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2.3.2011 | Von:
James W. Vaupel
Björn Schwentker

Eine neue Kultur des Wandels - Essay

Neues Kinderglück

Chancen ergeben sich auch für das neben dem Altern zweite große Thema des demografischen Wandels: Das Geburtenverhalten. Wenn sich die Arbeitszeit gleichmäßiger über das Leben verteilt, könnte das die Geburtenrate nach oben treiben. Denn dann müssen junge Menschen weniger arbeiten, haben wieder Zeit für Kinder, und die Belastung für beide Geschlechter, gleichzeitig Job und Elternschaft zu meistern, nimmt spürbar ab.

Auch wenn die Kinderzahl pro Frau in Deutschland seit etwa 40 Jahren bei ungefähr 1,4 liegt, wünschen sich junge Paare weiterhin mehr Kinder. Viele von ihnen können ihre Kinderwünsche nur derzeit nicht umsetzen. Damit sie es in vollem Umfang tun, muss sich auch die Geschlechterkultur wandeln. So scheinen Paare eher Nachwuchs zu planen, wenn Frauen und Männer in Gesellschaft und Partnerschaft gleichberechtigt leben.[18]

Auch hier hilft die Umverteilung der Arbeit. Wenn sie nämlich nicht nur entlang des Lebensverlaufs, sondern auch zwischen den Geschlechtern gelingt. Das ist schon deswegen nicht nur ein moralisches, sondern auch ein ökonomisches Gebot, weil die Wirtschaft auf die Expertise und Arbeitskraft der gut ausgebildeten Frauen nicht länger verzichten kann. Die Neuorganisation der Arbeitswelt wird darum notwendigerweise auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen. Es wäre deswegen nicht verwunderlich, wenn es in Deutschland in absehbarer Zeit mehr bezahlbare, akzeptable und ausreichend flexible Kinderbetreuungsmöglichkeiten gäbe als heute vorstellbar. Käme es so, dürfte das die Geburtenraten ebenfalls klettern lassen.[19]

Es ist nicht zuletzt die Lebensperspektive, ein sehr hohes Alter zu erreichen, die das Geburtenverhalten nachhaltig beeinflussen könnte: In einem Leben von hundert Jahren sind zwei Jahrzehnte aktiver Kindererziehung ein vielleicht entbehrungsreicher, aber doch nur kurzer Abschnitt. Danach wird Nachwuchs vor allem als Bereicherung empfunden. Die Freude an Enkeln und Urenkeln gibt dem Kinderkriegen eine ganz neue Relevanz. Die Antizipation dieser Freude wird ein zunehmend wichtiger Grund werden, die Elternschaft anzugehen.

Aus diesem Blickwinkel erscheint übrigens auch ein "Krieg der Generationen" unwahrscheinlich, in dem die Mehrheit der Alten den Jungen die Ressourcen streitig macht und eine staatliche Umverteilung zu ihren Gunsten durchsetzt. Wie Untersuchungen über die Einstellungen zu Generationenfragen zeigen, denken Eltern und Großeltern anscheinend eher altruistisch, wenn es um Transfers an die Jüngeren geht. Sie stimmen etwa wesentlich häufiger für die Finanzierung von Elterngeld, flexible Arbeitszeiten für Eltern oder Investitionen in Kinderbetreuung als Kinderlose.[20] Zu einer "Kultur der Kinderlosigkeit", die einige befürchten, wird es jedoch nicht kommen. Viel wahrscheinlicher ist das Gegenteil.

Fußnoten

18.
Vgl. Gerda Neyer/Dorothea Rieck, Moving towards Gender Equality, in: UNECE (ed.), How Generations and Gender shape Demographic Change (Conference Proceedings), Genf 2009.
19.
Nachdem lange Zeit wissenschaftlich schwer belegbar war, dass mehr Kinderbetreuung tatsächlich zu mehr Kindern pro Paar führt, ließen sich erst kürzlich deutliche Effekte nachweisen. Vgl. Ronald R. Rindfuss/David K. Guilkey/S. Philip Morgan/Øystein Kravdal, Child-Care Availability and Fertility in Norway, in: Population and Development Review, 36 (2010) 4, S. 725-748.
20.
Vgl. Harald Wilkoszewski, Alte versus Junge, in: Manuela Glaab/Werner Weidenfeld/Michael Weigl (Hrsg.), Deutsche Kontraste, Frankfurt/M. 2010.

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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