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2.3.2011 | Von:
James W. Vaupel
Björn Schwentker

Eine neue Kultur des Wandels - Essay

Rentenalter abschaffen

Wie könnte ein sinnvolles System aussehen? Klar ist, dass Menschen länger arbeiten können, müssen und auch wollen. Wer mit der Aussicht auf ein hundertjähriges Leben geboren wird, den dürfte die Perspektive, 35 Jahre ohne die Herausforderung und Verantwortung eines Jobs zu verbringen, nicht besonders reizen. Aus Sicht des Staates ist es am einfachsten, das Rentenalter heraufzusetzen. Doch um wie viel? Inzwischen ist zwar in Deutschland eine Anhebung auf 67 Jahre beschlossen. Doch das kann nur ein erster Schritt sein. Denn so lange die Lebenserwartung weiter steigt, wird jedes fixe Rentenalter, egal wie hoch, von der demografischen Dynamik eingeholt, und das Missverhältnis von Rentenbeziehern zu Renteneinzahlern wird sich immer wieder neu aufbauen.

Verhindern ließe sich das durch eine dynamische Rentenregel: Die Altersgrenze würde dabei nach einer gesetzlich festgelegten Formel kontinuierlich angehoben. Ein solches Gesetz wäre auch politisch dauerhafter und effizienter, als sich immer wieder auf die Änderung eines fixen Altersschemas einigen zu müssen. Wie die teilweise erregte Diskussion um die Rente mit 67 zeigt, besteht die Gefahr, dass solche Schemata schon in der langen Einführungsphase angepasst werden müssen.

Wie eine dynamische Rentenregel gestaltet wird, lässt sich nur im gesellschaftlichen Diskurs festlegen. Im Extremfall ließe sich das Rentenalter direkt an die Lebenserwartung koppeln, dann stiegen beide Werte proportional. Das hat der dänische Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen gerade seinen Landsleuten für die Zeit nach 2030 ans Herz gelegt.[10] Eine Alternative schlägt der deutsche Ökonom Axel Börsch-Supan vor: Man könnte die hinzukommenden Lebensjahre nach einem festen Verhältnis auf Arbeits- und Pensionszeit verteilen.[11] Rechenbeispiel: Wählte man die heutige Aufteilung von etwa 2:1 bei einer konservativ geschätzten Steigerung der Lebenserwartung von zwei Jahren pro Jahrzehnt, so läge das Renteneintrittsalter 2030 bei 67 Jahren und acht Monaten und 2050 bereits bei 70 Jahren und vier Monaten. 2050 hätten Frauen dann schon eine Lebenserwartung von 90, Männer von 85 Jahren.

Für deutsche Politikerinnen und Politiker sind solche Vorschläge bislang tabu. Hält sich doch hartnäckig die Überzeugung, Menschen jenseits der 65 seien nicht mehr belastbar und zu wenig produktiv, um gewinnbringend am Wirtschaftsprozess teilnehmen zu können. Die Ergebnisse der Altersforschung zeichnen hier ein differenzierteres Bild: Es ist richtig, dass Ältere weniger körperliche Kraft haben als Jüngere und einige ihrer kognitiven Fähigkeiten nachlassen. Gleichzeitig haben sie aber mehr Erfahrung und soziale Kompetenz. Wiederholt haben Untersuchungen ergeben, dass daher Teams gemischten Alters produktiver sind als Gruppen allein aus jungen Kollegen.[12]

Dazu passen Forschungsergebnisse, die zeigen, dass Ältere zwar mehr Fehler machen, aber für das Unternehmen weniger folgenschwere als ihre jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.[13] Inwieweit Produktivität tatsächlich vom Alter abhängt, wird sich erst herausfinden lassen, wenn alle Altersklassen durch lebenslange Weiterbildung auf dem gleichen Wissensstand sind. Denn momentan kommen die Jungen gerade aus der Ausbildung, und ihr frisches Wissen führt vergleichsweise leicht zu Innovationen. Ältere Mitarbeiter, deren letzte Schul- oder Vorlesungsstunde Jahrzehnte zurück liegen kann, sind demgegenüber erheblich im Nachteil.

Während zwar im Durchschnitt alle immer gesünder alt werden, schwankt die individuelle Leistungsfähigkeit von Person zu Person. Insbesondere können und wollen einige länger arbeiten als andere. Geeigneter als eine dynamische Rentenregel wäre darum eine radikalere Lösung: Das Renteneintrittsalter ganz abzuschaffen.[14] Die Menschen könnten dann arbeiten, so lange sie wollen. Das sollte man ihnen unbedingt erlauben. Momentan muss, wer in Deutschland länger als bis 65 arbeiten will, im Normalfall um eine Ausnahmeregelung kämpfen. Denn die meisten Arbeitsverträge enden automatisch mit dem gesetzlichen Rentenalter.[15]

Mit dem Rentenalter würde gleichzeitig eine "magische Zahl" abgeschafft, die in der öffentlichen Wahrnehmung für den Beginn der persönlichen Arbeitsunfähigkeit steht. Alle Menschen derart über einen Kamm zu scheren, wird den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Bürger nicht gerecht. Ohnehin verstellt eine auf das Rentenalter fokussierte Debatte den Blick darauf, dass es um viel mehr geht: Was vor uns liegt, ist eine komplette Neuorganisation des Arbeitslebens.

Fußnoten

10.
Vgl. Gunnar Herrmann/Thomas Öchsner, Jetzt neu: Rente mit 74, in: Süddeutsche Zeitung vom 27.1.2011, S. 17.
11.
Vgl. Axel Börsch-Supan, Über selbststabilisierende Rentensysteme, MEA Discussion Paper, (2007) 133.
12.
Vgl. Christian Göbel/Thomas Zwick, Which Personnel Measures are Effective in Increasing Productivity of Old Workers?, ZEW Discussion Paper, (2010) 10-069.
13.
Vgl. Axel Börsch-Supan/Matthias Weiss, Productivity and the Age Composition of Work Teams: Evidence from the Assembly Line , MEA Discussion Paper, (2007) 148.
14.
Flankierend wären Renten-Abschläge bei zu früher Verrentung nötig, denn der Staat muss Anreize für Arbeit setzen, nicht aber für Frühpensionierung.
15.
Der Europäische Gerichtshof hat gerade festgestellt, dass dies rechtens und keine Diskriminierung des Alters ist. Vgl. EuGH-Urteil vom 12.10.2010 (Az: C45/09).

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