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23.3.2011 | Von:
Michael Borgolte

Der Islam als Geburtshelfer Europas

Ruhm der arabischen Wissenschaften

Die Entfaltung einer freien Wissenschaft und Philosophie war allerdings im Kalifat von Bagdad auf Dauer unmöglich. Von jeher waren im Islam diejenigen Wissenschaften privilegiert, die der Kenntnis und dem Verständnis des Korans sowie des Rechts dienten. Man sprach geradezu von "islamischen Wissenschaften", denen in dienender Funktion auch die philologischen Disziplinen zugeordnet waren, die sich mit arabischer Sprache befassten. Von ihnen streng getrennt waren die "fremden" Wissenschaften, also die Lehren der heidnischen Griechen, die letztlich mit Erfolg bekämpft wurden. Spätestens in der Mitte des 11. Jahrhunderts ging deshalb das "goldene Zeitalter" der islamischen Kultur in Bagdad zu Ende.

Zur gleichen Zeit hatten die von Arabern übersetzten, kommentierten und selbstständig fortentwickelten Lehren griechischer und fernöstlicher Gelehrsamkeit das Interesse der westeuropäischen Gelehrten geweckt. Im muslimischen Spanien und im normannischen beziehungsweise staufischen Unteritalien traten die Herrscher und Fürsten als Patrone der Wissenschaft in Erscheinung. In Andalusien bildeten die Muslime auch Schulen aus, die sich auf bestimmte Fächer oder Gebiete konzentrierten. So war Sevilla im 12. Jahrhundert ein Schwerpunkt für aristotelische Philosophie. Im Allgemeinen betätigten sich die Gelehrten aber als Philosophen, Theologen, Naturwissenschaftler und sogar Poeten zugleich. Unerfüllter Erkenntnistrieb machte sie auch mobil, so dass sie "aus Liebe zur Wissenschaft" in den Orient reisten und dabei bis zum mongolischen Observatorium in Aserbaidschan vorstießen.

Der Ruhm der arabischen Wissenschaften in Spanien verbreitete sich andererseits bis nach England. Einer, der "nach seinem Vermögen die Studien der Araber durchdringen" wollte und dabei vor allem an Astronomie-Astrologie und an Mathematik dachte, war Adelard aus Bath. Er hatte an Schulen in der Normandie und an der Loire seine Ausbildung in den Sieben Freien Künsten (studia liberalia) erfahren und war dann weitergezogen, über die französischen Bildungszentren Tours und Laon nach Salerno und Sizilien sowie bis nach Antiochien in Syrien. Adelard übersetzte 1126 die astronomischen Tafeln des al-Khwarizmi und übertrug erstmals die "Elemente" des Euklid (eine Zusammenfassung der bis etwa 280 v.u.Z. entstandenen Arithmetik und Geometrie) vollständig vom Arabischen ins Lateinische. Daneben verfasste er auch eigene Abhandlungen, die zum Beispiel den mathematisch-astronomischen Geräten Abakus und Astrolab gewidmet waren.

Wie Adelard suchten auch andere weitgereiste Männer das christliche Spanien auf, um die Schätze Griechenlands, Indiens, Persiens und des Islams ins Lateinische zu übertragen. So wenig über den Lebensweg der Wissbegierigen bekannt ist, lässt sich erkennen, dass sie aus vielen Ländern des westlichen Europas kamen, darunter wohl auch aus dem römisch-deutschen Reich. In Toledo, Barcelona und verschiedenen Orten des Ebrotales bildeten sich Zentren der Übersetzungstätigkeit aus, an denen sich Muslime und Juden den christlichen Gelehrten zur Verfügung stellten.

