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"Islamische Studien" an deutschen Universitäten - Zielsetzungen, offene Fragen und Perspektiven

23.3.2011

Probleme und offene Fragen



Die Beteiligung der islamischen Verbände bei den anstehenden Besetzungsverfahren und die Organisation der Islamischen Studien an Philosophischen Fakultäten ist jedoch alles andere als unstrittig. Hier zeigt sich im Vorfeld eine komplexe Problemlage. Missverständlich und unpräzise ist bereits die Bezeichnung Islamische Studien, denn diese verwischt die Grenzen zur etablierten Islamwissenschaft. Die Islamwissenschaft betrachtet ihre Forschungsgegenstände aus einem neutralen Erkenntnisinteresse und ist in der Lehre keinen religiös begründeten normativen Einschränkungen unterworfen. Anders hingegen verhält es sich bei einer islamischen Theologie, die Forschung aus einer Binnenperspektive der Religion betreibt und durchaus mit normativen Grenzen behaftet ist. Bereits die Causa "Sven Kalisch"[8] an der Universität Münster hat unmissverständlich gezeigt, dass Forschung und Lehre zentrale Dogmen des Islams nicht infrage stellen dürfen.

Ein weiteres Problem ist darin zu sehen, dass erstmalig in der bundesdeutschen Universitätsgeschichte ein bekenntnisgebundenes Fach an Philosophischen oder Kulturwissenschaftlichen Fakultäten angesiedelt werden soll. Ein solcher Schritt stellt nach Auffassung der Fachvertreterinnen und Fachvertreter der Islamwissenschaft einen gravierenden Eingriff in das wissenschaftliche Selbstverständnis dar.[9] Eine säkular orientierte Islamwissenschaft und bekenntnisgebundene islamische Theologie sind schwerlich unter einem Dach zu vereinen. Eine Unterscheidung der Abschlüsse wäre formal nicht möglich. Unverständlich ist, weshalb die Politik auf die Gestaltung eines angemessenen institutionellen Rahmens verzichtet. Der richtige Ort für eine islamische Theologie, die Wissenschaft aus einer konfessionellen Gebundenheit betreibt, ist sicherlich eine eigens einzurichtende Fakultät für Islamische Theologie, die dann auch entsprechende Abschlüsse vergeben könnte.

Weitere kritische Fragen können auch zu den Beiräten gestellt werden: Wer wird über die Besetzung der Beiräte entscheiden? Welches Spektrum des Islams ist in den Beiräten abzudecken? Welche Qualifikation müssen die Beiratsmitglieder vorweisen, und schließlich: Wie weit gehen die Mitspracherechte in den anstehenden Berufungsverfahren? Angesichts fehlender staatskirchenrechtlicher Vereinbarungen dürfte sich die Beantwortung dieser Fragen im Detail als schwierig erweisen. Darüber hinaus ist zu befürchten, dass die Tätigkeit von Beiräten mit weitgehenden Befugnissen in Berufungsverfahren Philosophischer Fakultäten der Freiheit der Lehre empfindlichen Schaden zufügen kann.

Gefragt werden kann ferner, ob ausreichend qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten für die neuen Lehrstühle zur Verfügung stehen. Expertinnen und Experten zeigen sich hier skeptisch. Bereits bei den bisher erfolgten Besetzungen an den Universitäten Münster, Osnabrück und Erlangen musste man teilweise auf fachfremdes Personal aus den Islamwissenschaften oder Sozialwissenschaften zugreifen. Grundsätzlich gilt: Ausgebildete habilitierte islamische Theologen mit ausgezeichneten Deutschkenntnissen sind eine Rarität. Nach Lage der Dinge wird man sich an den neuen Standorten zunächst mit Gastprofessuren aushelfen müssen.

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Fußnoten

8.
Nachdem Sven Kalisch die Historizität des Propheten Mohammed infrage gestellt hatte, entzogen ihm die muslimischen Beiratsmitglieder das Vertrauen. Kalisch wurde daraufhin von der Lehrerausbildung abgezogen.
9.
Vgl. die Stellungnahme zur Einrichtung des Faches "Islamische Studien" an deutschen Universitäten, Oktober 2010, online: www.dmg-web.de/pdf/Stellungnahme_Islamstudien.pdf (17.2.2011).