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23.3.2011 | Von:
Michael Borgolte

Der Islam als Geburtshelfer Europas

Entfaltung einer freien Wissenschaft und Philosophie

Zusammen mit den Pflanzen und den Technologien hatte die Araber aus dem Osten ein Strom wissenschaftlicher Literatur erreicht. Chinesische Werke waren zwar nicht darunter, dafür aber die reiche Überlieferung Indiens und Persiens, während die Eroberung byzantinischer Städte und Klöster den Muslimen auch Zugang zur antiken Naturwissenschaft und Philosophie der Griechen verschaffte. Angereichert durch die Kommentare und Ergänzungen der Araber floss das gelehrte Wissen aus dem Orient bis zum hohen Mittelalter auch Unteritalien und Spanien zu, wo es adaptiert und weiter bearbeitet wurde. Im Osten wie im Westen entstanden, wenngleich zeitlich versetzt, regelrechte Übersetzerkreise, welche die fremdsprachigen Abhandlungen den neuen Lesern im Arabischen, Kastilischen/Katalanischen und Lateinischen besser zugänglich machten.

In Bagdad erwarb sich besonders der Kalif al-Mamun (813-833) Verdienste um die Sammlung und Übersetzung griechischer und persischer Werke. Für ihn war unter anderem der wohl aus Persien stammende al-Khwarizmi tätig, der sich von der Mathematik der Inder inspirieren ließ. Mit einem seiner Werke begründete al-Khwarizmi die Algebra, während er in einer anderen Schrift den Gebrauch der indischen - später arabisch genannten - Zahlen und die grundlegenden arithmetischen Operationen lehrte. Das zweite Buch fand zwar nicht das Interesse seiner arabischen Zeitgenossen und ist im Original verloren. Beide Abhandlungen wurden jedoch während des 12. Jahrhunderts in Spanien ins Lateinische übersetzt. Der verballhornte Autorname in der lateinischen Fassung von al-Khwarizmis Buch über die indischen Zahlen "Algoritmi de numero Indorum" wurde bis heute zum mathematischen Terminus technicus "Algorithmus".

Von besonders großer praktischer Bedeutung war ein drittes Werk mit astronomischen Tafeln, das die Berechnung der Himmelskörper erlaubt. Es beruhte auf einer Urschrift in Sanskrit, doch berücksichtigte der Gelehrte von Bagdad auch griechische und persische Überlieferungen. Schon in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts benutzten und bearbeiteten arabische Mathematiker am Kalifenhof von Cordoba al-Khwarizmis Tafelwerk, das in dieser Form auch in Spanien von lateinischen Gelehrten übersetzt wurde. Nur die so im 12. Jahrhundert entstandenen Versionen in der westlichen Wissenschaftssprache, nicht aber die arabischen Originale, sind überliefert.

Unter den fremden Einflüssen, welche die Kultur der islamisierten Araber prägten, blieben die griechischen hinter denen aus dem mittleren Orient kaum zurück, zumindest in der Frühzeit. Die Araber konnten dabei von älteren Übersetzungen hellenistischer Werke ins Syrische profitieren. Die Verwandtschaft semitischer Sprachen erleichterte die sekundäre Übertragung ins eigene Idiom, bevor sich die arabischen Gelehrten selbst an die griechischen Originale trauten. Andererseits erreichten sie die Werke der Alten über mittelpersische Versionen.

In der Philosophie waren sie so gründlich, dass sie im 10. Jahrhundert über den ganzen Aristoteles verfügten und von Platon einige Dialoge in arabischer Sprache hatten. Auch Neuplatoniker, Stoiker und Neupythagoreer fanden ihr Interesse. Von den Medizinern, allen voran von Hippokrates und Galen, erstrebten sie erschöpfende Textcorpora in ihrer eigenen Sprache, in der Botanik schätzten sie Dioskurides, in den Naturwissenschaften im Übrigen Euklid, Archimedes und Ptolemaios. Wiederum ging die Aneignung der antiken Texte mit der Abfassung eigener Traktate einher.