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2.3.2011 | Von:
James W. Vaupel
Björn Schwentker

Eine neue Kultur des Wandels - Essay

Kontra statisches Katastrophendenken

Doch was nun? Es gilt, die Tatsache, dass wir immer gesünder alt werden, in handfeste Politik umzusetzen. Nimmt man lediglich zur Kenntnis, dass die Lebenserwartung steigt, ignoriert aber sowohl, dass Menschen länger gesund sind und darum länger arbeiten können, als auch, dass sich das Rentenalter entsprechend anpassen lässt, muss man zwangsläufig folgern, dass das Sozialversicherungssystem zerbrechen wird. Der öffentliche Diskurs hat diese Denkweise mit Hilfe eines numerischen Symbols zementiert: Dem sogenannten Altersquotienten, dem Verhältnis von Rentnern zu Renteneinzahlern.

2008 lag dieses Verhältnis bei 34 Prozent.[7] Die Trennlinie zwischen Alt und Jung lag dabei, wie meistens unterstellt, bei 65 Jahren, dem heutigen Renteneintrittsalter. Die ganze Dramatik des "Rentenproblems" scheint deutlich zu werden, wenn man, wie in der gegenwärtigen Debatte üblich, in den Berechnungen das Renteneintrittsalter bei 65 Jahren belässt und nur die Lebenserwartung steigen lässt (Ceteris-Paribus-Fehler). Für das Jahr 2030 kommt man so auf eine Prozentzahl von 53, und 2060 würden hundert Renteneinzahler schon für 67 Pensionäre aufkommen müssen.[8] In solch einem Szenario können die Alten nur als Belastung empfunden werden.

Ganz anders sieht es aus, wenn man das Rentenalter als variabel begreift. Schon die Rente mit 67, die bis 2029 umgesetzt sein soll, führt für 2060 zu einem niedrigeren Altenquotienten von 60 Prozent. Angesichts einer gesunden Lebenserwartung, die nicht aufhört zu steigen, ist allerdings letztlich jede feste Altersgrenze fragwürdig - sei sie nun 65 oder 67. Demografen aus Österreich und den USA haben ausgerechnet, was passieren würde, stiege die Rentenaltersgrenze so schnell wie die Lebenserwartung: Der Quotient nimmt dann zwar zunächst bis auf ein Maximum von knapp 40 Prozent im Jahr 2040 zu, wenn die Babyboomer in ein höheres Alter kommen. Danach aber schrumpft er und fällt auf etwa 30 Prozent am Ende des Jahrhunderts. Wenn die Babyboomer sterben, erlebt Deutschland also eher eine Verjüngung als eine Vergreisung.[9]

Verkehrte Welt? Keineswegs. Absurd ist vielmehr die politische Praxis: Seit etwa hundert Jahren liegt das Renteneintrittsalter in Deutschland bei 65. Die Lebenserwartung ist seitdem aber um 30 Jahre gestiegen. Als die Rentenversicherung 1913 eingeführt wurde und die Menschen etwa 50 Jahre lang lebten, war die Grenze von 65 Jahren ebenso wenig berechtigt wie heute bei einer Lebenserwartung von etwa 80.

Fußnoten

7.
34 Menschen im Alter von 65 Jahren und mehr ("Rentner") kamen auf Hundert Personen zwischen 20 und 64 Jahren ("Renteneinzahler").
8.
Vgl. 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, Wiesbaden 2009, Variante 1-W1.
9.
Für diese Berechnung wurde angenommen, dass die deutsche Geburtenrate von derzeit etwa 1,4 Kindern pro Frau auf 1,6 im Jahr 2082 steigt. Vgl. Waren C. Sanderson/Sergei Scherbov, Average remaining lifetime can increase as human populations age, in: Nature, (2005) 435, S. 811ff.

Dossier

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Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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