Manchmal formulierte ein Christ den lateinischen Text zwar direkt nach der arabischen Vorlage, meist aber bildete er ein Team mit Anderen. Dann pflegte der erste Gelehrte das arabische Wort laut in die Volkssprache zu übertragen und ein zweiter darauf die lateinische Version niederzuschreiben. Der sich der Landessprache bediente, war oft ein Jude, der andere ein Christ, typischerweise ein Kleriker. Trilinguale Juden, die Hebräisch, Arabisch und eine der romanischen Sprachen beherrschten, spielten eine Schlüsselrolle. Der Prozess der Aneignung arabischer Literatur durch die Lateiner vollzog sich freilich nicht bloß durch Übersetzung, sondern wie bei den Arabern in Bezug auf die Griechen auch durch Zusammenfassung, Ergänzung und selbstständige Fortentwicklung der vorgelegten Texte.

Ähnlich wie im muslimischen Spanien war auch in Sizilien unter christlichen Herren die Wissenschaft höfisch bestimmt. König Roger II. ließ beispielsweise den arabischen Geographen al-Idrisi nach jahrzehntelangen Forschungen und ausgedehnten Exkursionen eine aufwändige Weltkarte erstellen. Unter einem seiner Nachfolger wurden auch hier Werke des Aristoteles und der ganze Platon übersetzt. Die Bibliothek in Syrakus soll die Werke der Weisheitslehrer Heron, Anaxagoras, Aristoteles, Themistios und Plutarch sowie der Naturwissenschaftler wie Euklid umfasst haben.

Kaiser Friedrich II., der Nachfolger der normannischen Herrscher von Sizilien, suchte den Kontakt mit dem Kaufmann und Mathematiker Leonardo von Pisa, der auf seinen Handelsreisen unter anderem nach Ägypten und Syrien immer wieder andere Gelehrte aufsuchte, um sein Wissen zu ergänzen. Durch sein "Buch über den Abakus" machte er seinen Landsleuten das Ziffernrechnen bekannt und brachte ihnen dessen praktische Vorteile im Geschäftsleben mit zahlreichen Beispielen aus arabischen, byzantinischen und lateinischen Quellen nahe. In Friedrichs Umgebung wurde unter anderem auch die Tierkunde des Aristoteles aus einer arabischen Fassung ins Lateinische übersetzt, die der Kaiser für sein eigenes "Falkenbuch" benutzte.

Christliche Pilger nach Santiago de Compostela oder nach Rom und sonstige Reisende verbreiteten den Ruhm der neuen Wissenschaft und die Kenntnis der latinisierten Schriften der Griechen und Araber im ganzen Westen. Besonders in den französischen Kathedralschulen, die ihrerseits Studierende auch aus Deutschland anzogen, blühte die Gelehrsamkeit auf. In Chartres beispielsweise konnten die lateinischen Dichter und Schriftsteller der Antike ebenso studiert werden wie die griechisch-römischen Philosophen und Naturwissenschaftler. Nicht zuletzt erregten aber die muslimischen Autoren selbst Aufmerksamkeit, denn die Araber galten als "die Philosophen" schlechthin. Avicenna, dessen eigentlicher Name Ibn Sina war, Arzt, Physiker, Philosoph, Jurist, Mathematiker, Astronom und Alchemist aus Persien, stand als Autorität neben Aristoteles. Indem sie den Lateinern eine völlig neue Grundlage der Wissenschaft zugänglich machten, wurden die Araber im hohen Mittelalter zum zweiten Mal zu Geburtshelfern Europas.

Der Ort, an dem die Wissenschaft jetzt zur Entfaltung kommen sollte, war freilich eine rein lateinische Einrichtung: die Universität. Von Hohen Schulen dieser Art, etwa der in Paris mit ihren Schwerpunkten auf Philosophie und Theologie, waren Muslime und Juden fast vollständig ausgeschlossen. Ebenso hatten spätere Pläne zur Einrichtung von Arabisch- oder Hebräischlehrstühlen an Universitäten keinen durchschlagenden Erfolg. Das gemeinsame Bemühen von christlichen, muslimischen und jüdischen Übersetzern um das rechte Verständnis der alten griechischen und neuen arabischen Texte im 12. oder auch im 13. Jahrhundert hatte keine transkulturelle Arbeitsform von Dauer begründet.