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23.3.2011 | Von:
Michael Borgolte

Der Islam als Geburtshelfer Europas

Europa konnte entdeckt und kulturell durchdrungen werden, als die arabischen Eroberungen die antike Mittelmeerwelt zerstört hatten. Die Muslime vermittelten den Christen die Errungenschaften antiker und orientalischer Gelehrsamkeit.

Einleitung

Sieben Kriegsgefangene waren die ersten Muslime in Deutschland. Der König von Asturien hatte sie bei seinem Überfall auf Lissabon erbeutet und im Jahr 798 zusammen mit ihren Rüstungen und Maultieren als Freundschaftsgabe an Karl den Großen nach Aachen geschickt. Mit ihnen begann noch keine Geschichte des Islams in Deutschland, da sich die Spur der Zwangsmigranten gleich wieder verloren hat. Sonst hielten sich Muslime, wenn sie als Gesandte oder politische Unterhändler an die Höfe der Karolinger kamen, als Reisende nur kurz an Orten wie Paderborn auf. Größeren Eindruck als sie selbst machte der Elefant, den Harun ar-Raschid im Jahr 802 zu Karl dem Großen bringen ließ. Der Kalif von Bagdad hatte das exotische Tier nach dem Onkel des Propheten und Begründer seiner eigenen Dynastie Abu Abass genannt. Kaum ein Franke wird diese Zusammenhänge begriffen haben, aber der Repräsentant einer fremden und fernen Kultur konnte das Ansehen und den Schrecken des Kaisers erheblich steigern. Karl nahm jedenfalls den Elefanten auf seinen Kriegszügen mit. Aber bevor sein Heer im Jahr 810 auf die Dänen stieß, verendete Abu Abass an der Lippe.

Nur eine große Gruppe von muslimischen Zuwanderern hätte den Franken und später den Deutschen die Lösung des Integrationsproblems abverlangt. Doch dazu ist es im Mittelalter nie gekommen. Der kulturellen oder gar ethnischen Verflechtung stand schon entgegen, dass Berbern, Arabern oder auch Syrern ein Leben unter den klimatischen Verhältnissen im Norden der Pyrenäen und der Alpen kaum anziehend erschien. Noch wichtiger waren religiöse Vorbehalte gegen eine Migration. Erfahrungen, die der Prophet Mohammed selbst und seine ersten Anhänger gemacht hatten, begründeten das Verbot für Muslime, unter Herrschern einer anderen Religion zu leben. Wo sie auf Reisen christliche Länder passieren mussten, sollten sie diese rasch wieder verlassen, um der Gefahr des Glaubensabfalls auszuweichen. Schwer zu lösen, war die Frage, wie sich Muslime verhalten sollten, die von fremden Mächten unterworfen worden waren. Darüber stritten die Rechtsgelehrten, wenngleich es immer empfehlenswert war, den Ländern der Ungläubigen den Rücken zu kehren.

Ein kultureller Ausgleich, eine Anpassung der Lebensverhältnisse oder gar eine gemeinsame Fortentwicklung der je eigenen Erfahrungen und Errungenschaften waren also Muslimen und Christen nur dort möglich, wo die Gläubigen des Korans die Herrschaft errungen und am besten auch bewahrt hatten. Hierin unterscheidet sich die muslimisch-christliche Symbiose grundlegend vom Zusammenleben der Juden mit Christen oder Muslimen, weil Juden überall in der Minderheit und politisch abhängig waren. Militärische Eroberungen durch orientalische Verbände richteten sich in Europa gegen christianisierte Reiche, Regionen und Bevölkerungen. Gewalt und Unterwerfungen, die teilweise als Fremdherrschaft empfunden und nach Jahrhunderten wieder beseitigt wurden, bildeten die Voraussetzungen für kulturelle Austauschprozesse, von denen Europa bis heute zehrt.