnissen des Sozial- und Bildungssystems präzise Hilfestellungen anbieten.

Erziehungshelfer, Eheberater, Streitschlichtung und Mediation.
Als weiteres Tätigkeitsfeld der Imame wird neuerdings auch die Problembewältigung in Familien benannt. Imame sollen beraten und bei alltäglichen Lebensproblemen helfen, und sie sollen in Familienkonflikten als Streitschlichter oder Mediatoren fungieren.

Imame als Religionslehrer in der Schule.
Die neueste Tätigkeitsfelderweiterung präsentierte unlängst das niedersächsische Innenministerium. Es will künftige Absolventen einer universitären Imamausbildung mit einer halben Stelle im Schuldienst beschäftigen. Diese Regelung habe den Vorteil, dass der Imam bereits ein Grundgehalt habe. Die Moscheegemeinden könnten auf diesem Wege finanziell erheblich entlastet werden.

Die skizzierten Erwartungen finden nicht den ungeteilten Zuspruch der islamischen Verbände, die im Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland (KRM) zusammengeschlossen sind. Die enge Verbindung von Integrationsfragen und islamischer Theologie wird eher skeptisch betrachtet. Die Etablierung einer islamischen Theologie an deutschen Universitäten ist für die Verbände zunächst ein wichtiger Schritt im langjährigen Kampf um Anerkennung. Von zentralem Interesse sind für die Verbände die Mitwirkungsmöglichkeiten in Berufungsverfahren. Gerade hier strebt man ähnliche Regelungen an, wie sie für die großen christlichen Kirchen gelten. Analog zum nihil obstat (Unbedenklichkeitserklärung der katholischen Kirche) sollen nach dem Willen der Verbände Vertreter in Beiräten über die Eignung von Kandidaten mitentscheiden.

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Fußnoten

5.
Annette Schavan, Islamische Studiengänge in Deutschland, in: Politik und Kultur, (2011) 1-2, S. 12.
6.
Ebd.
7.
Vgl. Michael Kiefer, Zielsetzungen einer Imamausbildung in Deutschland - Vom einfachen Vorbeter zum multifunktionalen Akteur, in: Bülent Ucar (Hrsg.), Imamausbildung in Deutschland. Islamische Theologie im europäischen Kontext, Osnabrück 2010, S. 185-193.