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2.3.2011 | Von:
James W. Vaupel
Björn Schwentker

Eine neue Kultur des Wandels - Essay

Gesellschaft der Hundertjährigen

Der Zugewinn an Lebenszeit dauert schon lange an und vollzieht sich in hohem Tempo. Allein im 20. Jahrhundert stieg die Lebenserwartung in Deutschland um etwa 30 Jahre. Ähnlich stark nahm sie auch in vielen anderen Staaten Westeuropas, in Australien, den USA, Kanada oder Japan zu. Heute hat ein in Deutschland geborenes Mädchen eine Lebenserwartung von etwa 82 Jahren und sechs Monaten.[2] Dieser statistische Wert geht allerdings davon aus, dass sich die gesundheitlichen Bedingungen in den nächsten Jahrzehnten nicht weiter verbessern - eine eher unrealistische Annahme.

Schließlich lässt sich für viele entwickelte Staaten eine rasante Steigerung der Lebenserwartung schon seit mindestens 1850 belegen (sh. Grafik in der PDF-Version). Es zeichnet sich ein schon lange anhaltender Trend ab: Die jeweils Besten im Ländervergleich gewinnen etwa drei Lebensmonate pro Jahr. Alle zehn Jahre werden wir also mit zweieinhalb zusätzlichen Lebensjahren beschenkt - oder, zugespitzt ausgedrückt, jeden Tag mit sechs Stunden.

Selbst wenn man konservativ schätzt, dass die gesundheitlichen Verbesserungen, die hinter diesem Zugewinn liegen, sich bloß in schwächerem Maße fortsetzen und die Lebenserwartung für die kommenden Jahrzehnte nur um zweieinhalb Monate pro Jahr zulegt, kommt man zu einem beeindruckenden Ergebnis: Ein 2010 in Deutschland geborenes Baby wird mit mindestens 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit hundert Jahre alt.[3] Die Kinder, die heute auf den Geburtsstationen liegen, sind bereits die Bürgerinnen und Bürger einer Gesellschaft der Hundertjährigen.

Gleichzeitig erreichen schon jetzt immer mehr Senioren ein sehr hohes Alter. Weil die verbleibende Lebenserwartung im Verlauf des Lebens steigt, können 65-jährige Frauen heute mit im Durchschnitt 20 weiteren Jahren rechnen, und sogar 85-jährige noch mit sechs. Ein nicht nur langes, sondern sehr langes Leben ist also kein Phänomen der ferneren Zukunft. Es ist bereits Wirklichkeit. Deswegen ist auch der radikale Wandel von Politik und Gesellschaft, den die Erweiterung unseres Lebenshorizontes nötig macht, kein Projekt, das sich für die Zukunft aufheben ließe. Es gilt, dies jetzt anzugehen.

Aber wird die Verlängerung des Lebens nicht bald ein jähes Ende finden, weil es eine biologische Obergrenze für das Alter des menschlichen Körpers gibt? Es sieht nicht danach aus. Immer wieder haben Forscher obere Altersgrenzen postuliert. Doch die ungebremst ansteigende Lebenserwartung hat jede einzelne davon durchbrochen.[4] Es gibt bis jetzt keinen Befund, der etwas anderes belegt: Unsere Lebensspanne könnte theoretisch endlos wachsen.

Dafür spricht auch, wie der Zugewinn an Lebensjahren heute zustande kommt. Bis 1920 nahm die Lebenserwartung vor allem zu, weil die Sterblichkeit von Kindern und Jugendlichen beträchtlich sank. Je weniger Erfolge in diesem Alter erzielt werden konnten, desto wichtiger wurden jedoch die Beiträge aus höheren Altersgruppen. Inzwischen geht die Verlängerung des Lebens zu fast 80 Prozent auf das Konto einer sinkenden Sterblichkeit in der Klasse der über 65-Jährigen. Dabei verliert der Prozess keineswegs an Tempo.

Fußnoten

2.
Angaben des Statistischen Bundesamtes.
3.
Vgl. Kaare Christensen/Gabriele Doblhammer/Roland Rau/James W. Vaupel, Ageing populations: the challenges ahead, in: Lancet, (2009) 374, S. 1196-1208.
4.
Vgl. James Oeppen/James W. Vaupel, Broken limits to life expectancy, in: Science, (2002) 296, S. 1029ff.

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