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2.3.2011 | Von:
James W. Vaupel
Björn Schwentker

Eine neue Kultur des Wandels - Essay

Wie wollen wir leben?

Lässt man die Ceteris-Paribus-Beschränkungen fallen, wird sichtbar, welche Chancen der demografische Wandel birgt. Mit Blick auf das gesellschaftliche Ganze mag es eine ungewöhnliche Idee sein: Dass ausgerechnet jetzt ein hervorragender Zeitpunkt ist, um umzudenken und unsere Art zu leben und zu arbeiten grundlegend umzukrempeln und so zu verbessern. Aus individueller Sicht läuft es aber genau darauf hinaus. Jedes heute in Deutschland geborene Kind wird sich, sobald es begreift, dass es hundert Jahre vor sich hat, fragen: Wie will ich eigentlich leben? Wie will ich mein Jahrhundert verbringen, wie meine Lebenszeit einteilen? So wie bisher sicherlich nicht.

Die traditionelle Aufteilung des Lebens in die drei Abschnitte Lernen - Arbeit - Freizeit wird aufbrechen. Es war eigentlich noch nie sinnvoll, die gesamte Ausbildung in die zwei ersten Lebensjahrzehnte zu stecken (und danach nicht oder kaum weiter zu lernen), in die nächsten drei oder vier Jahrzehnte maximale Arbeitslast und Elternschaft gleichzeitig hineinzudrängen, um dann in Rente zu gehen und endlich Zeit zu haben, wenn man sie für die Kinder gar nicht mehr braucht.

Künftig werden sich Arbeit, Ausbildung, Freizeit und Zeit für Kindererziehung im Lebensverlauf zu den verschiedensten Zeiten stark vermischen. Das bedeutet erhebliche strukturelle Veränderungen für jeden der Bereiche. Die Wirtschaft wird sich darauf einstellen müssen, die Arbeit besser an den Zeitbedürfnissen der Menschen zu orientieren und Vollzeitjobs in großem Stil in Teilzeitjobs umwandeln. Der Staat könnte dies flankieren durch Maßnahmen wie lebenslange Arbeitszeitkonten und fiskalische Anreize.

Das Bildungssystem würde dann in 50 Jahren nicht mehr wiederzuerkennen sein - im positiven Sinn. Lebenslanges Lernen könnte vom Schlagwort zur Realität geworden sein. Universitäten und andere Bildungseinrichtungen würden von Menschen jeden Alters besucht, und regelmäßige, häufige und gründliche Weiterbildung sollte von den Arbeitgebern nicht nur toleriert, sondern gefordert und bezahlt werden. Unternehmen, die ihre Leistung steigern wollen, würden zudem erkannt haben, dass Weiterbildung allein nicht reicht. Es wäre üblich, dass sich mit mehr Wissen auch die Tätigkeiten der Mitarbeiter verändern und ihre Verantwortung wächst. Das Forschungsfeld zur Produktivität der Ressource Mensch wird boomen und seine Erkenntnisse die Arbeitswelt weiter verändern. Bildung wird die wertvollste Währung in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt sein.

In der Wissenschaft häufen sich erste Hinweise, dass mehr Bildung und kürzere Arbeitszeiten, verteilt über ein längeres Arbeitsleben, sowohl Lebenserwartung als auch Gesundheit weiter steigern können. Wenn wir es richtig angehen, könnte die als so negativ abgestempelte Alterung zu einem äußerst produktiven Prozess mit positiver Rückkopplung werden.


Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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